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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-08 · Heft 32 (8.8.1889) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 32 (8.8.1889)
Date
1889-08-08
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
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498 quell aller wahren Religion und Philosophie ist, über alle jene ihr entgegenstehenden Theoreme triumphirend sich erhebe und, wie die israelitischen Propheten es einmüthig verkündet, am Ende der Tage den vollen Sieg über sie davon tragen werde. Es ist nun gar kein Schade und nicht zu bedauern — weil in der Natur der Sache liegend —, daß der Menschengeist in seinem Forschen nach dem Verborgenen und Suchen nach dem Wahren, welches ja nach Lessing von höherem Werth ist als die gefundene Wahrheit selbst, auf mannigfache falsche und trügerische Pfade geräth und solche auch mit Beharrlichkeit weiter verfolgt. Ist doch sogar unbegrenzte Mannigfaltigkeit auch das Charakteristikum von Gottes großer Natur, und theilen sich die Strebungen und Beschäftigungen der Menschen im praktischen Leben tausend- und abertausendfältig, wodurch ja eben der Pulsschlag des gesellschaftlichen Lebens stets rege und kräftig erhalten wird. Warum sollte demnach der denkende Geist nicht nach allen möglichen Richtungen seine Fühlhörner ausstrecken, in solchem Ringen und Kämpfen seine Kräfte mehren und aus dem Anprall der verschiedenen Meinungen und Theorien das geläuterte Gold der Wahrheit schließlich zu Tage fördern? Wenn aber ein Object des menschlichen Denkens für Speculation und Phantasie unerschöpflichen Stoff herzugeben vermag, so ist's die Gottesidee, die, wie ihr Gegenstand: das Göttliche, unendlich in ihrer Entwickelung und Ausgestaltung ist. Im Grunde genommen bildet und stellt sich jeder Mensch seinen Gott nach seiner eigenen Individualität verschieden vor, und ebenso oder in noch höherem Grade sind die Begriffe der Stämme und Nationen davon aufs Mannigfaltigste geformt, so daß wir vom rohesten Fetischismus, der nach momentaner Eingebung und Laune sich einen Gott macht und ihn ebenso leicht wieder bei Seite wirft, bis zum geklärtesten Monotheismus hinauf eine von der Erde zum Himmel reichende Stufenleiter vor uns haben. Alle diese erkennen denn, sei es in roherer oder gebildeterer Vorstellung, einen Gott oder Götter an, von denen sie Gutes hoffen oder Böses fürchten, darum sie mit Gebet und Opfer in der Noth um Hilfe anrufen oder um Erweisung von Wohlthaten bitten, die sie sich daher als selbständige, selbstbewußte Wesen denken, welche ihre Macht nach eigenem Gutdünken anzuwenden im Stande sind. Da dies nun von Alters her, soweit menschliche Sage und Geschichte Zurückreichen, so gewesen, und alle Völker auf dem ganzen Erdenrund darin miteinander harmoniren, so daß der Prophet Maleachi (1, 11) Recht hat zu sagen: „Von Sonnenaufgang bis zu ihrem Niedergang wird Mein Name gepriesen unter den Nationen" u. s. w., so muß diese Idee doch wohl eine dem Menschengeiste immanente und unentbehrliche sein, ohne welche er alles Haltes nach Innen und Außen ermangelte und sich zum Viehe herabgewürdigt fühlen müßte, das, dumpf vor sich hinbrütend, nichts Höheres ahnt (Ps. 49, 21). Man müßte darum voraussetzen, daß die speculative Erörterung der Gottesidee jeder Zeit von diesem Fundament ausginge: das Dasein Gottes als unzweifelhaftes Axiom zu betrachten, wie die Bibel es thut, die mit ihrem ersten Worte: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", das Gottesbewußtsein als selbstverständlich und eingeboren im Menschen präsumirt und sich deshalb darauf beschränkt, von Seiner Welt-Schöpfung und -Ordnung und im Weiteren von Seiner Welt- und Menschen-Regierung zu berichten. Doch weit gefehlt! Nach dem die Philosophie von jeher leitenden, wenn auch erst von dem Vater der neueren (Cartesius) bestimmt ausgesprochenen Prineip, daß man an Allem, sogar an seinem eigenen Dasein, zweifeln müßte, ward auch das Dasein Gottes als in Frage stehend gedacht, und darum auf der einen Seite eine stattliche Reihe umständlicher Argumente dafür aufgestellt, die von Anderen wieder als zumeist nicht stichhaltig dargelegt wurden, andererseits auf Grund der Lückenhaftigkeit dieser Verstandesbeweise die Existenz der Gottheit entweder stricte, wie im Atheismus, oder relativ, wie im Pantheismus, geleugnet. Die Unhaltbarkeit dieser Speculationen ist u. A. in den oben erwähnten „Skizzen" bis zur Evidenz dargethan, und ich möchte als Ergänzung und Bekräftigung nur das eine, schon vor vielen Jahren in einem diesbezüglichen Disput als meine innerste Ueberzeugung ausgesprochene Wort hinzufügen: Dieser Unglaube erheischt ob seines Widerstreits gegen Alles, was des Menschen Geist und Herz erfüllt, unvergleichlich mehr Glauben»aufs Wort (jurare in verba magistri) als der mit Vernunft und Empfindung im Einklang stehende Glaube an einen einzigen allmächtigen und allweisen, gerechten und gütigen Gott. Wohl mag jener in seinen Deductionen vielen Scharfsinn entwickeln, seine vermeintliche Weisheit wird aber nie etwas Anderes als Afterweisheit, seine angeblichen Beweise werden nichts als künstliche Sophismen bleiben, die nur glänzen, aber darum nichts weniger als Gold sind und nur das klägliche Resultat erzielen, diejenigen, welche diesem Scheine glauben oder trauen wollen, von dem rechten Wege, den die Gotteslehre führt, abzulenken, so daß sie, der Scheu vor einem höchsten, allwissenden Richter enthoben, ihr Gewissen betäuben und den Weisungen der Tugend und Sittlichkeit Valet sagen können. Diese unausbleibliche Folge der Gottesleugnung hat der heilige Sänger (Ps. 14 und 53, 1) schon vor Jahrtausenden treffend in den Worten ausgesprochen: „Die Nichtswürdigen sagen in ihrem Innern: es giebt keinen Gott, darum arten sie aus und begehen schändliche Thaten, keiner von ihnen will das Gute üben." Erkennt man aber an den Früchten den Baum, von dem sie stammen, so ist und bleibt jene Lehre des Unglaubens nur ein Giftbaum, der das Edelste und Erhabenste im Menschen, den Adel seiner Seele und sein ureigenstes Lebens-

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