Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1889)
- Date
- 1889-08-08
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227804--46403-3265965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
497 Herren vom „Vaterland" sind loyal auf politischem Gebiete nach dem bekannten Spruche: „Und der König absolut, wenn er unfern Willen thut", und in gleicher Weise gehen sie gegen die Kirchenfürsten vor. Ich erinnere in dieser Beziehung an folgenden Fall: Einer der hervorragendsten und gelehrtesten Kirchenfürsten war der verstorbene Erzbischof von Wien, Cardinal Rauscher. Dieser war Eentralist; das „Vaterland" jedoch ist föderalistisch. Einmal veröffentlichte das Blatt gegen R. einen Artikel, in welchem es hieß: „Hat einen Rausch er?" Die letzten zwei Worte waren im Drucke durchschossen. Das „Vaterland" hat übrigens vor einigen Tagen etwas den Schleier gelüftet und man erfährt, wie so es jetzt so wüthend antisemitisch ist. Seit einigen Monaten erscheint hier täglich ein antisemitisches Journal. Es fürchtet durch dasselbe Einbuße zu erleiden und sucht es im Antisemitismus zu übertrumpfen. Dabei aber macht das Blatt das Geständniß, daß es Abonnenten brauche und ersucht seine Freunde für die Verbreitung desselben zu wirken. Wie man also sieht, ist der Antisemitismus reine Geschästssache, und wenn man durch denselben einen Profit erzielen kann, so benützt j man die Chance. Wenn ein Jude etwas Aehnliches thut, so schreit das „Vaterland" über Corruption, aber es schreckt nicht davor zurück, selbst gemeine Praktiken zu üben, die es an Andern verdammt. Bon Zeit zu Zeit verdreht dieses fromme „katholische" Blatt die Augen und berichtet über die Fortschritte des Antisemitismus und macht für denselben einmal die Reformjuden und ein anderes Mal die Talmudjuden verantwortlich. In dem Sonntagsblatte gewährt es sich jedoch stets die Genugthuung und veröffentlicht Hetzartikel gegen die Juden. Das „Vaterland" klagt oft über die Verlogenheit der „Judenblätter" (darunter versteht es nämlich alle Journale, die nicht seine Ansichten theilen); man darf jedoch behaupten, daß kein Blatt schamloser lügt und zwar bewußt lügt und wiederholt dieselbe Lüge vorbringt, wie das Blatt, welches angeblich im Dienste der katholischen Kirche steht. Ein dem Piaristenorden ungehöriger Geistlicher, der bis vor kurzer Zeit Director eines Gymnasiums war, sagte mir jüngst: Gewiß bringen die liberalen Journale manchmal Mittheilungen, die unrichtig oder unwahr sind. So verlogen aber wie die clericale Presse und speciell das „Vaterland", ist die liberale Presse nicht. Seit Jahren lese ich daher diese Journale nicht mehr. Ich selbst bin in der Lage, ein Pröbchen von der Wahrheitsliebe des „Vaterland" aus der jüngsten Zeit beizubringen. Bor einigen Wochen veröffentlichte das „Vaterland" ein Feuilleton, in welchem es hieß, daß der jüdische Prediger Mannheimer bei Gelegenheit seines 70. Geburtstages zum Ehrenbürger von Wien ernannt wurde, während man dem Dichter Grillparzer diese Auszeichnung erwies, als er 73 Jahre alt wurde. Mannheimer war jedoch gar nicht Ehrenbürger, sondern es wurde ihm das Bürgerrecht mit Nachsicht der Taxen verliehen, was allerdings auch eine Ehre ist. Ich machte die Redaction auf dieses Moment aufmerksam, bemerkend, daß sie sich leicht von der Wahrheit der Mittheilung überzeugen könne, wenn beim Magistrat nachgefragt ,'wird. Doch das „Vaterland" warf die Mittheilung in den Papierkorb und hielt die vorgebrachte Lüge aufrecht. Das „Vaterland" vertritt angeblich die Grundsätze des Christenthums respective des Katholicismus. Wenn aber Christenthum und Katholicismus identisch wären mit Verlogenheit und Lieblosigkeit gegen andere Glaubensbekenner, dann würden wir Heidenthum und Atheismus vorzieheu. Das Christenthum und der Katholicismus hat jedoch mit den Grundsätzen, die das „Vaterland" vertritt, nichts zu thun. NS. Das antisemitische „Deutsche Volksblatt" und das „Vaterland" liegen sich in den Haaren. Es handelt sich um den schmutzigsten Concurrenzkampf. Jedes dieser Blätter fürchtet nämlich, daß ihm das andere die antisemitischen Abonnenten abfischen werde. So sieht die arische Biederkeit und die christkatholische Rechtlichkeit bei diesen Repräsentanten derselben aus. W. Deutschland. Berlin , 24. Juli. (Privatmitth.) Nachdem ich in meiner jüngsten, an die Giordano-Bruno-Feier in Rom anknüpfenden Correspondenz den Pantheismus in Gemeinschaft mit seinem Zwillingsbruder, dem Atheismus, als für jeden, wenngleich noch so liberal, doch religiös Denkenden und Fühlenden unannehmbar und verwerflich bezeichnet, war es mir ein wahrer Seelengenuß und eine innige Herzensfreude, die gleichen Ideen in Ihrem, geehrter Herr Redacteur, vorletzten Leitartikel „Worte des Friedens" in größerer Ausführlichkeit und Präcision behandelt zu sehen. Und ich scheute die Mühe nicht, die mir auch zum Ergötzen wurde, die im zweiten Theil Ihrer israelitischen Religionslehre als Beilage II. gegebenen „Skizzen über Atheismus u. s. w." wieder aufmerksam durchzulesen, und erfreute mich dabei die trostreiche Gewißheit, daß die israelitische Gottcslehre, wie sie der Ur-