Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1889)
- Date
- 1889-08-08
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227804--46402-3265964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
496 gleichheit, Aufrichtung der Gedrückten, Unterdrückung der Privilegien und Classenschranken, Verbrüderung aller Racen, alles was man 1789 versucht oder geträumt hat, ward etwa 25 Jahrhunderte früher durch unsere Seher verkündet. Es ist nichts anderes, als unter der mystischen Form der Wiederherstellung Jerusalems und der Herrschaft des Sohnes Davids, die Wiedergeburt und der Friede der menschlichen Gesellschaften, die Herrschaft der Vernunft, die Entwickelung des Wohlseins, die Wunder der -Industrie und der Wissenschaft, welche das Aussehen des Planeten verändern sollen. Was unsere Väter den Messias nannten, ihr nennt es den Fortschritt. Der Glaube an den Fortschritt ist eine jüdische Idee; der Fortschritt des Menschengeschlechtes ist unsere Religion. Dem Juden ist es eine Pflicht, zur Verwirklichung der Hoffnungen des Messianismus beizutragen, unsere Rabbinen, unsere Aerzte, unsere Lehrer im Mittelalter arbeiteten hieran in ihren dunklen Schulen. Freiheit und Gleichheit ohne Unterschied der Kaste, der Race, der Religion ist der Triumph des Geistes, der auf die Tyrannei der Gewalt folgt. Gewiß, auf den Trümmern der Feudalitäten wird sich die natürliche Aristokratie, die wahre Aristokratie der Intelligenz und der Sittlichkeit erheben. So werden sich die Prophezeiungen und die Verheißungen Gottes an Israel erfüllen." — Dieser Rede folgte ein Tumult; ein österreichischer Antisemit versuchte mit Heftigkeit dem Israeliten Zu widersprechen, konnte sich aber kein Gehör verschaffen. Endlich beruhigte man sich und ein junger Neger, welcher der französischen Revolution die Emancipation der Sklaven zuschrieb (die doch von, den Engländern ausgegangen, welche so große Opfer dafür gebracht), ein Hindu, der an den Buddhismus erinnerte, hierauf ein Schweizer Professor der Naturwissenschaften in Genf, ergriffen das Wort nach einander. Der Letztere stellte der Revolution die Wissenschaft entgegen und suchte aus dem Darwinismus, dem Atavismus, der Vererbung, der Zuchtwahl, die Falschheit aller Ideen von 1789 zu erweisen. Er rühmte die Entwicklung, die Evolution gegenüber der Revolution. Jetzt nahm endlich ein Franzose das Wort, ein einfacher Bibliothekar aus der Provinz, welcher den Ereignissen und Gedanken von 1789 ihr concretes Recht in sehr ansprechender Weise zukommen ließ. Man wollte auseinandergehen; aber man stand doch nicht an, noch einen Chinesen und einen Russen anzuhören, von welchen der Erstere die Stabilität seines Vaterlandes pries, das seine Revolutionen vor Jahrtausenden durchgemacht und seitdem die Principien, welche in Europa erst 1789 verkündet wurden, in Gesetz und Sitte verkörpert habe. Der Russe verwarf die ganze europäische Civilisation als veraltet und verkündete die Wiedergeburt durch die russischen Slaven, freilich ohne mit einem Worte angeben zu können, womit der russische Muschik die Welt erneuern und auffrischen könnte. Es ist dies also ein recht buntes Bild von den verschiedenen Ansichten, welche über die Revolution von 1789, noch nachdem ein Jahrhundert vorüber geflossen, herrschen. Die Gestalten sind etwas wirre unter einander gemischt, und hier und da fehlt es an einer ironischen Färbung nicht. Wir glaubten die Aeußerungen des Vertreters des Judenthums in diesem fingirten Völkercongreß wiedergeben zu sollen, da sie eben aus einer christlichen Feder geflossen und ein Zeugniß geben, wie weit die seit fünfzig Jahren von uns vertretenen Ideen zu allgemeinerer Kenntniß gelangt sind. Wien, Ende Juli. Zur Charakteristik des Journals „das Vaterland". Gestatten Sie mir zunächst auf die Ansprache, die der päpstliche Nuntius, Monsignor Galimberti, bei Gelegenheit der Tafel, die der Bischof von Fünfkirchen demselben zu Ehren gegeben, an Herrn v. Engel gerichtet hat, zurückzukommen. Nachdem dieselbe durch die Journale bekannt wurde, und deren Authenticität unbezweifelt war, veröffentlichte das clericale „Vaterland", welches alles Heil im Katholicismus sieht, einen heftigen Artikel gegen diese Ansprache und behauptete, daß es keine Continuität zwischen Juden- und Christenthum gebe. Vor einigen Tagen wieder veröffentlichte dieses Blatt ein Entrefilet des Inhaltes, die Ansprache sei blos eine Salonhöflichkeit gewesen und die „Judenblätter" hätten sie aufgebauscht. Wir wollen uns nicht in die Polemik einmischen und glauben, daß der Nuntius mehr vom Christenthum verstehe, als die Gelehrten des „Vaterland"; aber so viel scheint gewiß, daß die Salonhöflichkeit hier nicht mit im Spiele war. Ist es doch undenkbar, daß ein päpstlicher Nuntius oder auch nur der Diplomat eines kleinen Fürstenthums sich aus Salonhöflichkeit über Principien äußern werde. Eine derartige Höflichkeit kommt in der Regel nicht unter gewöhnlichen Menschen vor, geschweige denn unter Diplomaten. Wir glauben vielmehr, daß die ganze Sache so zu sagen in Scene gesetzt wurde. Es ist nämlich, wie ich mir sagen ließ, in Ungarn ebenso wenig, wie bei uns üblich, zu derartigen Tafeln eines Bischofs den Vorsteher der jüdischen Gemeinde oder sonst einen Juden als solchen einzuladen. Wir glauben daher, daß der Nuntius die Gelegenheit suchte, oder daß der Bischof von Fünfkirchen ihn ersuchte, die Gelegenheit zu benützen und sich über die Zeltströmung zu äußern. Daß das „Vaterland", trotzdem es immer seinen Katholicismus hervorkehrt, mit dieser Lösung der Frage, da sie nicht in seinen Kram paßt, nicht übereinstimmte, war vorauszusehen, und wenn der Papst selbst so gesprochen hätte, würde es ebenfalls gegen denselben polemisirt haben. Die