Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1889)
- Date
- 1889-08-08
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
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495 mehr verwirrt als aufklärt. Der Berf. führt in der Darstellung der verschiedenen Ansichten zur Würdigung der französischen Revolution von 1789, die er bald verherrlichen, bald herabziehen und verwerfen läßt, viele geschichtliche Daten an, deren Anwendung unrichtig ist, oder die in ihrer Wirkung übertrieben werden. Doch dies geht uns hier nichts an; treten wir vielmehr der Sache selbst näher. Der Verf. stellt sich vor, daß unter den vielen jetzt in Paris abgehaltenen Congressen auch einer von Vertretern aller Völker gehalten wurde, an den sich wie gewöhnlich ein Banket anschließt. Beim Dessert beginnen die Reden. Zuerst spricht ein Nordamerikaner, welcher die Priorität der Revolution und die Verwirklichung der durch dieselbe verkündeten Ideen seiner Nation zuschreibt, wobei es an Heruntersetzung der Franzosen nicht fehlt. Dann kommt ein Engländer zu Wort, welcher die Priorität wiederum für England durch die Revolution von 1688 beansprucht und den Unterschied seiner Nation von der französischen betont, indem jene die Reformen allmählich vornehme, während die letztere Alles mit einem Male haben wolle und dadurch alles feste Fundament für den Staat verloren hätte. Auch hätten die französischen Philosophen und Staatslehrer ihre Ideen und ihr Vorbild den Engländern entlehnt. Ein deutscher Privatdocent folgt. Er preist Deutschland, daß es keine Revolution gemacht, dagegen von der französischen Nutzen gezogen. Für die Ideen von 1789 nimmt er jedoch die Priorität für Deutschland in Anspruch, dessen Denker und Dichter sie lange schon vorder ausgesprochen hatten, z. B. Wolff, Puffendorf, Lessing, Schiller. Er erinnert daran, daß Europa auf dem Wege der Reform gewesen unter Friedrich II., Katharina II., Joseph II., daß aber die Entwickelung durch die Revolution aufgehalten worden sei; er vergleicht dann die Reformation mit der Revolution. Ein italienischer Redner rühmt die Revolution von 1789 als den Weckruf des nationalen Geistes, will aber die Ideen von 1789 auf Dante und Petrarca und auf die Renaissance zurückführen, den Humanismus als die Quelle der europäischen Cultur geltend machen. Dies giebt einem Griechen Veranlassung, seine Nation als die Urheberin aller freiheitlichen Entwickelung zu rühmen, denn die Renaissance und der Humanismus seien durch die gelehrten Flüchtlinge aus Constantinopel hervorgerufen; alle europäische Freiheit habe sich nach dem Muster der alten griechischen gebildet und die französischen Revolutionäre hätten in allen Stücken die alten Griechen nachgeahmt. Allen diesen reiht sich nunmehr ein spanisch-amerikanischer Geistlicher aus Paraguay an, der mit großem Feuer die ganze französische Revolution verurtheilt als ein Werk des Satans, weil sie sich vom Christusglauben und der Kirche losgesagt, während die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bereits im Neuen Testamente verkündet worden seien. Es machte sich j ein lebhaftes Widersprechen gegen den letzten Redner vernehmbar, als ein Jude auftrat. Hören wir, was diesen i der Verf. sagen läßt. Er faßte sich kurz und nachdrücklich.! „Ich bin Jude," begann er, „und wenn alle Völker der j französischen Revolution fluchen würden, würden wir Juden «ihr ein Hosianna Zurufen. Sie ist es, welche uns aus der! Knechtschaft gezogen, sie, die uns ein Vaterland gegeben. So lange Israel bestehen wird, wird der Name Frankreichs : gesegnet werden. Von den Nationen mit Füßen getreten, hat sie uns wieder zu Menschen gemacht. Und dies war nur Gerechtigkeit, denn die Revolution war nur eine Anwendung des Ideals, welches wir der Welt zugetragen haben. Das ganze 1789 war im Keime im Hebraismus. Die Idee des Rechts und der socialen Gerechtigkeit ist eine israelitische. Die Ankunft der Gerechtigkeit auf Erden war der Traum! unseres Volkes; um die erste Quelle „der Menschenrechte" aufzufinden, muß man durch die Reformation und die Re-! naissance, durch das Alterthum und das Evangelium bis j zur Bibel, bis zur Thora und den Propheten hinaussteigen, j Unsere Rabis, ein Jesaias und Jeremias, waren die ersten! Revolutionäre. Sie verkündeten, daß die Hügel abgetragen und die Thäler ausgefüllt werden. Alle modernen Revolutionen waren ein Echo der Stimmen, welche in Ephraim ertönten. Wir waren noch in die Ghetti eingeschlossen, als die Christenheit in unseren Schriften die belebenden Principien ihrer Revolution schöpften. Von unserer Bibel ist die Reformation ausgegangen; aus ihr begeisterten sich die Geusen der Niederlande, die Puritaner Englands und Amerikas, die sich bis auf die Sprache unserer Richter und unserer Propheten aneigneten. Der Bibel kommt der Erfolg zu, welchen die Revolutionen der Angelsachsen hatten, die sich rühmen, Eure Lehrer gewesen zu sein. Ihre Superiorität verdanken sie einem innigeren Verkehr mit Israel. Hätte die französische Revolution ein Jahrhundert früher losbrechen können, so hätten die Hugenotten und die Bibel mit ihnen in Frankreich triumphirt und jene hätte eine ganz andere Wirkung gehabt. — Wenn auch 1789 nicht unmittelbar vom Hebraismus ausgegangen ist, die Principien gehörten uns nichtsdestoweniger an; wir konnten sie leicht wieder erkennen; unsere Hand hat sie der Welt überbracht. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Menschen und der Völker, die Thora hat ihnen die einzige feste Basis gegeben: die Einheit des Menschengeschlechtes. Indem die Bibel den Ursprung aller Menschen auf ein Menschenpaar zurückführt, erklärt sie alle für frei, gleich und Brüder. Und wie die Prineipien, so gehören uns auch die Hoffnungen von 1789: die Vereinigung und Verbrüderung aller Völker, unsere Propheten haben sie in der Zukunft gezeigt, sie haben daraus das Ideal Israels gemacht. Die Revolution war unbewußt die Testamentsvollstreckerin des Jesaias. Sociale Erneuerung, Rechts- 32*