Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1889)
- Date
- 1889-08-08
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
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das Gewitter nicht als eine örtliche Erscheinung, sondern läßt cs vom Meere herfahren, vom Libanon erschütternd abprallcn, noch Süden über die ganze Wüste sich hinwälzen, und malt dessen Wirkung aller Orten aus. Besonders waren es die Gestirne, welche die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ihre llnzählbarkeit ward zu einem bleibenden Begriffe, so heißt es z. B. t. Mos. 15, 5: „Und er führte ihn nach außen und sprach: Schaue doch zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zu zählen vermagst. So soll dein Same sein." Und doch heißt es 13, 16: „Und machen werde ich deinen Samen wie Staub der Erde, daß wenn jemand zu zählen vermöchte den Staub der Erde, mag auch dein Same gezählt weiden." Dennoch erkannte der Hebräer, daß alle diese unzähligen Gestirne von Gott dem Schöpfer dem Maas und der Ordnung aus's Genaueste unterzogen worden. So heißt es Jesaias 40, 26: „Hebet zur Höhe euere Augen und schaut, wer hat diese geschaffen? Der herausführt nach der Zahl ihr Heer, Alle ruft beim Namen: vor der Allmacht Fülle bleibet Keiner aus." Auch den Himmel, die Gewässer, den Staub der Erde, so unermeßlich und unzählig sie dem Menschenauge erscheinen, hat der Schöpfer nach Maß, Gewicht und Zahl genau geordnet. (Jesaias 40, 12, Hiob 38, 4 ff.) Es liegt hier die zweifache Erkeuntniß zu Grunde von der unendlichen Größe der Schöpfung und von ihrer gesetzlichen Ordnung, in welcher alles zu einem ewigen Bestände in einander eingegliedert ist, also der Begriff des Universums, wie wir ihn anders noch heute nicht haben. Und nun erst der Blick in die Menschenwelt. Bei genauerer Prüfung sehen wir, daß die Völker des Alterthums entweder die benachbarten Völker zu bekriege», zu unterwerfen und von da aus ihre Herrschaft immer weiter auszudehnen getrachtet, bis eine solche Conglomeration von Nationalitäten in sich oder vor den Schwertern neuer Horden zusammenbrach — oder sie sandten Schiffe aus, um an den Küsten des Mittelmeeres Colonien zu gründe», die sich jedoch bald von der Multerstadt frei machten und selbständige Staaten bildeten, als Republiken oder unter „Tyrannen". Weiter ging ihre Politik nicht. So enge nun die Grenzen des Volkes Israel waren, blickten doch seine geistigen Führer stets weit über diese Grenzen hinaus und tief in das Geschick der Völker hinein. Wer sich hiervon überzeugen will, durchmustere die Bücher der Propheten. Hier findet er die zahlreichen Straf- und Mahnreden und Weissagungen nicht bloß gegen die benachbarten kleinen Völkerschaften, wie Edom, Moab,! Ammon, die Philister, sondern auch gegen die entlegenen Großmächte und deren gewaltige Mittelpunkte, Egypten, Aethiopien, Arabien, Seba, Syrien, Assyrien, Babylon, sowie gegen Sidon und Tyrus, selbst gegen die Scythen. Und j diese Weissagungen der Propheten Israels, wie sind sie so! ganz und gar in Erfüllung gegangen! Erflossen zu Zeiten, j wo die betr. Großmacht noch in ihrer vollen Kraft und Herr-! schüft stand, bewähren sie den tiefsten Einblick in die Natur ' einer solchen Macht, in die inneren nnd äußeren Verhältnisse derselben; sie sehen das schwarze Sturmgewölb, das am Horizonte dieser Macht aufsteigt und bei der hohlen Widerstandskraft jener Verderben und Untergang in seinem Schoße trägt. Oft sind diese Weissagungen bis ins Einzelne erfüllt worden, und der Wanderer, der z. B. die Trümmerstätten der beiden phönizischeu Großstädte betritt, geräth in Verwunderung, lute der Prophet diese Verwüstung so zutreffend in einer Zeit geschildert, wo jene noch in glänzender Blüthe standen. Und was ist von Ninive, von Babel, von dem hundcrtthorigen Theben übrig geblieben, als Trümmerhaufen, hoch vom Staube der Jahrhunderte bedeckt, selbst in Egypten, das doch ununterbrochen bewohnt und cultivirt war!... Wer demnach den Israeliten einen weiten Blick in das Völkerthum abspricht, weiß die offenbarsten Thatsachen nicht zu würdigen. Und nun der Blick in das Ganze der Menschenwelt. Trotz der häufig und stark betonten Nationalität zeigt jede Seite der h. Schrift, von der ersten bis zur letzten, daß die Vorstellung von der Einheit des Menschengeschlechtes in diesem Volke stets lebendig war. Alle Menschen, ohne Unterschied der Race und der Nation, sind von Gott gleicherweise geschaffen, ein hochorganisirter Körper, vom göttlichen Odem der Seele belebt, Alle aus einem Ursprung hervorgegangen, Alle Kinder eines Vaters (Maleachi). Nicht minder hat der hebräische Genius die Ueberzeugung von der fortschreitenden Entwickelung dieses Menschengeschlechtes; er ist es, der die Fabel der Alten von den aufeinander folgenden Perioden wachsender Verschlechterung entschieden zurück ließ; er ist es, der dem Menschengeschlechte verkündete, daß seine Entwickelung zu einem allgemeinen Reiche des Friedens, des Rechtes und der Liebe führen werde, unter der Leitung der göttlichen Weltordnung; er ist es, der diese Hoffnung durch alle Zeiten bis zum heutigen Tage trug und sie nicht fallen ließ, selbst wenn eine neue Barbarei siegreich über die Oberfläche der Erde zog. Dies ist der rechte Blick in's Weite! Das Zudenthum und 1789. Wir haben vor Kurzem einen vorzüglichen Aufsatz des Herrn A. Leroy-Beaulieu, Mitglied des Instituts von Frankreich, über die russischen Juden gebracht. Von demselben Verfasser lesen wir in der Lieferung der Revue äe8 Deux Mondes vom 15. Juni einen umfänglichen Artikel „Die hundertjährige Feier von 1789". Es ist ein ganz krauser Aufsatz, der über seinen bedeutsamen Gegenstand viel