Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 490 (sequence 14)
- Language
- German
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490 um sich, und die Sumpfvögel krächzten. Sie fühlten, daß der Boden unter ihren Füßen weiche, daß die neue Sonne ihre Schlupfwinkel, den Morast, trocken legen werde, und sie schrieen Zeter. Die Zeloten fürchteten mit Recht, daß ihre Tage gezählt seien, daß der frische Geist, die neue Strömung ihr morsches, verknöchertes System verdrängen werde, und entsetzt schlugen sie ihre Hände über ihren Häuptern zusammen. Die an die Dunkelheit gewöhnte fanatische Fraktion konnte das neu ausströmeude Licht nicht ertragen und sie machte Miene, cs mit ihrem Schatten zu verdunkeln. Die Hydra der finsteren Reaktion erhob ihr Haupt, rannte durch die Gassen wehklagend, daß die Religion, daß das Judenthum bedroht sei, daß ein allgemeiner Schmad — Taufe — bevorstehe, hatten doch einige junge Leute bereits Pejoth und Kaftan abgeschnitten und sich modernisirt. Nein, sagten sich die Finsterlinge, wir wollen von dieser höllischen Gleichberechtigung keinen Gebrauch machen, Israels Söhne brauchen keine Aemter zu bekleiden, wir wollen mit den Goim — Nichtjuden — keine Brüderschaft trinken und in unseren bisherigen, speziell jüdischen Wohnstätten Moschiachs — Messias' — Ankunft abwarten. — Und die Matadore des Zelotismus schrieben einen Parteitag aus, um Maßregeln zu ergreifen, die, die „Jüdischkeit" bedrohende Gefahr abznwenden. Eine Szeudat Mizwa — Festessen — sollte die Berathung schließen, und die Parteigänger des Chassidismus von nah und fern sagten ihr Erscheinen zu. Als Berathungslocal war die, einige hundert Personen fassende „große Klaus" auserkoren worden, und der Obscurantismus rüstete sich, gegen das Licht anzukämpfen. — Der epochemachende Tag war angebrochen, und in den schmalen, engen Gassen des Judenquartiers wimmelte es von Leuten. Man sah originelle Gestalten, die verschiedenartigsten Exemplare des galizischen Chassidismus in allen möglichen und unmöglichen Trachten. Hier schritt irgend ein Provinzler mit vorstehendem Schmeerbauche in seiner Atlasjubica und faustdicken Gürtel, in schwarzen Kniestrümpfen und Pantoffeln gravitätisch dahin, seiner laugen Pfeife gemächlich Rauchwolken entlockend und sich auf einen hohen, silberbeschlagenen Stock stützend. Seine Augen hält er gesenkt, der lange Bart reicht bis zur Brust und ein breitkrämpiger Hut nach Calabreserart verleiht der ganzen Erscheinung etwas Fremdländisches. Hinter ihm trippelt sein Schames — Kammerdiener — in gemessener Entfernung, sich nach allen Seiten umschauend, ob die Passanten seinem Meister ihre Ehrfurcht mit genügender Reverenz erweisen. Dort trabt ciu hageres Männlein dahin, seine Augen sprühen vor fanatischer Leidenschaft, sein Gesicht ist verzerrt und seine dünnen Lippen murmeln auch jetzt, wie er an der Spitze seines Anhanges dahin eilt, indeß seine Arme heftig gesticuliren. Alles steuert einem Ziele, der „großen Klaus" zu. Und es füllen sich die Räume des Locals, Kopf an Kopf steht die Menge gedrängt, daß die Stühle, Tische und Bänke, von den Menschenwogen überfluthet, wie Jnselchen erscheinen. Die brandende, tosende Menge rennt wirr durch einander, und Niemande» fällt es ein, sich niederzulassen. Ein dumpfes Stimmengewirr erfüllt die Luft, hier leuchten hinter buschigen Brauen ein paar Augen wild fanatisch auf, dort ballt Jemand die Faust. Die Pejoth flattern pendelartig um die Schläfen, die langen Bärte wallen wie ein vom Winde bewegtes Aehrenfeld, die Hüte und Pelzmützen werden tief in den Nacken gedrückt und jeder ninimt eine herausfordernde Positur an. Endlich scheint die Versammlung vollzählig zu sein, und im allgemeinen Wirrwarr ertönen Stimmen: „scha, scha." Die Scharufe widerhallen wie ein Echo von allen Lippen, daß ein heilloser Spectakel entsteht und der Menschenknäuel verwirrt sich immer mehr, weil Jeder Ordnung schaffen will. Man gesticulirt heftig mit Händen und Füßen, fuchtelt mit den aus den Jubicataschen herauslugenden Pfeifenröhren, bis sich schließlich der Lärm allmählich legt. — Man hört nur noch ein dumpfes Geräusch, wie dies bei einer größeren Versammlung der Fall ist, und ein kleines Männlein besteigt die Rednerbühne, oder, um nicht in der Blume zu sprechen, eine wackelige Bank. Der improvisirte Redner muß sich in Acht nehmen, auf der improvisirten Rednertribüne das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und zu diesem Behufe stützt er sich auf seine lange Pfeifenröhre, wie ein Ritter der classischen Vorzeit auf seine Streitaxt. Die Zuhörerschaft spitzte die Ohren und Reb Schaje zog sein großmächtiges, rothkarrirtes Taschentuch hervor, räusperte sich und nieste. In der Menge begann man wieder zu flüstern, über die Person des Redners Bemerkungen austauschend, und er mit seiner Procedur zu Ende, beginnt seinen Speech. „Jüdische Kinder! Die große furchtbare Geseire — Verordnung, — die von den Szone Israel — Feinden Israels — zu unserem Verderben ersonnen wurde, veranlaßte unsere Gedole hador — Autoritäten der Jetztzeit —, diesen unseren Parteitag einzuberufen, auf daß wir unsere Ideen austauschen und gegen die, unsere heilige „Jüdischkeit" bedrohende Gefahr Stellung nehmen. Soll ich Ihnen sagen, was man mit uns vor hat? Man will ganz einfach das Judenthum ausrotten. Da man sich überzeugt, daß eine beinahe zweitausendjährige Verfolgung dies nicht zu Stande biingeu konnte, da man einsah. daß mit Gewalt nichts auszurichten sei, griff man nach einem zeitgemäßen Mittel, um das so heiß ersehnte Ziel zu erreichen. Denn Rebojsem — meine Herren — etwas anderes bezweckt doch die, die Eman-Hemanzipation