Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 491 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227803--46396-3265957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
491 nicht. Wir sollen jetzt den Goim gleichgestellt sein, wir sollen jetzt überall ohne jede Beschränkung unsere Wohnsitze aufschlagen dürfen, bah, unsere Söhne sollen gar Beamte, Offiziere, was weiß ich, vielleicht gar Minister werden können, aber wo bleibt die Jüdischkeit? Wenn wir unter den anderen Völkern leben müssen, wir mit der Zeit ihre Tracht, ihre Mides — Manieren —, ja sogar ihre Sprache annehmen. Hören Sie, die deutsche und o Chilul haschein — o Profanation — gar ihre polnische Sprache uns aneigne». Unser heiliges „Jüdisch" wird mit der Zeit ganz verdrängt werden, unsere Bekesches werden dem kurzen Rocke Platz machen, die Peies immer mehr zusammenschrumpfen und unsere Bärte, das Abzeichen eines unverfälschten Juden, unter dem Rasirmesser fallen, so daß man chas weschulem — Gott behüte — einen Juden nicht mehr erkennen wird. Soll es dazu kommen? Werden wir mit verschränkten Armen zuschauen, was sage ich, werden wir dazu beitragen, daß unsere Religion untergraben wird, daß wir aus unserer Absonderung heraustretcn und uns mit den anderen Ames — Nationen — vermengen? Nein, dazu wird es den Apikorsem — Abtrünnigen — zum Trotze nicht kommen. Noch haben wir unsere Rebbes, leben sollen sie, noch haben wir unsere heiligen „Stüblech", da haust die reine unverfälschte „Jüdischkeit" und da bleiben wir. Wir sitzen weiter in unseren jüdischen Gassen, ziehen nicht in die verderbte Stadt, wo unser nur Versuchungen harren und bleiben auf unserem mukem Kaudesch — heilige Stätte. Sollen wir uns von unserer mikwe — rituelles Bad — trennen? Nein und tausendmal nein! Wir werden nicht dem Beispiele der Deutschen, der Aufgeklärten folgen, mögen sie zu dem Goim überlaufen, sind sie doch so wie so keine Juden mehr. Wir wollen uns ganz von ihnen lossagen, sie aus der Mitte der heiligen Jüdischkeit ausstoßen, denn sie sind nur ein Ewen negef — ein Stein des Anstoßes — und mit ihrem Gifte können sie uns nur anstecken. Wir werden weiter in unseren jüdischen Zelten Hausen, unsere alten Gebräuche nach wie vor observiren, den Worten unserer gottbegeisterten Rebbes lauschen und die „Ketzer" ganz verleugnen. Möge um uns ein so genährter Zeitgeist branden, möge die Welt von neuen Ideen, neuen Strömungen durchzuckt, erschüttert werden, wir, jüdische „Kinder", wollen unsere Ohren verstopfen, unsere Augen schließen, uns noch mehr absperren, auf daß der Ansteckungsstoff nicht in unfern Organismus dringe und wir weiter Juden und nichts mehr als rechtgläubige Juden bleiben." Der Redner hielt inne, verdrehte in fanatischer Exaltation die Augen und stieg von seiner wackeligen Tribüne. Ein Gemurmel des Beifalls lief durch die Menge, Alles nickte zustimmend mit den bemoosten Häuptern, und der bisher ziemlich ruhige Menschenknäuel löste sich in lärmendtobende Gruppen auf. Wiederum wurde heftig gesticulirt, leidenschaftlich, wirr durcheinander debattirt, das Auditorium solidarisirte sich mit den Auslassungen des R. Seraje, und die Versammlung beschloß cinmüthig, sich der Emancipation gegenüber ablehnend zu verhalten, selbe als nicht existirend zu betrachten, eine bis ins Herz kühle Reserve zu beobachten und aus der Jsolirung nicht herauszutreten. R. Schaje fühlte sich gedrungen, diesen mit Acclamation gefaßten Beschluß oratorisch zu recapituliren, und seine schwachbeinige Estrade besteigend, ergriff er wieder das Wort: „Und nun, Rebojßem, ist die Jüdischkeit gerettet. Rings um uns herum kann es donnern und krachen, wir bleiben die Alten. Wir weichen keinen Schritt von dem Hergebrachten und sollte die Welt zu Grunde gehen. Wir wollen nichts von den Neuerungen wissen, wir brauchen keine Aufklärung, wir sind jüdische Kinder, wollen es bleiben und erklären, daß, wer von dieser Gleichberechtigung Nutzen ziehen, seinen Lebenswandel ändern, seine Kinder in eine Szkole — Schule — schicken oder Peies und Bart, diese heiligen Symbole der Jüdischkeit, ablegen wird, als Meschumed — Apostat — betrachtet und aus unserer Gemeinschaft ausgestoßen werden wird." Er griff nach einem mit Meth gefüllten Glase, schwang es mit wilder Geberde über den Häuptern der ihm zujubelnden fanatisirten Versammlung, und wie ein Grollen des Donners erklang seine Stimme, als er folgenden Toast ausbrachte: „Ich leere dieses Glas auf das Wohl der wirklich jüdischen Kinder, und auf eine mepule — Untergang — der Apikorsem Lechajim Rebojßem — aufs Wohl meine Herren —" Mit frenetischem Gejohle, mit den Füßen stampfend, mit den Händen applaudirend, fiel die ehrenwerthe Versammlung in den Trinkspruch ein, begeistert wurden die Gläser angestoßen, und das Banquett zur Feier der guten, heiligen Sache begann. Draußen war die Sonne im Untergehe» begriffen, die Schatten der Nacht senkten sich über die Erde, wallende Nebel breiteten ihren düsteren Schleier über das Ghetto-Labyrinth und in der „großen Klaus" klirrten die Gläser, und die Ritter der Finsterniß zechten brav darauf los. — EunoMten. Ein Abbö Fouridre von Amiens hat ein dickes Buch geschrieben, in welchem er Nachweisen will, daß Homer, der Dichter der Ilias und Odysse, ein Jude gewesen. Selbstverständlich kann er nur Scheingründe aus künstlichen etymologischen Ableitungen heranbringen. Doch hat sein Buch einiges Aufsehen erregt und wir finden desselben selbst in