Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 485 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227803--46390-3265951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
485 Königliche Hoheit haben Sich gefreut, daraus zu ersehen, unter welchen glücklichen Umständen und mit welch reger Theilnahme das mildthätige Unternehmen ins Leben gerufen wurde. Höchstdieselben wünschen dem Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthum Baden besten Fortgang und segensreiche Wirksamkeit für alle Zukunft. I. V. v. Babo.« Oesterreich-Ungarn. Wien, 17. Juli. Wie wir schon mittheilten, sind die Herren Prof. Fiegl und Prof. Schnarf aus dem Schönererschen Deutschnationalen Verein ausgeschlossen worden. In dem betreffenden Briefe des Vereins an Fiegl wird angegeben, Fiegl habe sich geweigert, am Empfang Schönerer's (bei dessen Rückkehr aus dem Gefängniß) sich zu betheiligen. Dann heißt es weiter: „Hauptsächlich charakterisirt Ihr Vorgehen gegen unsere Parteileitung Ihr disciplinloses und zersetzendes Auftreten in der Wehrgesetzdebatte des Abgeordnetenhauses. Ferner erinnern wir an den von Euer Wohlgeboren beliebten Vorgang, den Deutschnationalen Verein, dem Sie noch angehörten, in einer anderen Vereinsversammlung öffentlich anzugreifen. Erschwerend wirkte noch die Erwägung, daß Ihre Handlungsweise in eine Zeit fiel, in der die heilige Sache, welche unser Verein vertritt, in schwere Roth und Bedrängniß gerathen war." — Dem Prof. Schnarf wird vorgeworfen, daß er Fiegl unterstützt habe. (Es handelte sich' darum, daß als bei dem Militärbudget der Abg. Türk sich im anti-österreichischen Sinne geäußert, Fiegl Einwand dagegen erhob und meinte, das wäre die Privatineinung Türk's, nicht aber die der antisemitischen Fraction. Diese hat ihm jetzt Antwort gegeben und hiermit erwiesen, daß in der That ihre Gesinnung gegen den österreichischen Kaiserstaat gehe.) Wien, 19. Juli. In der heutigen Gemeinderathssitzung stellte Gemeinderath Vetter den Antrag, das in der hiesigen Talmud-Thora-Schule eingeführte Buch „Schulchan-Aruch" durch eine Fachcommission untersuchen zu lassen, um festzusteüen, ob die in demselben entivickelten Grundsätze mit den Staatsgrundsätzen und den bürgerlichen Gesetzen übereinstimmen. Auch solle sich der Bürgermeister zum Statthalter und eventuell zum Unterrichtsminister begeben, um auf die eminente Gefahr aufmerksam zu machen, die der gesummten christlich-arischen Bevölkerung durch die Talmud-Thora-Schule, in welcher so inhumane Grundsätze gelehrt werde», drohe und um die Schließung dieser Schule zu bitten. Der Antrag wurde ohne Debatte der Schulsection zugewiesen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung schimpfte Vetter wieder nach bekannter Manier auf die liberale Presse und sagte, es werde schon die Zeit kommen, wo die liberalen Journalisten aus dem Gemeinderathssaale hinausgeworfen werden würden. Pest, 21. Juli. (Privatmitth.) Die seit nahezu hundert Jahren bestehende, mithin bekannte hiesige Chewra Kadischa veröffentlichte jüngst den Bericht über ihr humanitäres Wirken und finanzielles Gebühren im verflossenen Jahre. Die Zahl der Chewra-Mitglieder beträgt gegenwärtig 4035. Gestorben sind im verflossenen Jahre 1854 und zwar 502 Männer und 417 Frauen, 281 Knaben und 275 Mädchen und 379 Kinder beiderlei Geschlechts bis 1 Monat alt. Die höchste Sterbeziffer, 188, war im Monat März, die niedrigste, 130, im Monat August. Der älteste verstorbene Mann stand im Alter von 102, die älteste verstorbene Frau von 96 Jahren. Von den 1854 Verstorbenen sind nach 578 die Leichenbestattungs-Gebühren voll, nach 175 theils zur Hälfte, theils zum dritten Theile bezahlt worden, während nach 1101 Verstorbenen keinerlei Gebühren bezahlt und dieselben durch die Chewra Kadischa gratis bestattet wurden. Die Einnahmen beliefen sich im verflossenen Jahre auf 10,118 fl. 40 kr. die Ausgaben auf 114,206 fl. 28 kr. so daß sich ein Deficit von 13,087 fl. 88 kr. ergiebt. Für Wohlthätigkeitszwecke allein wurden 60,327 fl. 32 kr. verausgabt. Möge diesem heiligen Vereine auch fernerhin die eifrigste Förderung zu Theil werden. Brunn, 17. Juli. Der hiesige czechisch-klerikale „Hlas" veröffentlichte vor Ostern die später behördlich als gänzlich erfunden bezcichnete Nachricht, daß dem Kremsierer Rabbiner eine Mädchenleiche zugeschickt und wegen derselben zugleich die Untersuchung eingeleitet wurde. Das Landesgericht bestätigte nunmehr das Urtheil des Bezirksgerichtes, wonach der Redacteur des „Hlas" zu 25 fl. Geldstrafe, eventuell fünf Tage Arrest verurtheilt wurde. Tarnow, (Galizien), im Juli. Der Tarnower Bischof Lobos, der eben seine Diöcöse visitirt, beantwortete eine von dem jüdischen Gutsbesitzer vr. Leo Ader au ihn gerichtete Begrüßungsansprache in folgender Weise: „Der Empfang, der mir hier zu Theil geworden, freut mich um so mehr, als er von Andersgläubigen ausgeht. Seid versichert, daß ich in jeder Zeit als Verfechter jener Nächstenliebe auftreten werde, welche der Grundstein unserer Religion ist. Unser Glaube macht zwischen Mensch und Mensch gar keinen Unterschied und das alte und das neue Testament, sie haben nebst vielem Anderen gerade das Gebot der Menschenliebe gemein. Diese Liebe ist ein mächtiges Bindemittel, und sie wird es ermöglichen, daß Christ und Jude hierzulande stets in Harmonie Zusammenleben werden. Um aber das ganz herbeizuführen, bedarf es möglichst allgemeiner Verbreitung von Aufklärung und Bildung, und Ihr 31