Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Aleppo 1× ep/1047811
- Beirut 1× ep/1047833
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481 gegenwärtigen Lage der Dinge wäre es ein Wahngebilde, an eine politische Wiederherstellung Jerusalems als des Mittelpunktes eines Staates zu denken, und auch die jüdische Orthodoxie verbietet einen solchen Gedanken, bevor der Messias gekommen. Also nicht im politischen Sinne, sondern aus der Tiefe heiliger Erinnerungen und aus bewegtem Herzen. Wie sollte dies auch anders sein, da jeder Einblick in das Judenthum auf jene Stätte zurückweist, wo der Tempel, das damals einzige Heiligthum des einzigen Gottes, der erste und der zweite, über ein Jahrtausend stand, wo David und Salomo regierten, die größten Propheten ihre unsterblichen Reden hielten und viele heilige Sänger ihre Begeisterung empfingen, um welche Stätte unsere Väter die blutigsten Kämpfe bestanden, oft siegreich, zwei Male völlig unterliegend. Jerusalem wurde gänzlich zerstört, nachdem es mehr als zwei Jahrtausende bestanden. Aber blieb es zerstört? Der Römer zog die Pflugschaar über seine Stätte und streute Asche darüber — aber es entstand dennoch wieder, und so oft es später wieder erstürmt und fast zerstört ward, baute es sich auf seinen Trümmern immer wieder auf. Denn nachdem das Heidenthum erlegen, erkannten die beiden herrschenden Religionen, die abend- und die morgenländische, Jerusalem als Heiligthum an, die eine als ihre Ursprungsstätte, die andere, weil ihr Prophet daselbst geweilt und gelehrt haben soll; doch merkwürdig, der Sitz eines politischen Reiches wurde es nur wieder einmal auf eine sehr kurze Zeit. Dagegen kämpften Heere von vielen hunderttausend Kriegern von Westen und Osten um den Besitz Jerusalems, nahmen es immer wieder mit stürmender Hand, vergossen darin Ströme Blutes — bis es zuletzt doch unter der Herrschaft des indolenten Türken verblieb. Dennoch ist noch heute Jerusalem theils eine Trümmertheils eine verhältuißmäßig kleine Stadt, die jedoch Bekenner vieler Religionsbekenntnisse aus einem Gemisch vieler Völker innerhalb ihrer verfallenen Mauern sieht. Und doch könnte Jerusalem zu einer Metropole erwachsen. Baut eine Eisenbahn von Jaffa und Beirut nach Jerusalem, stellet die Wasserleitungen Salomos wieder her, errichtet eine starke und einsichtsvolle Regierung — und ein mächtiger Völkerstrom wird sich dahin lenken, und die Stadt bald Damaskus, Bagdad und Aleppo in den Schatten stellen. In dieser, nach der uralten heiligen Stätte gerichteten Volksströmung werden die Juden eine bedeutende Anzahl ausmachen, denn schon jetzt bilden sie in der Bevölkerung Jerusalems mehr als die dortigen Muhamedaner und Christen zusammengenvmmen. Verkehr, Handel und Arbeit würden sich dahin wenden und so Jerusalem einen Mittelpunkt bilden, wo sich das europäische und das orientalische Leben zusammenfindet. In der Synagoge erschallen noch heute die Klagelieder um Jerusalem und Zion, wie sie aus der trauernden Harfe Jerewia's und späterer jüdischer Dichter erklangen. Der neunte Ab ist ein Trauer- und Fasttag. Achtzehn Jahrhunderte haben es nicht vermocht, das verhängnißvolle Ereigniß aus der Erinnerung unseres Stammes zu verdrängen. Aber unsere Anschauung ist doch eine andere geworden. Wir erkennen es jetzt, daß, um den Bestand des Judenthums und der Juden zu sichern, Jerusalem fallen und das Volk verjagt werden mußte. Ja, die Römer waren hierzu das rechte Werkzeug der Vorsehung. Sie waren als Besieger und Beherrscher so zahlreicher Nationen duldsam, gaben dem Judenthume die freie Fortexistenz, den Juden freie Wohnstätten in allen Ländern. Wenn unsere Väter die Römer von den Mauern Jerusalems abgeschlagen hätten und im Lande verblieben wären, was glaubt Ihr, was unter den folgenden Völkerstürmen, was unter den Schwertern der Kreuzfahrer und der Seldschucken, der Tartaren und Mongolen aus dem kleinen Volke und dem Heerde unserer Lehre geworden wäre? Die Thaten der Kreuzfahrer am Rheine geben Euch Antwort auf diese Frage, und die Metzeleien der barbarischen Horden nicht minder. Sie trafen in Judäa und Jerusalem keine Juden an, die ja daraus verbannt waren und welche unterdeß Heimstätten in aller Welt gefunden, so daß sie, aus einem Lande verjagt, im andere» eine Zuflucht fanden und ihrer Religion und dem Studium ihrer Lehre leben konnten. Das war das Werk der Vorsehung! %cVCiis'VUfyswa&fyiicfyfcew, Deutschland. Berlin, 21. Juli. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir eine Bemerkung zu machen, die mir nicht ganz überflüssig zu sein scheint. Leider ist es nur zu wahr, daß sich eine, uns Juden ungünstige Gesinnung wieder stark verbreitet hat und uns bei vorkommenden Gelegenheiten mancherlei Hinderj niffe, Schwierigkeiten und Kränkungen bereitet. Wir müssen uns aber hüten, die Macht des Antisemitismus höher anzuschlagen als sie es in Wirklichkeit ist. Welcher Jude auf seinem Wege ein Hinderniß, eine Schwierigkeit, eine Kränkung erfährt, mag sie auch nur durch Zufall, oder selbst durch eigene Schuld bewirkt worden sein, schiebt dieselben auf den Antisemitismus und macht so das Judenthum zur Ursache. Hier-