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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-01 · Heft 31 (1.8.1889) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 31 (1.8.1889)
Date
1889-08-01
Page
Seite 478 (sequence 2)
Language
German
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478 desselben duldete; schaffte er doch überall die aus früheren Zeiten stammende Ständeversammlung ab, selbst wenn sie nur eine berathende Stimme gehabt hatte. Wie die Kirche diese Unfehlbarkeit in Anspruch nahm und jede anderweitige Aeußerung als Ketzerei verfolgte, auch die Wissenschaft als ihre „Magd" erklärte und in den durch sie gezogenen Schranken zu halten suchte, braucht hier nur angedeutet zu werden. Auch in der Wissenschaft machte sich die Autorität allzusehr geltend; man schwor auf die Worte des Meisters und eine einmal verbreitete Lehrmeinung war höchst schwer zu überwinden; die gelehrten Körperschaften widersetzten sich jeder Neuerung; wurde doch z. B. eine lange Zeit hindurch jede Abweichung von den Ansichten des Aristoteles für Ketzerei erachtet und sind die Beispiele nicht selten, wo die Männer einer neuen wissenschaftlichen Lehre als Ketzer verfolgt, durch Kerker und sogar am Leben bestraft wurden. Es war also ganz natürlich, daß mit der weiteren Entwickelung des Menschengeistes, bei der unaufhaltsam fortschreitenden Geistesarbeit und Geistescultur und bei den traurigen Zuständen, die durch diese Unfehlbarkeit der Autoritäten bewirkt wurden, geistigen wie materiellen Zuständen, die allmählich unerträglich wurden, der Kampf gegen diese Autoritäten sich entspann, er die durch sie gesetzten Schranken durchbrach und nun die Fluth der Verneinung über alle Fluren des menschlichen Daseins ergoß. Zuerst zerstörte man nur das Bestehende, ohne einen Ersatz geben zu können, oder doch nur einen solchen, der von kurzer Dauer war und von derselben Fluth wieder fortgeschwemmt wurde. So kam man zu den Zuständen, wie man sie oben geschildert. — Es kommt uns dies, um ein Gleichniß zu gebrauchen, eben vor, wie ein langes Verweilen unter dichtbelaubten Bäumen. Sie gewähren uns kühlenden Schatten, halten den Sturm von uns ab und schützen einige Zeit vor den Regengüssen; auch liefern sie uns Nutzholz für Bauten, Geräthe und Heizung. Aber sie entziehen uns auch den Anblick des blauen Himmels, halten die leuchtenden und wärmenden Strahlen der Sonne ab, und bei der Hitze des Sommers wird die Luft unter ihnen schwül und drückend, im Winter starren die Aeste und Zweige dürr und nüchtern in die Luft hinaus. Wird man sie deshalb allesammt umhauen und von der Erde vertilgen? Wird man sie nicht wegen ihres mannigfachen Nutzens zur rechten Zeit bewahren und Pflegen? . . . Nichts erscheint uns thörichter als die Meinung, der Autorität entbehren zu können und deshalb jeden Autoritätsglauben als ein Nachtspuk aus vergangener Zeit zu betrachten. Wir wollen nicht einmal geltend machen, daß dasselbe Schicksal auch die jetzt aufgekommenen Theorien und Meinungen gleich den früher gegoltenen treffen werde, nämlich verdrängt und für überwunden und veraltet erklärt zu werden. Und dies geschieht in einer schnelllebenden Zeit oft sehr geschwind. Fichte, Schelling, j Hegel folgten auf Kant und auf einander sehr schnell, und; in den Naturwissenschaften verwirft man jetzt die Ansichten, welche in den 50er und 60er Jahren durchgedrungen und fast für unumstößlich angesehen waren. Glauben denn diese Herren, daß sie sich selbst geschaffen? Daß der ansehnlichste und wesentlichste Theil ihrer Anschauung und Erkenntniß nicht den Vorarbeiten, dem Ringen und Schaffen der vorangegangenen Geschlechter zu verdanken ist? Und wenn sie selbst in ihrer Wissenschaft auf eigenen festen Füßen zu stehen vermeinen, müssen sie nicht für alles andere Wissen Anderen Glauben schenken und deren Ergebnissen ohne eigene Prüfung vertrauen? Dabei vergesse man nicht, wie sich gegenwärtig jede Wissenschaft in Specialfächer vertheilt hat, so daß man in derselben Wissenschaft den Meinungen Anderer und den von ihnen gefundenen Resultaten glauben muß, ja ohne diesen Autoritätsglauben in dem eigenen Fache nicht vorwärts kommen könnte. Also auch hier ist es unmöglich, dem Autoritätsglauben und zwar einem sehr ausgedehnten zu entgehen. Man wende nicht ein, wir nehmen nur an, was uns einleuchtet. Was hat den Menschen nicht alles schon eingeleuchtet und war doch irrig! Und wie Zahlloses ist man nicht im Stande selbst zu prüfen und muß man annehmen, wie es einem gegeben wird. Ist dies doch selbst im gewöhnlichen Verkehr der Fall. Wir empfangen täglich Hunderte von Mittheilungen und Nachrichten, deren Wahrheit wir zu prüfen und herauszubringen gar nicht im Stande sind; wir richten uns da nach dem vermeintlichen Grade der Glaubwürdigkeit derer, welche nns die Mittheilung machen — Glaubwürdigkeit ist aber nichts anderes als Autoritätsglauben. So vermag der Mensch als ein Individuum unter 1500 Millionen Menschen, als einen kurzen Zeitraum in vielen Jahrhunderten einnehmend, des Autoritätsglaubens gar nicht zu entbehren und der Ruf: „Keine Autorität mehr!" ist eine Lüge, eine gefärbte Maske der Selbstsucht und der Selbstüberhebung. Könnt Ihr Euch denn der Autorität des staatlichen Gesetzes entziehen? Kann der Staat und die ganze menschliche Gesellschaft ohne Gesetz und dessen Autorität auch nur einen Augenblick bestehen? Würden wir ohne diese nicht in die verheerendste Anarchie, in blutigen Streit des Einen gegen den Anderen, in Uncultur und Barbarei versinken? — wie der Talmud sagt: „Betet für das Wohl der Obrigkeit, denn ohne sie würde einer den anderen verschlingen!" Nicht blos vor den Strafen, welche die Verletzung des Gesetzes nach sich zöge, sondern mit vollem Pflichtgefühl erkennen wir die Autorität des Gesetzes an. Begnügen Sie sich heute mit dieser kurzen Auseinandersetzung, welche doch noch so weit ausgedehnt werden könnte und werfen wir noch einen Blick auf das Judenthum und seine Eigenart in dieser Frage. Keine positive Religion kann der Autorität und des Autoritätsglaubens entbehren. Sie

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