Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1889)
- Date
- 1889-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Budenthums. Ein MMteiischcs Organ für alles jüdische Jntereffc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Kann. Krpedition: Leipzig, Kospitatstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Phüippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzufenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 1. August 1889. Nr. 31. Inhalt. Leitende Artikel: Traditionen des Judenthums. — Jerusalem zu Tischea-beab. — Zeitungsnachrichten: Deutsch!? ü d: Berlin, Leipzig, Posen. Nürnberg, Fürth, Bruchsal. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Brünn, Tarnow. — Frankreich: Paris.— Großbritannien: London. — Nordamerika: Colorado. — Bonn: Notizen. — Mainz: Literarische Notizen. — Feuilleton: Wolf Frankenburger. — Eine galizische Reminiscenz. — Curiositäten. Bonn, 28. Juli. Traditionen des Iudenthums. VIII. Was halten Sie von Autorität, Autoritätsglauben, also dem unbedingten Vertrauen auf, aus vergangenen Zeiten überkommene Lehren und Satzungen und dem gegen denselben heftig erregten Kampfe? Allerdings ist man zu einer solchen Frage berechtigt; denn seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Streit gegen jedwede Autorität und allen Autoritätsglauben auf's heftigste entbrannt und hat mit der Zeit einen weitreichenden Erfolg erfochten, der sich, namentlich in der jüngeren- Generation, immer weiter auszudehnen verheißt. Man will nicht allein keine Autorität mehr gelten lassen, sondern hat sich in eine Mißachtung aller früheren Ansichten und Meinungen, aller Anschauungen der Vergangenheit hineingearbeitet. Man vergißt, daß wir Alle auf den Schultern unserer Vorgänger stehen und daß wir gestützt und getragen werden von dem, was sie erarbeitet und geschaffen haben, indem man nur allein das Neue, das Jetztanerkannte, die jüngste Theorie als wahr und richtig gelten lassen will und Alles, was früher die Geister und das Leben beherrschte, für nichtssagend und irrig erklärt. Man verspottet denjenigen, der noch an einer Autorität hängt und für die großen überkommenen, von der Geschichte der Menschheit getragenen, durch alle Entwickelungsphasen derselben bewährten Wahrheiten überzeuguiigstreu eintritt. Man thut, als ob alle Anschauungen der vergangenen Zeiten, auch der letzten, nur Fata Morgana's gewesen, die nunmehr glücklicherweise vor den Augen der Gegenwart verschwunden sind und dem Lichte Platz gemacht haben, welches die Gegenwart über die Wirklichkeit ausgegossen hat. Man scheut selbst nicht davor zurück, daß man da nicht selten auf öde Sandsteppen zu blicken hat und sich in denselben verirrt. Alles dies findet auf allen menschlichen Gebieten statt, auf dem politischen und socialen, auf dem religiösen und wissenschaftlichen. Was die drei ersteren betrifft, so brauche. ich Sie wohl auf Thatsachen nicht aufmerksam zu machen, welche Jedermann kennt. Aber auch für die Wissenschaft gilt die obige Schilderung, und es geht dies so weit, daß die Jünger der gegenwärtig aufgekommenen Theorien die Geschichte ihrer Wissenschaft völlig vernachlässigen und sie für sehr überflüssig halten, da sie doch nur den Kram von Jrrthümern und unbegründeten Meinungen befasse.. Ich will Beispiele nicht anführen, um in keine Polemik zu gerathen: dem ernsten Beobachter entgehen sie ja doch nicht. — Um gerecht zu sein, kann man diesem Kampfe gegen den Autoritätsglauben eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Derselbe hatte sich der ärgsten Mißgriffe und äußerster Gewaltthätigkeiten schuldig gemacht. Er hatte die Autorität zum Begriff und zur Behauptung der Unfehlbarkeit erhoben und deshalb die unbedingte Unterwerfung gefordert. Auf staatlichem Gebiete geschah dies durch den Absolutismus, der den Willen eines Einzelnen als unbedingt zu befolgendes Gesetz auferlegte, und keine Kritik 31