Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1889)
- Date
- 1889-07-25
- Page
- Seite 474 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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474 zählt ungefähr: Auerbach wohnte zu Karlsruhe int „Englischen Hof", in der Nähe des Residenzschlosses und der Ministerien. Mit dem einen und dem anderen stand er in regem Verkehr. Seine Aufsätze „Was will der Franzos und was will der Deutsche", waren in den verbreitetsten Zeitungen Norddeutschlands abgedruckt und hatten außerordentliche Wirkung auf die Gemüther hervorgebracht. An leitender Stelle schien man weiteres in dieser Art zu erwarten. Auerbach war ganz patriotische Begeisterung. Der Brief, den Auerbach Herrn Cloß mitgab, lautet: Karlsruhe, 12. August 1870. In dieser großen Zeit, was hätte man da Alles einander zu sagen! Aber wie gut ist es, daß wir auch fern von einander in gleichem Schritt und Tritt gehen. Du, lieber Freund, stehst an allgemein gesehener Stelle auf dem Posten und ich an minder beachtetem und wirke nach Kräften. Kamerad, bist du da? rufen in Friedenszeiten die Wachen auf den Festungswällen einander zu. Wir wissen, wir sind da, und freuen uns, die Zeit der Erfüllung zu erleben. Ich schreibe dir aber heute nur, um den Neberbringer dieses, Herrn Cloß, Redacteur der Badischen Landeszeitung, nahe zuzuführen. Du wirst dich nach der ersten, sicherlich anmuthenden Begegnung gewiß gerne in jeder Weise meinem Empfohlenen förderlich erweisen. Würdigen Handreichung zu leisten, ist eine Freude, und jetzt arbeitet Alles, was echt ist, gemeinsam. Lass dir Herrn Cloß auch von mir erzählen. Ich habe das Glück, durch gesprochenes und geschriebenes Wort im Umkreise meiner Heimath erwecklich zu wirken. Ich hoffe, noch weiter so zu arbeiten. Wenn wir uns Wiedersehen, sind wir im wieder geeinten und freien Baterlaude die Alten und wollen uns dessen wohl sein lassen. Hier in Karlsruhe muß ich immer denken: wenn nur unser herrlicher Freund Mathy das auch noch erlebt hätte, und gestern, als ich bei Frau Mathy war, die vor der Büste ihres Mannes Verbandzeug für die Verwundeten nähte, war das natürlich unser Gespräch, und wir gedachten auch deiner. Dein alter Berthold Auerbach. Adresse des Briefcouverts: Herrn vr. Gustav Freytag im Feldlager. Warum der Brief daselbst unbestellt blieb, darüber erzählt der Empfohlene kurz: Bekanntlich kam im Feldzuge 1870/71 das Werder'sche Corps, das im Osten Frankreichs eine ehrenvolle und schwierige Aufgabe heldenmüthig löste, nie mehr unter die unmittelbaren Befehle des Kronprinzen, und aus diesem Grunde hatte ich auch nie Gelegenheit, das Schreiben seinem Adressaten persönlich zu überreichen. Von weiteren Begegnungen mit Auerbach während des Feldzuges erzählt uns Herr Cloß u. A..- Auf einer dieser Streifereien marschirte ich — es war nach meinem Feldzugs Tagebuche am 21. August 1870 — aus dem stattlichen niederelsässischen Dorfe Lampertsheim, wo der Großherzog von Baden mit seinem Gefolge Wohnung genommen hatte, auf der Hauptstraße gegen das benachbarte Mundolzheim, Hauptquartier des Generals v. Werder. Da hörte ich hinter mir das Rollen eines Wagens,!den ich schon von ferne als eine großherzogliche Equipage j erkannte. Ich trat zur Seite, um das Gefährt vorbeizulassen.! Plötzlich hörte ich mich aber beim Namen gerufen, und als! ich genauer hinblickte, war es Berthold Auerbach, der mich! im Vorüberfahren erkannt und angerufen hatte. Er sah seltj sam aus. Sein friedliches Haupt hatte er mit einer mar-! tialischen Soldatenmütze bedeckt, sein sonstiges irdisches Gefäß war in ein rostgelbes Gewand gehüllt, Rock, Weste und Beinkleid von gleichem Stoffe, und von dem obersten Knopfloche seines kurzen Jaquets erstreckte sich gegen die linke Brusttasche eine feine goldene Kette, an der eine Anzahl Orden in Miniaturformat hing. Er ließ den Wagen halten, stieg aus und begrüßte mich mit herzlichem Händedruck. Dann theilte er mir mit, daß er auf Einladung des Großherzogs herübergekommen sei, in Lampertsheim wohne und sich eben nach Mundolzheim zu General v. Werder begebe. j©r bat mich, ihn in Lampertsheim zu besuchen, und sprach die Hoffnung aus, es werde sich Anlaß und Gelegenheit geben, mit einander im Dienste des Vaterlandes zu wirken. Dann stieg er wieder ein, winkte freundlich zum Abschiede und fuhr gen Muudolzheim, während ich zu Fuße demselben Ziele zustrebte. Von dort aus setzte ich meine Streifzüge noch ein paar Tage fort, bis ich mich endlich zu etwas stetigerem Aufenthalte in dem westlich von Straßburg gelegenen großen Dorfe Jttenheim niederließ. Hier erfuhr ich durch Officiere und auch durch Collegen von der Feder, die des Weges zogen, von dem großen Ansehen, welches Auerbach in den beiden Hauptquaitieren Lampertsheim und Mundolzheim genieße, auch mancherlei von der Thätigkeit des Dichters im Sinne der geistigen Wiedergewinnung des Elsaß, die man sich damals offenbar leichter dachte, als sie sich später herausstellte. Wie es hieß, hatte man Auerbach eine kleine Druckerei eingerichtet, in der die von ihm verfaßten Proclamationen und Ansprachen gedruckt wurden. Solche Schriftstücke wurden in Flaschen gepackt, oberhalb Straßburgs in die Jll geworfen, damit sie auf diesem Wege in die Stadt gelangen sollten, und eines Tages vertheilte man unter die Belagerungs-Truppen und die elsässische Bevölkerung massenhaft als Flugblatt ein von Bertholo Auerbach verfaßtes, nach