Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1889)
- Date
- 1889-07-25
- Page
- Seite 472 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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472 werden vom Präsidenten der Anstalt Dr. S. Morais, Dr, Cyrus Adler von der Hopkins Universität, Dr. Perira Mendes und Dr. H. Drachman gehalten. Die Gegenstände werden diesmal sein: „Verschiedene Formen des hebräischen Charakters", „Biblische Archäologie", „Die Hittiter", „Der Moabiter-Stein und die Inschrift am Siloa", „Die jüdische Erziehungsmethode", ..Samson Raphael Hirsch", „Der Taleth und das Phallium, der Taleth und die Toga". Mit Befriedigung wird man hieraus erkennen, wie sich auch in der neuen Welt die jüdische Wissenschaft Bahn bricht und ihre Ergebnisse in das allgemeine Publikum zu bringen versucht, wozu sich bereits eine verhältnißmäßig bedeutende Zahl von sehr tauglichen und für ihren Beruf eifrigen Männern gesunden hat. Man erinnere sich, auf welche Weise die jüdische Wissenschaft aus Jnnerasien nach Europa, von Spanien nach den anderen europäischen Ländern getragen und verbreitet wurde. So mußten bis vor Kurzem und zum größten Theile noch heute die Lehrer der jüdischen Theologie und die Cultusbeamten aus Europa hierher geholt werden, während nunmehr Stätten der Wissenschaft vorhanden sind, aus welchen in Zukunft die amerikanischen Juden ihren Bedarf beziehen werden. Daß hierdurch auch in der Gegenwart wie in den vergangenen Jahrhunderten die Masse der Religion zugeführt und in ihrer Treue und Anhänglichkeit befestigt werde, hoffen wir. Bonn, 21. Juli. (Notizen.) Man schreibt uns aus Wien vom 12. d.: Am 7. d. M. hat die hiesige Gemeinde einen herben Verlust durch das Ableben des Rabbinatsassessors Elias Karpeles, des Vaters des verdienstvollen Schriftstellers Dr. Gustav Karpeles, erlitten. Der würdige Mann wurde am 13. Juni 1822 zu Austerlitz in Mähren geboren, wo seine Eltern bei seinem Großvater, R. Gerson Buchheim, der auch der Lehrer unseres alloerehrten Dr. Jellinek war, lebten. Er war der Sohn und Enkel hervorragender Rabbiner, die in der Geschichte der mährischen Juden eine bedeutende Stellung innehaben. Frühzeitig wurde er dem theologischen Studium gewidmet. Sein Vater, Lazar Karpeles, der Sohn des bekannten Boskowitzer Rabbiners, R Mose Karpeles, wurde später Rabbiner in Eiwanowitz. Ec machte ihn zuerst mit dem Studium der rabbinischen und allgemeinen Wissenschaft vertraut. Später besuchte K. das Gymnasium zu Waag-Neustadtel und Tientschin in Ungarn und mehrere berühmte Jeschiba's. Nachdem er von R. L. Horowitz in Wien, Abr. Placzek in Boskowitz u. A. das Rabbinerdiplom erhalten hatte, legte er, bereits zum Nachfolger seines Vaters im Rabbinate Eiwanowitz gewählt, die Examina über die philosophischen Studien an der Universität zu Wien mit gutem Erfolg ab. In Eiwanowitz blieb K. 8 Jahre. Während dieser Zeit erschien seine erste Predigtsammlung „Asifath Amarim" (Prag 1852), die allgemein von der Kritik günstig beurtheilt wurde. 1856 wurde K. als Rabbiner nach Loschitz an Stelle des sel. Abr. Neuda berufen, wo er 27 Jahre als Rabbiner und Prediger, außerdem als Prediger an der k. k. Männerstrafanstalt in Mürau und als Religionslehrer an der k. k. Realschule in Mährisch-Neustadt gedeihlich wirkte. Mit besonderer Vorliebe cultivirte er die Predigt, die er für den wichtigsten Theil des modernen Rabbinerberufes hielt. Seine Gelegenheitspredigten haben auch in der That allgemeinen Beifall und weite Verbreitung gefunden. Zuerst erschienen seine „Trauungsredcn für alle Wochenabschnitte des Jahres" (Breslau 1870, zweite Aufl. das. 1885), dann seine „Grabreden für alle Wochenabschnitte des Jahres" (Breslau 1870, zweite Aufl. Frankfurt a. M. 1889), ferner seine „Confirmationsreden" (Brünn 1879) und schließlich „Sabbathreden für die israelitische Jugend" (Breslau 1887), außerdem viele einzelne Predigten. K. war auch stets ein treuer Mitarbeiter an jüdischen Zeitschriften, wie Orient, Jüdische Presse, Neuzeit, Allg. Zeitung des Judenthums, Israelit, Liebermanns Kalender rc. Im Jahre 1881 siedelte er nach Wien über, wo er sich einen schönen und umfassenden Wirkungskreis zu schaffen verstanden hat. Noch im selben Jahre wurde er zum Rabbiner der Tempelgemeinde Wieden und Margarethen gewählt; dann wurden ihm vom Vorstande der Cultusgemeinde die Functionen als Prediger beim Jugendgottesdienst, beim Confirmationsunterricht, beim israelitischen Handwerkerverein, endlich nach dem Hingang des sel. S. Joneles das Amt eines Rabbinatsassessors übertragen. Auch in Wien wußte sich K. bald allgemeine Achtung und aufrichtige Sympathien zu erwerben, die ibn durch sein stilles, mühevolles und arbeitreiches Leben geleiteten. Alle, die ihn kannten, wußten seine Demuth und Bescheidenheit, seinen lauteren Charakter und sein reines Herz zu schätzen. Mit einer umfassenden talmudischen Gelehrsamkeit verband er reiches allgemeines Wissen und seltene Begabung für die Kanzelrede. Mit K. ist einer der Letzten von jenen hingegangen, die zuerst mit der Fackel moderner Bildung in die enge mährische Judengasse hineingeleuchtet haben. Er war einer der ersten modern gebildeten Rabbiner in Mähren und einer der besten jüdischen Prediger der neuen Zeit. Darin liegt seine eigenthümliche Bedeutung. Das Leichenbegängniß fand am 9. d. M. unter allgemeiner Betheiligung statt. Die israelitische Cultusgemeinde war durch die Herren Em. Baumgarten und E. Biach vertreten, die Seelsorge durch Dr. A. Jellinek, das Rabbinat durch die Herren Rabbiner Fleißig und Güdemann. Außerdem waren noch viele Deputationen und Notabilitäten anwesend. Im Trauerhause sprach zuerst der älteste Sohn des Verblichenen, Dr. Gustav Karpeles aus Berlin, einige Abschiedsworte im Namen der trauernden