Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-25 · Heft 30 (25.7.1889) · p. Seite 470

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 30 (25.7.1889)
Date
1889-07-25
Page
Seite 470 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227802--46374-3265934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

470 den einzelnen Orten zur Förderung ihrer Zwecke dem Vorstande sich zum Dienste zu stellen! Wien, 14. Juli. (Privatmitth.) Die Rede des Nuntius Galimberti hat nach oben wie nach unten Mißfallen erregt. Es ist von den Blättern gemeldet, daß der Nuntius von seinem Posten bald abberufen werden würde und zwar wegen seiner Rede in Fünfkirchen. Leo XIII. ist ein starker Dogmatiker, wie z. B. seine Erlasse über die Philosophie des h. Thomas von Aquino gezeigt hat. Es mag ihm wohl verdrossen haben, daß Galimberti den Katholicismus mit dem Judenthum auf eine Linie gestellt und gemeinsame Momente beider hervorgehoben hat. In Wirklichkeit stehen die Dogmen und Einrichtungen der katholischen Kirche viel mehr im Gegensätze zu denen des Judenthums, und die Herübernahme einzelner Aussprüche und Gebetformeln, wie auch der zehn Gebote bilden keinen erheblichen Vergleichspunkt. Ebenso suchen die Preßcapläne die Rede des Nuntius in ihrer Bedeutung abzuschwächen, damit sie nicht bei der Fortsetzung ihrer judengehässigen Arbeit als gegen die Ansichten der Würdenträger der Kirche verstoßend erschienen. So versichert das ultramontane „Vaterland", die Sache sei viel zu unbedeutend gewesen. Galimberti habe eine gewöhnliche Salonhöflichkeit geäußert, wie sie ein Diplomat gar nicht umgehen könne, und habe die Angelegenheit in keiner Weise zu irgendwelchen Erörterungen oder Verhandlungen Veranlassung gegeben. Ueberraschen kann uns dies nicht; ein Jeder schwimmt eben nach der Richtung weiter, welcher er bis jetzt gefolgt ist, und läßt sich darin von einem Dritten so lange nicht behindern, wie kein striktes Verbot von oben her erfolgt ist. Jndeß hoffen wir, daß auch in der katholischen Kirche die Zahl der Prälaten und Priester nicht allzu gering sei, welche auf dem Standpunkte dieses Nuntius stehen. Pest, 5. Juli. (Privatmitth.) Vorgestern verschied in Wien Josef Weilen, der Präsident der Wiener „Concordia", einer der Redacteure des Werkes „Die Oesterreichisch- Ungarische Monarchie in Wort und Bild", ein trefflicher Schriftsteller und entschiedener Gegner des Antisemitismus. Als er im vorigen Winter hier zum Besuche weilte und eine Parallele zwischen Wien und Pest zog, da sagte er: „Wien mit seinen herrlichen Bauwerken wäre vielleicht die angenehmste Stadt der Welt, wenn der widerliche Racenhaß die gutmüthige Bevölkerung nicht ergriffen hätte. Ein solch freies und gutes Zusammenleben, wie es in Budapest zwischen Bürger und Bürger zu constatiren ist, existirt leider nicht mehr in Wien. Ich weiß recht gut, daß es auch in Budapest Antisemiten giebt (die Dummheit stirbt eben nie und nirgends aus), aber der Kern der Bevölkerung wurde davon nicht ergriffen. In Ungarn hat der Antisemitismus ebenfalls gewüthet, aber nur kurze Zeit. Wie jede alberne politische Richtung hat er sich bald überlebt. Anders in Wien und in Oesterreich. Das Gift frißt immer tiefer, das Geschwür wird immer größer, und wenn uns kein Staatsmann erstehen wird, der dieses Geschwür ausbrennt, so wird das sociale und politische Leben in Wien bald unerträglich sein. Ich selbst habe unter diesem Racenhaß nicht zu leiden, denn meine Stellung — die ich der Gnade des Monarchen und der Güte des Kronprinzen verdanke — räumt mir viele sociale Vortheile ein, aber ich muß oft sehen, daß selbst in der gebildeten, in der vornehmen Wiener Gesellschaft der Antisemitismus seine Anhänger besitzt. In Budapest habe ich Aehnliches nicht bemerkt. Hier ist der Verkehr zwischen! den Schriftstellern und Künstlern und zwischen diesen und der Gesellschaft ein äußerst herzlicher und man schaut nicht auf die Religion, sondern auf das Talent, nicht auf die Nase, sondern auf den Charakter." Als wir hierauf bemerkten, daß der intelligente Ungar jeden Glauben respectirt und der Antisemitismus stets nur in den untersten Schichten der Bevölkerung seine Anhänger hatte, bemerkte Weilen: „Das hat mir Kronprinz Rudolf stets gesagt, denn Niemand verachtete mehr als er die Intoleranz." Pest, 14. Juli. (Privatmitth.) Etwa 50 hiesige Fleischhauer versammelten sich gestern um 5 Uhr, um bezüglich der Koscherfleisch-Ausschrotung eine Vereinbarung zu treffen. An der Debatte betheiligten sich mehrere Anwesende, welche Alle der Ansicht Ausdruck verliehen, daß unter durch den seitens der Kultusgemeinde getroffenen Verfügungen der Koscherfleischverkauf bedeutend erschwert wird und daß den Fleischhauern aus denselben große und unnütze Lasten entstehen. Sie wünschen daher den Ltutus quo ante wieder hergestellt zu sehen. Ein Redner wünschte, man möge diesbezüglich noch einmal bei der isr. Kultusgemeinde um Abhilfe bitten, während ein anderer beantragte, beim Minister um Aufhebung des betreffenden Erlasses anzusuchen. Der letztere Antrag wurde von der großen Majorität angenommen, worauf der Vorsitzende denselben als Beschluß enunziirte. Freistadtl, 7. Juni. (Privatmitth.) Der Neutraer Zweigverein des ungarischen israelitischen Landes-Lehrervereins hielt am 3. d. im Prüfungssaale der hiesigen israelitischen Volksschule seine Jahresversammlung. Außer den aus den verschiedenen Gegenden unseres Comitats erschienenen Fachgenoffeu waren auch viele Gäste anwesend. Nachdem Schulinspector Libertiny durch eine Deputation eingeholt worden, eröffnete der Vereinspräses Herr Ignaz Schwarz (Neutra) die Sitzung. Der Vorsitzende warf einen Rückblick auf den seit der letzten Jahresversammlung (Apnl 1888) verflossenen Zeitraum und gedachte in würdiger Weise des großen Verlustes, den das Herrscherhaus und die Nation durch das Hinscheiden des Kronprinzen Rudolf erlitten, fer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.