Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1889)
- Date
- 1889-07-25
- Page
- Seite 469 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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469 Lehranstalten, welche von jüdischen Zöglingen besucht werden. Die Allianz ist hierbei von sehr richtigen Grundsätzen ausgegangen, indem sie dem religiösen Standpunkte der Mehrzahl der galizischen Juden nicht entgegentrat, sondern ihn möglichst berücksichtigte. Hierdurch hat sie erwirkt, daß sich die Zahl ihrer Freunde und der ihre Schulen besuchenden Kinder fortwährend steigert und viele von Denen, welche ihr Anfangs feindlich gesinnt waren, für sich gewonnen hat. Was man daher Anfangs fürchtete, daß die eröffneten Schulen nur wenig besucht werden würden, hat sich nirgend erfüllt. Ein Beispiel. Wiederholt hatte sie angeregt und angebahnt, in Kolomsa eine Schule zu errichten, immer vergebens. Jetzt steht die Schule als eine vollendete Thatsache da. Bei ihrer Eröffnung war der Andrang so groß, daß schon am zweiten Tage der Anmeldung 208 Knaben eingeschrieben waren und die weitere Annahme sistirt werden mußte, weil das Schullokal keinen Raum für mehr bot. Die weitere Aufnahme mußte bis zum nächsten Semester verschoben werden. Es heißt hier in diesem Berichte: „Will man die Wohlthaten, welche die Schule zu verbreiten berufen ist, nach Gebühr würdigen, so braucht man nur die Kreise ins Auge zu fassen, welchen sie zugute kommt. Von 188 Eltern, welche ihre Kinder in unsere Schule schicken, sind 52 Handwerker, 32 Kleinhändler, 28 Kaufleute, 17 Makler, 17 Taglöhner, 18 Fuhrleute und Kutscher, 6 beschäftigungslos, 5 Dienstmänner, 5 Schankwithe, 3 Lastträger, 2 Landwirthe, 1 Synagogendiener, 1 Arzt und 1 Fabrikant. Diese statistischen Ziffern bedürfen wohl keines Commentars." Es werden jetzt von der Allianz Schulen in 5 großen Gemeinden erhalten; außerdem in 12 Gemeinden Unterstützungen zur Förderung des Schulwesens gewährt. Selbstverständlich muß auch für einen Nachwuchs von tüchtigen gebildeten Religionslehrern für Galizien gesorgt werden, und die Allianz gewährt deshalb einer Anzahl junger strebsamer Männer Stipendien, um an zweckmäßigen Anstalten sich zu ihrem Berufe vorzubereiten. Aber auch in näherliegenden Gemeinden sucht die Allianz durch Anregung und Unterstützung die Anstellung tüchtiger Religionslehrer zu fördern, und kann der Bericht mit Befriedigung constatiren, daß das Verlangen, der jüdischen Jugend neben dem Profanunterricht einen guten Religionsunterricht zu verschaffen, bis in die kleinsten österreichischen Gemeinden gedrungen ist. Ueber 34 Gemeinden erhielten zu diesem Zwecke Unterstützungen von der Allianz. Besonders thätig war der Verein für die Beförderung des Handwerks unter den Glaubensgenossen zu wirken. Von den auf Kosten der Allianz herangebildeten Handwerkslehrlingen wurden im verflossenen Jahre 13 zu Gesellen freigesprochen. Außerdem wurden noch Stipendien gewährt, um befähigten Handwerkslehrlingen die Gelegenheit zu bieten, auswärts sich fortzubilden. Die Allianz hatte vor Jahren Kinder russischer und später auch rumänischer Emigranten übernommen, um sie die Volksschule besuchen, zu Handwerkern ausbilden zu lassen und dann ihren Angehörigen, meistentheils in Amerika, znzusenden. Anfänglich belief sich deren Zahl auf 214; jetzt sind es noch 37, welche die Obhut des Vereins genießen. Folgende Stelle des Berichtes ist beachtenswert!:: „Drei Jahre sind verflossen, seitdem wir den Versuch, jüdische Knaben zur Feldarbeit heranzuziehen, begannen. Wir haben damals eine größere Anzahl von Jünglingen im Alter von 15 bis 18 Jahren ausgenommen und bei Landwirthen untergebracht. Mehr denn sechzig Zöglinge haben die dreijährige Lehrzeit theils bereits durchgemacht, theils werden sie dieselbe in nächster Zeit vollendet haben. Die Berichte über dieselben lauten befriedigend. Ihre Anstelligkeit und Intelligenz werden ebenso rühmend hervorgehoben, wie ihr Fleiß und guter Wille, welche Eigenschaften auch von den christlichen Mitarbeitern und Nachbarn, mit denen sie im allerbesten Einvernehmen leben, anerkannt und gewürdigt werden. Das von diesen Jünglingen gegebene gute Beispiel wirkt auch auf die Umgebung so anregend, daß jetzt Knaben, welche früher die Feldarbeit scheuten, sich an uns mit der Bitte wenden, in die Zahl unserer Ackerbauzöglinge ausgenommen zu werden." Endlich heißt es: „Auch im abgelaufeneu Jahre hatten wir vielfach Veranlassung, zahlreichen, zumeist aus Rußland, manchen auch aus Preußen ausgewiesenen österreichischen Juden Hilfe zu leisten. Dieselben, zumeist ans Galizien, wurden, sobald die gepflogenen Recherchen ergaben, daß sie ohne irgend welches eigene Verschulden einer wohlbegründeten, langjährigen Existenz verlustig geworden, von uns nach Thunlichkeit unterstützt und über ihren Wunsch in ihre Heimathgemeinden oder nach dem Auslande befördert. Ebenso haben wir unserer Filiale in Krakau größere Beträge zur Verfügung gestellt, um die aus Rußland ausgewiesenen Familien direct in die Heimath befördern und ihre Nothlage erleichtern zu können." — Die Ausgaben der Allianz im Jahre 1888 beliefen sich auf 45,460 fl., welche durch die Einnahmen bis auf ein Deficit von 678 fl. gedeckt wurden. Das Vermögen beträgt 159,641 fl. — Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, dag wir der Allianz eine dauernde Zeit der Blüthe und der Frucht, ein stetes Wachsthum ihrer Mittel und den Besitz von geist- und Willensstärken Männern wünschen, welche sie leiten und für sie thätig sind. Wir haben es hier mit einem Werke zu thun, das nicht in kurzer Zeit überraschend große und umfangreiche Erfolge bieten kann, das jedoch in stetem Fortschreiten die segensreichste Wirksamkeit allmälig entfaltet und die Anpflanzungen, die es aussäet und einsetzt, mit unermüdlicher Fürsorge großzieht. Deshalb darf auch der menschenfreundliche und humanen Zwecken zugeneigte Sinn nicht aufhören, die Allianz kräftigst zu unterstützen, deren Mitgliederzahl zu vermehren und sich willig an so