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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-25 · Heft 30 (25.7.1889) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 30 (25.7.1889)
Date
1889-07-25
Page
Seite 466 (sequence 6)
Language
German
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466 len wird, an den Ecken ihrer Kleider eine tiefblaue Schnur zu tragen, so ist dies nichts Mystisches, sondern, wie sogleich hinzugefügt wird, ein Erinnerungszeichen an die Gebote und deren Erfüllung, wobei die blaue Farbe das geoffenbarte Gesetz symbolisirt. Aus den geschichtlichen Büchern läßt sich nur Zweifaches anführen. Das Eine, daß die Stärke Simson's in seinem Haupthaar bestanden haben soll, so daß er durch das Abschneiden desselben seine Kraft gänzlich verlor. Man kann dies aber auch zu bent bloß Wunderbaren rechnen, da ein mystischer Gedanke nicht wohl darin gefunden werden könnte. Dagegen gehört geradezu in das Bereich der Mystik die ganze Erzählung von der Auffahrt des Propheten Elias zum Himmel in einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen im Sturmwind (2. Kön. 2, 1 ff.). Nicht bloß der Act selbst, sondern was ihm vorangeht und unmittelbar nachfolgt, ist in mystische Formeln gekleidet. — Blicken wir auf die Propheten, so enthalten dieselben, soweit sie vor dem Exil lebten und wirkten, durchaus nichts Mystisches. Die Berufung des Jesaias und Jeremias geschieht, außer mit klaren Worten, durch symbolische Bilder. Bei Jesaias soll die Frage beantwortet werden: Wie kann ein sündiger Mensch des göttlichen Geistes und zu einer Sendung mit einer göttlichen Botschaft würdig und befähigt werden? (6, 1.) Noch einfacher geht der Bericht bei Jeremias vor. Er sieht einen Mandelstab, der nach dem Wortspiel (ip^) das „Wachen Gottes über sein Wort, es zu vollführen" bedeuten soll. Und so auch das Folgende. Ganz Anderem begegnen wir, sobald wir den Boden Babels betreten, allerdings mit Ausnahme des Jesaias II. Wer kennt nicht die große Vision des Ezechiel, die so viel Geheimnißvolles enthält? Wir wollen hier auf die Einzelheiten und deren Deütung nicht eingehen und verweisen auf unseren ausführlichen Commentar zur Stelle. Das Resultat unserer Untersuchung faßt sich in die Worte zusammen: Die Vision will zeigen, wie die Gottheit, über der unbelebten und belebten Schöpfung waltend, ihre Herrlichkeit von dieser in die sichtbare Erscheinung tragen läßt. Und von dieser Gottheit in ihrer Außerweltlichkeit, aber in der Weltlichkeit erscheinend, geht nun die Berufung des Propheten aus. Es war natürlich, daß diese geheimnißvolle Vision die Aufmerksamkeit aller derer, welche sich in ihrem Geiste nach Offenbarungen aus dem Uebersinnlichen sehnten, auf sich zog. Man sah eben in ihr eine große und tiefe Offenbarung und stellte sie deshalb der mosaischen Schöpfungsgeschichte an die Seite oder, wenn man will, gegenüber, man nannte sie ramc rwyü, die letztere n't&fx~2 nwyü. An sie knüpften sich deshalb bald viele und bis ins Ungeheuerliche reichende, regellose phantastische Spekulationen. Die talmudischen Weisen waren dergleichen abhold und erklären in der Mischna denjenigen für einen Thoren, welcher über das grübelt, was vor „dem Anfänge" der Welt gewesen und was nach deren Ende sein werde. Da sie nun bald einsahen, zu welchen verderblichen Verirrungen diese mystischen Bearbeitungen der Vision des Ezechiel führen, verboten sie theils ganz, theils theilweise das öffentliche Lehren und Besprechen dieser Vision (Chagiga, Mischna 2, 1). Spätere Rabbinen beschränkten dies auf die mündliche Verhandlung, wie sie denn auch Maimonides in seinem More behandelt, und andere jüdische Exegeten sich über sie ausließen. Wir jedoch müssen auf dieses talmudische Verbot deshalb ein Gewicht legen, weil es zeigt, wie sich das Judenthum alsbald gegen diese mystische Verirrung erklärte und wehrte. Dennoch gelang ihm dies nicht ganz und die Vision Ezechiels wurde von der im 12. Jahrhundert erstandenen Kabbala zu ihrem Ausgangspunkte gemacht. — Unverkennbar ist es, daß auf die Gedankenwelt und Sprache der exilirten Juden der Geist der innerasiatischen Völker einen gewichtigen Eindruck übte. So sehen wir denn auch nach dem Exil die Propheten, welche noch auftraten, von zweifachem Charakter. Die Einen, wie Hagai und Maleachi, halten sich auf dem alten Wege der Einfachheit und Verständlichkeit, während Secharia der mystischen Geiftesrichtung folgt. Anerkannt ist jetzt wohl, daß auch das Buch, das den Namen dieses Propheten trägt, in zwei Theile zerfällt. Der eine Theil, der jedoch im Buche die 2. Stelle einnimmt (K. 9—14), rührt von einem früheren Propheten her, welcher in den ersten drei Jahren des Königs Jojakim aufgetreten. Ter 2. Secharia ist es nun (K. 1—8), welcher seine Mahnungen an das Volk richtete, den Bau des 2ten Tempels zu beleben, die Juden zu sittlichem Lebenswandel und echter Frömmigkeit zu führen, in eine Reihe mystischer Visionen kleidet, die jedoch an das Räthselhafte der Vision des Ezechiel nicht reichen. Es bleibt nun noch übrig, des Buches zu gedenken, welches den Namen Daniels trägt. Auch hier haben wir ein zweitheiliges Schriftwerk vor uns, dessen erster Theil alle die Erzählungen zusammenstellt, welche über die Erlebnisse Daniels bekannt waren. Der zweite Theil bringt uns vier Visionen, die sämmtlich das Thema haben: die schrecklichen Bedrängnisse zu bezeichnen, welche das jüdische Volk durch den Syrerkönig Antiochus Epiphanes treffen werden, wie dieser jedoch untergehen und darauf das durch diese Schicksale geläuterte Israel in ewiger Herrlichkeit und Herrschaft bestehen werde. Diese Kundgebungen sind aber in sehr mystischer Weise, sehr sonderbaren symbolischen und dunklen Visionen dargestellt, so daß sie zu den ausschweifendsten Auslegungen verleiteten. Diese Auslegung des Buches Daniel, wie sie in geringerem Maße von den Juden, in der mannigfaltigsten Art in der christlichen Welt erstanden, könnte eine ganze Bibliothek füllen. Indessen, wie schon angedeutet, hat sich die spätere jüdische Mystik viel weniger an dieses Buch Daniel angeschlossen, als an die Visiou Ezechiels. — Jedenfalls geht aus dieser Skizze hervor, daß das mystische

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