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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-25 · Heft 30 (25.7.1889) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 30 (25.7.1889)
Date
1889-07-25
Page
Seite 465 (sequence 5)
Language
German
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465 und zu verändern vermag. — Baut sich auf dieser Lehre die ganze heilige Schrift und ihr gesammter Inhalt auf, so wurde jene auch in allen Phasen des Jndenthums festgehalten. Im Bereiche des Talmud's und von da aus in der Volksseele der jüdischen Masse besteht folgende Anschauung. In die menschliche Seele sind die Neigung zum Guten und die Neigung zum Bösen (yvi nsn sitsn ~s') eingesenkt, wodurch eben die Freiheit des Willens begründet ist, da, wenn nur eine dieser Neigungen in der Seele vorhanden wäre, der Mensch dieser nothwendig folgen müßte, während er nunmehr stets die Wahl vor sich habe, welche Neigungseingebung er zur That machen wolle. Diese Vorstellung bildete den Kern des talmudisch - rabbinischen Systems und leitete die Ansichten der Bekenner des Judenthums. Solange deshalb der Mensch sein Bewußtsein hat oder in seinem Jdeengange nicht durch Geistesverwirrung gestört ist, ist er für jede seiner Handlungen verantwortlich und kann dafür verantwortlich gemacht werden, weil er sie thun oder lassen konnte. — Nun, außer den ausgesprochenen Gegnern hält auch die Gegenwart diese Lehre fest, und wir können namentlich unsere Jugend mit Fug und Recht ermahnen, sich von den Syllogismen der Gegner nicht fangen zu lassen, damit sie nicht später durch die Wirklichkeit und durch ihr eigenes Bewußtsein schmerzlich daran erinnert werde. Die Mystik in der Sibel. Zum Schluffe seiner ganzen Lehre fügt Moses das bezeichnende Wort hinzu (5. Mos. 29, 28): „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes, aber das Offenbare unser und unserer Kinder auf ewig, um zu thun alle Worte dieser Lehre." Klarer konnte nicht ausgedrückt werden, daß alles Geheimnißvolle, alles Mysteriöse von der Lehre Mose's fern, aus ihr verbannt sei. Und im gleichen Sinne heißt es gleich darauf (30, 11): „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, nicht zu wunderbar ist es für dich und nicht fern ist cs. 12.: Nicht im Himmel ist's um zu sprechen: Wer steiget für uns in den Himmel hinauf und holet es uns und verkündigt es uns, daß wir es thun? 13: Und nicht jenseits des Meeres ist's, um zu sprechen: ,Wer ziehet für uns jenseits des Meeres und holet es uns und verkündigt es uns, daß wir es thunr" 15: Sondern sehr nahe ist es dir, das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen, um es zu thun." Hier wird gewissermaßen im Voraus protestirt gegen jeden Versuch, Mystisches in die Lehre Mose's hineinzutragen, Geheimnisse oder Geheimlehren aus ihr herauszudeuten, wie dies innerhalb der alten Religionen, namentlich der egyptischen, so reichlich geschehen war und in späteren Religionen geschehen ist. Niemals solle aus Himmel und Abgrund die Mystik gezogen werden, um sie mit der Lehre Moses zu verschmelzen, welche dem Verstände und dem Herzen entspricht und nichts als die einfache Beobachtung der Gebote fordert. Wenn nun auch ini großen Ganzen diese Mahnung des weisen Gesetzgebers im Judenthume hochgehalten wurde und dem Letzteren der Charakter der Einfachheit verblieb, so konnte es doch nicht ausbleiben, sowohl nach der Natur des Menschengeistes als auch durch die Berührung mit anderen Völkern und deren Cnlturzuständen, daß im langen Laufe seines Daseins auch dem Judenthume die Versuche nahe traten, die Mystik in sich aufzunehmen. Ties geschah denn auch in recht starken Dosen. Allerdings gelang es ihm immer, diese mystischen Phantastereien für die eigentliche Lehre des Judenthums wieder zu überwinden und den verwegenen Trug von sich abzuschütteln — ganz gelang ihm dies bis heute insofern nicht, als der Chassidismus »och in einem nicht unbeträchtlichen Theile der jüdischen Masse seine zerstörende Wirkung übt. Denn die Mystik führt unmittelbar zur Verdunkelung des Geistes, zur Unterwerfung des Verstandes unter eine regellose Einbildungskraft und zum finstersten Aberglauben. Da ist es nicht ohne Bedeutung, einmal nachzusehen, wo und in wie weit in die Bibel selbst sich Mystik Eingang verschafft hat. Hierbei müssen wir zunächst aus dem Bereiche des Mystischen die Wunder und die Symbole als auszuschließen betrachten. Denn die Wunder, werden einfach als Thatiachen, wenn auch außergewöhnlicher Art. berichtet. Die Symbole sind nur Einkleidungen von Gedanken und Lehren in wahrnehmbare Formen, welche dem damaligen Menschen, der für die Absiraction noch wenig befähigt war, selbstverständlich waren. Die Mystik aber will Offenbarungen aus dem Uebersinnlichen in willkürlicher, der logischen Gedankenfolge nicht unterworfener, von regelloser Phantasie geschaffener Gestaltung dem Menschen übergeben, und fordert von ihm auch ohne jedes Verständniß unbedingten Glauben. In den 5 Büchern Moses finden wir nur wenige Züge, die den Charakter des Mystischen an sich haben. Wir rechnen hierher 1. Mos. 6, 2: „Da sahen die Söhne Gottes (oder des Göttlichen) die Töchter der Menschen, daß sie schön waren und nahmen sich Weiber von allen die sie gut fanden." Diese Worte geben zu den mannigfaltigsten Auslegungen Veranlassung, ohne daß die Enträthselung gelänge, da auch der folgende Vers die Sache mehr verwirrt als aufklärt. Für die spätere Kabbala war dieser Vers fruchtbar. Ein ähnlicher Zug findet sich in den schwer erklärlichen Worten 2. Mos. 4, 24—26, das Ereigniß auf dem Wege der Familie Moses nach Egypten in der Nachtherberge betreffend. Dies ist aber auch alles aus dem Pentateuch. Denn der darin befohlene Cultus trägt durchaus nur den Charakter der Symbolik. Wenn z. B. weiterhin den Israeliten befoh-

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