Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 458 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227801--46361-3265920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
458 Handlungen zum Wohle und Gedeihen der Schulen geführt werden mögen. Sodann begrüßte auch Herr Dr. Zuckermandel-Trier als Delegirter des D.-J. G.-B. Namens desselben die Versammlung, das gedeihliche Wirken des Bundes für Gemeinde, Schule und Lehrer hervorhebend und die Versammelten auffordernd, den genannten Bund und seine Institutionen nach Kräften zu unterstützen. Somit erledigte sich Punkt I der Tagesordnung und es erhielt Herr Heß- Saarwellingen das Wort zu seinem Vortrage: „Die zwei untersten Jahrgänge in der Religionsschule." Redner führte ungefähr Folgendes aus: Die Bezeichnung „Religionsschule" soll sowohl die allgemein unter diesem Namen verstandene Schule als auch die den Religionsfächern gewidmeten Stunden einer Elementarschule in sich fassen. In beiden ist der Unterrichtsstoff für eine so geringe Stundenzahl sehr umfassend, ja kaum zu bewältigen. Der Lehrer beschäftigt sich meist mit den oberen Abtheilungen, die Unterstufe wird kaum beachtet, während doch gerade auf dieser Stufe durch den Sprechunterricht der Grund zu allen Lehrgegenständen ge^ legt werden muß. Deshalb soll der Sprechunterricht auch für die in der Religionsschule in Betracht kommenden Fächer verwendbar gemacht werden. Er soll das hebräische Lesen durch eine geordnete Anzahl hebräischer Normalwörter und auch durch Schreiben beleben. In Verbindung mit biblischer Geschichte sollen Segenssprüche und kleine dem Kinde verständliche Gebetchen sowohl in der hebräischen Sprache als auch in der Uebersetzung geübt werden. Die hieraus gewonnenen Bortheile seien für die späteren Unterrichtsjahre von unberechenbarem Vortheil. Der Vorsitzende dankte dem Referenten für seine vortrefflichen Ausführungen und eröffnte die Debatte, die äußerst lebhaft und erregt geführt wurde. Es war den Meisten — weil ein ganz neues Verfahren — das eigentliche „Wie?" unklar und daher ward der Wunsch ausgesprochen, bei Gelegenheit der nächstjährigen Conferenz eine Lehrprobe darüber abzuhalten. Die Versammlung einigte sich schließlich in der von Herrn Nußbaum- Trier im Anschluß an den Vortrag vorgeschlagenen These, daß der hebräische Leseunterricht erst mit dem zweiten Schuljahre beginnen soll. Nach einer kleinen Pause ward das Mittagsmahl eingenommen, das in der animirtesten Stimmung verlief, gewürzt durch herrliche Toaste und Reden. Hervorzuheben ist das von dem I. Vorsitzenden ausgebrachte „Hoch" auf Se. Majestät unseren gnädigsten Kaiser, in das die Versammelten begeistert einstimmten. Um 41/2 Uhr wurden die Verhandlungen fortgesetzt und es erhielt Herr vr. Zuckermandel-Trier das Wort zu seinem Referate: „Spruchbuch". In ll/4 ständiger Rede (dieselbe erscheint gegenwärtig im „Israelitischen Volksblatte"), verbreitete sich der Referent über folgende Punkte: die Nothwendigkeit der Religionslehre, die Quellen derselben, die Gebote enthalten alle Glaubens- und Sittenlehren, die Coneentrirung von biblischer Geschichte, Religionslehre und Hebräisch, das Sprachbuch als Mittel hierzu, die Kritiken über dasselbe in den verschiedenen israelitischen Blättern und die Methode beim Gebrauche. Im Anschluß hieran nahm die Versammlung folgende von Herrn Redacteur Nußbaum-Trier vorgeschlagene These an: „Der Verein israelitischer Lehrer Süd- West-Deutschlands erachtet das von vr. Zuckermandel-Trier verfaßte Spruchbuch wohl für geeignet, dasselbe beim Unterrichte in der systematischen Religionslehre und beim biblischen Geschichtsunterricht nutzbringend zu verwerthen." Sodann hielt Herr Leeser-Forbach (Lothr.) einen mit allseitigem Beifall aufgenommenen, geistvollen Vortrag über systematischen Religionsunterricht. Redner, der sich mehr auf den pädagogischen als auf den speciell theologischen jüdischen Standpunkt stellt, fordert die Ausarbeitung eines Lehrbuches zum Religionsunterricht, so daß die Behörde auch die israelitischen Religionsschulen beaufsichtigen könne. Er verwahrt sich gegen eine zu große Anzahl biblischer Sprüche, namentlich gegen ein Spruchbuch, da die vorhandenen Religionsbücher deren schon in Menge enthalten. Die einzelnen Sprüche seien oft und möglichst vielseitig zu verwenden. Die Pflege des Herzens und Gewissens sei mehr als das religiöse Wissen in's Auge zu fassen. Bezüglich der Methode wird gefordert: „Bon der Anschauung zum Begriff." Für die Anschauung hat sich der Lehrer einer passenden biblischen Geschichte zu bedienen. Auf die Berathung seiner Thesen verzichtete der Referent. Mit der rheinisch-westfälischen Conferenz, die an denselben Tagen in Dortmund tagte, war eine telegraphische Begrüßung ausgetauscht worden. Damit endeten die Verhandlungen des ersten Tages. Die Sitzung des nächsten Tages begann Morgens 8 Uhr mit dem Vortrage: „Zur Methode des Gebetübersetzens" von Herrn Vorsitzenden Eppstein-Hoppstädten. Die mit großem Beifall aufgenommenen, klar dargestellten Auseinandersetzungen des Vortragenden gingen von folgenden Leitsätzen aus, welche die Zustimmung der Versammlung fanden: 1. Der hebräische Unterricht in der Volksschule kann sich schon aus Mangel an Zeit nicht die Aufgabe stellen, die Schüler zum selbständigen Studium der Religionsquellen zu befähigen. 2. Die Tefilla ist nicht nach pädagogischen Gesichtspunkten zusammengestellt und hat gewiß kein Schulbuch — im engeren Sinne — sein sollen. 3. Die Methode und die Auswahl beim Gebetübersetzen kann sich nur und muß sich daraus ergeben, welches Ziel und welchen Umfang man diesem Gegenstände setzt. 4. Das Ziel wird sein, die Jugend dahin zu bringen.