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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-18 · Heft 29 (18.7.1889) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 29 (18.7.1889)
Date
1889-07-18
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 desselben nach mit der. dem vr. Leimdörfer eigenen Beredtsamkeit würdigen, mit voller Anerkennung. Eine recht warme Erinnerung an Gotthold Solomon zu dessen lOOjährigem Geburtstage ist als Beilage hinzugefügt. Wenn der Hamburger Tempel eines gesicherten Bestandes sich erfreut, so wünschen wir nur, daß der innige religiöse Geist, der die Väter trieb, ihn zu begründen, auch in den Enkeln und den nachfolgenden Geschlechtern sich immer wieder erneuere und lebendig bleibe. — „Hinaus! Ein Culturbild aus dem Centrum des modernen deutschen Antisemitismus. Skizzirt von O. Lenhard (Leipzig, Thiele 1889.)" Eine ganz eigentümliche literarische Erscheinung, die, wenn sie Beachtung findet, noch vielerlei Staub aufwirbeln kann. Der durch einige Schriften wohl bekannte Dr. L. Freund, in Leipzig Privatisirend, war 3 Jahre lang Mitglied der „akademischen Lesehalle" und erhielt jährlich unbeanstandet seine jährliche Abonnements- Karte. Im Laufe des dritten Jahres erwies es sich, daß der Jnspeetor der Anstalt Unterschlagungen gemacht und auch 20 Karten gefälscht hatte. Der Vorstand, aus 7 Mitgliedern bestehend, dem Geheimrath Overbeck an der Spitze, tauschte, wie es Rechtens, die gefälschten Karten gegen richtige um, jedoch nur 19, die 20te, die des Dr. Freund, verweigerte er umzutauschen, und sandte diesem den Abonnementspreis zu. Freund nahm diesen nicht an und verlangte sein Recht. Als ihm dies nicht wurde, erhob er gerichtliche Klage, verlor jedoch den Prozeß, weil das Gericht die Aussagen jenes Jnspectors als nicht glaubwürdig ansah. Lenhard, ein Freund des Gekränkten, hat nun in obiger Broschüre die Sache vor das Forum der Oeffentlichkeit gebracht. Wer kann ihm dies verargen? Auch das läßt sich voraussetzen, daß er den Gegnern des vr. F., namentlich dem Geheimrath Overbeck, scharf zu Leibe geht, wozu ihm eine tüchtige Dose von Ironie und eine große Belesenheit zu Gebote steht. Ob er hierin immer das richtige Maß eingehalten und seine Darstellungen und Kritik nicht etwas zu weitschweifig und deshalb weniger wirksam gemacht hat, wollen wir nicht entscheiden. Die Berechtigung zu einer solchen Veröffentlichung können wir in diesem Falle gewiß nicht absprechen, da der vr. Freund nicht nur gekränkt, sondern auch geschädigt ist, insofern ihm die Benutzung der Zeitschriften für seine Arbeiten anderweitig nicht vergönnt ist. Auf dem Titel, in der Einleitung mit einigen Worten und am Schluffe der Broschüre deutet der Vers, an, daß er als die Ursache der Ausschließung des vr. Freund den in Leipzig stark verbreiteten Antisemitismus ansieht. Im Verlaufe seiner Schrift kommt er hierauf nicht zurück und bringt also hierfür keine Beweise. Er hätte angeben müssen, daß unter den ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern der Lesehalle sich keine Juden befinden oder doch solche nicht mehr ausgenommen, sondern zurückgewiesen werden. Hierfür mußten bestimmte Fälle angeführt werden. — „Zur Wahl eines israelitischen Religionslehrers. Allgemein zu erwägende Gesichtspunkte von N. Heine, Lehrer der neueren Sprachen. (Bielefeld 1888, Selbstverlag.)" Der Titel dieses Heftchens scheint uns nicht ganz zutreffend. Denn dasselbe handelt vielmehr über die Eigenschaften, den Charakter und die Lebensweise eines wahren und tüchtigen Religionslehrers. Der Verfasser behandelt dieses Thema mit vieler Einsicht und wärmster Begeisterung, wenn er auch die Erfordernisse für diesen Beruf etwas zu hoch anschlägt. Wie die Dinge liegen und die Gemeinden beschaffen sind, müssen wir uns wohl oft mit einem geringeren Maße begnügen. Jndeß ist es immer gut, den Lehrerberuf vom idealen Standpunkt zu betrachten und die Jünger desselben zu höherem Streben anzufeuern. Warum der Verfasser sich so ausführlich in die Frage eingelassen, ob der jüdische Religionslehrer auch Freimaurer werden dürfe? sehen wir nicht gut ab. Und noch eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken. Wenn der Verfasser im Anfänge seiner Abhandlung sich darüber moquirt, daß „ein Collegium von Banquiers, Kaufleuten, Geschäftsleuten über die Wahl eines israelitischen Religionslehrers sehr häufig zu Rathe sitzt, dessen Weisheit in diesem Falle sich gewöhnlich nicht über den Courszettel erstreckt" — so erscheint uns dies sehr ungerechtfertigt. Wer soll denn in der Mehrzahl der jüdischen Gemeinden anders die Wahl des Religionslehrers treffen, da nun einmal in Preußen und anderen Ländern eine Behörde für Prüfung und Wahl des Religionslehrers — außer seiner Prüfung als Elementarlehrer — nicht besteht? Sind es nicht diese Männer, welche die Geldopfer für die Erhaltung der Gemeinde und so auch des Religionsunterrichtes hergeben und dadurch ein natürliches Recht besitzen, bei der Wahl ein Wörtchen mit zu sprechen? Und glaubt der Verfasser wirklich, daß diesen Männern, weil sie Geschäftsleute sind, jede Einsicht in die an den Lehrer zu stellenden Forderungen, jedes Gefühl für das, was ihre Kinder bedürfen, abgeht? Wir verneinen dies; Einsicht und Gerechtigkeit sind an keinen Stand gebunden und keinem ausschließlich zuertheilt. Sollte die Wahl durch die Rabbiner geschehen, so wären die Lehrer die ersten, die dagegen protestirten und von Nepotismus und Einseitigkeit sprächen. Wir sehen also nicht ab, wie die Wahl anders als von dem Vorstande der Gemeinde mit Zustimmung der Repräsentanten, die doch von der Gemeinde zu ihren Vertretern gewählt sind, geschehen könne. Bonn, 10. Juli. (Litterarische Notizen.) Wir erhalten soeben aus Petersburg einen stattlichen Band, die russische Uebersetzung unseres „Jakob Tirado" von Petra Weinerta. Dieselbe ist schon 1887 erschienen. Ob die Uebertragung eine gelungene ist und etwa einige Veränderung des Originals erfahren hat, können wir nicht beurteilen, da wir der russischen Sprache nicht mächtig sind, und müssen dies deshalb der einheimischen Kritik überlassen. Diese Dichtung ist früher bereits in mehrere Sprachen über- 29*

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