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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-18 · Heft 29 (18.7.1889) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 29 (18.7.1889)
Date
1889-07-18
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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454 studiren; er wurde in die Märzrevolution hineingezogen und in Folge dessen in den Octobertagen, als der Belagerungszustand über Wien verhängt worden war, als Gemeiner in ein Infanterie-Regiment, das in Ungarn stand, eingereiht. Durch wissenschaftliches Streben sich hervorthuend, erhielt er bereits im December 1849 das Officiers-Patent. In der Folge wirkte er als Lehrer an verschiedenen militärischen Instituten und im Jahre 1861 wurde er nach Wien versetzt, wo er Skriptor an der Hosbibliothek wurde und an der Kriegsacademie deutsche Literatur vortrug. Von diesem vielfordernden Doppelberuf sparte sich Weilen die Zeit für eine ausgebreiteie literarische Wirksamkeit ab. Nachdem er mehrere Sammlungen epischer und lyrischer Poesien veröffentlicht hatte, trat er 1860 mit der romantischen Tragödie „Tristan" zuerst als Dramatiker auf. Bon seinen späteren Trauerspielen war „Graf Horn" das erfolgreichste. Unter den Gelegenheits-Arbeiten, zu denen er berufen ward, sind der Hymnus zur Eröffnung der Wiener Weltausstellung und das schöne Festspiel hervorzuheben, das er im vorigen Jahre der Schließung des alten und der Eröffnung des neuen Burgtheaters widmete. Nachdem Weilen, in den Adelstano versetzt, von seiner Lehrtätigkeit zurückgetreten war, knüpften sich zwischen ihm und dem Kronprinzen Rudolf intimere, ja man kann sagen, freundschaftliche Beziehungen an. Er kam den Neigungen des Kronprinzen für literarische Bestrebungen mit tactvoller Feinfühligkeit entgegen, und als Letzterer den Plan zu dem großen ethnographischen Werke: „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Brld" faßte, übernahm er die redactionelle Leitung dieses weitangelegten Unternehmens, dessen Beendigung weder er noch sein fürstlicher Gönner erleben sollte. Seit mehreren Jahren stand Weilen an der Spitze des Wiener Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia", und er verstand es in dieser Stellung, zwischen den Empfindlichkeiten der Hof- und Regierungskreise und den Interessen der Presse jederzeit gewandt zu vermitteln. Der Heimgang des Kronprinzen traf ihn auf's Tiefste und trug gewiß dazu bei, den Gang des Leidens, das an seinem Leben fraß, zu beschleunigen. Ein Zungenkrebs hatte sich bei ihm herausgebildet und die Freunde des Dichters wußten zu ihrem Schmerze schon seit Monaten, daß er unrettbar verloren sei. Auch Joseph von Weilen hat es in seinen äußeren Verhältnissen niemals über eine anständige Dürftigkeit hinausgebracht. Er lebte von seiner bescheidenen Pension als Lehrer und von den sehr geringfügigen Bezügen, die seine Mitarbeiterschaft am kronprinzlichen Werke ihm abwarf. Auch an Bitterkeit fehlte es diesem Leben.nicht. Auch sein Streben war bis in die letzte Zeit hinein die Zielscheibe des Wiener Witzes, der dem Mächtigen feig aus dem Wege geht und nur die Wehrlosigkeit angreift. Nicht blos wer in Joseph von Weilen den Dichter ehrte, auch wer den Menschen kannte, der, milde im Urtheil über Andere, wohlwollend und herzlich jeden Nachstrebenden nach Kräften förderte, wird den Heimgang dieses getreuen und liebenswerthen Mannes tief betrauern. Es war Joseph von Weilen nicht vergönnt, die fernsten Ziele des Ruhmes zu erreichen, aber daß er zu den Wenigen gehörte, die ein langes, entsagungsreiches Leben voller Hoffnung und voller Begeisterung, voller Reinheit der Absichten und der Gesinnung in den Dienst der Schönheit und der Poesie gestellt haben, soll ihm nicht vergessen werden. Bonn, 9. Juli. (Literarische Notizen.) Herr M. Silberstein in Breslau hat einen Separat-Abdruck seiner Abhandlung: „Die Sagen vom ewigen Juden. Eine populäre Darstellung" veröffentlicht, der wir viele Leser wünschen. Denn durch diese Arbeit weht ein echt jüdischer Geist des Glaubens, der Liebe und der Zuversicht auch beim größten Leid. Ein wehmüthiger Ton klingt aus den Worten des Verfassers hervor, welcher den Tod seines einzigen 24jährigen Sohnes zu beklagen hat. Wir drücken ihm unser volles Mitgefühl aus. Der Verfasser weist nach, daß die Sage vom „ewigen Juden" keine originelle sei, sondern eine Nachahmung des Sagenkreises, der sich bei den Juden vom Propheten Elias nach dessen Verschwinden von der Erde gebildet hat und selbst in mehrfachen Gebeten, z. B. am Ausgang des Sabbaths Ausdruck gefunden hat, also ganz konkret besteht. Er betrachtet den Propheten Elias und noch mehr „den ewigen Juden" (Ahasoer) als Abbild der zu beständiger Wanderung verurtheilten Juden, in welchen jedoch der Gottglaube, die Gesetzestreue und die Wohlthätigkeit Trost und Kraft niemals schwinden lassen. Man kann zu solcher Vergleichung die Eliassage als die Bild-, die Ahasversage als Kehrseite ansehen. Dies giebt dem Verfasser Gelegenheit, als Hintergrund die bedeutsamsten Ereignisse der jüdischen Geschichte in warmer und lebhafter Weise zu schildern und deren^Bedeutung hervorzuheben. So gestaltet sich diese Abhandlung zu einer anziehenden Skizze der Geschichte des Judenthums, allerdings mehr von ihrer passiven Seite. — „Der Hamburger Tempel zum 70jährigen Denktage seiner Begründung (18. Oktober 1818). Zwei Kanzelreden von Prediger Di-. David Leimdörfer. (Hamburg Boysen 1889.)" Der Hamburger Tempel hat in der Geschichte des neueren Judenthums eine immerhin bedeutende Stelle gewonnen. Bei seinem Entstehen und auch während seines Bestandes mehrmals Gegenstand heftiger Angriffe von orthodoxer Seite, gelang es ihm erst nach und nach, innerhalb der jüdischen Gemeinden Anerkennung und Nachahmung zu erlangen, und bildet so noch heute den Anhaltspunkt der reformatonschen Mittelpartei. Wir begrüßen deshalb die beiden, dem 70jährigen Denktage gewidmeten Kanzelreden, welche die Errichtung des Hamburger Tempels dem Wesen und der Form

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