Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227801--46356-3265915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
452 leisten. Die Familie Sassoon ist dazu berechtigt, dem Schahin-Schah besondere Aufmerksamkeit zu erweisen. Sie stammen aus Badgad, wo der Gründer des zur Zeit weltbekannten Bankhauses David Sassoon geboren wurde. Seine sechs Söhne gründeten Geschäftshäuser in Bombay, China, London, und ihr Reichthum wird nur durch ihren gemeinnützigen Geist und die großartige Freigebigkeit übertroffeu, mit welcher sie über ihr Geld verfügen. David hinterließ ungefähr 2 Mill. Lstr. Im Jahre 1873 wurde Albert Sassoon zum Ehrenbürger der City von London ernannt und im darauffolgenden Jahre von der Königin geadelt. Sir Albert ist jetzt 72 Jahre alt. Sein Sohn hat eine Tochter des Barons Gustav Rothschild in Paris geheirathet. Viele hochmüthige Anglo-Jndier, die in Bombay auf die Sassoons mit dem der englischen Beamtenklasse eigenthümlichen Hochmuth als Angehörige einer fremden Rasse herabzublicken pflegten, haben in den letzten Tagen sich in den Staub gedemüthigt, um der Ehre einer Einladung theilhaft zu werden. Heute Morgen empfing der Schah eine von Sir H. Drummond Wolff, dem britischen Gesandten in Teheran, eingeführte Abordnung der englischen Judenschaft, welche ihm eine in persischer und englischer Sprache verfaßte Adresse überreichte. Der Anerkennung für die in den letzten Jahrzehnten vom Schah eingeleitete Verbesserung der Lage der persischen Juden wird die Bitte hinzugefügt, der Schah möge auch ferner bestrebt sein, Bedrückungen der Religionsgenossen der Petenten zu verhindern. Unter der Abordnung befanden sich Lord Rothschild, Sir Julian Goldsmid und Sir Albert Sassoon. Nordamerika. Philadelphia, im Juni. Einer der letzten Veteranen der alten Reformpartei, Dr. Samuel Hirsch, Rabbiner der hiesigen Gemeinde Kneseth-Jsrael, ist vor kurzem aus dem Leben geschieden, nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte. Er war zuerst Rabbiner in Dessau und fällt in diese Zeit der größte Theil seiner literarischen Thätigkeit. Hier veröffentlichte er seine Predigten über Reform und über die Messiaslehre, sowie den ersten Theil seines religionsphilosophischen Werkes, in welchem er die Hegel'sche Philosophie für das Judenthum verwendbar zu machen suchte. Es ist merkwürdig, daß der geist- und wissensreiche Mann in seinem noch so langen Leben dieses Werk nicht fortsetzte und überhaupt literarisch nicht mehr wirkte; wie kennen nur noch einige wenige Abhandlungen von ihm. Er lvar ein sehr thätiges Mitglied der Rabbinerversammlungen zu Braunschweig (1844) und Frankfurt (1845). Dann kam er als Großrabbiner nach Luxemburg, wo er auch politisch eine gewisse Rolle spielte, und folgte später einem Rufe an die oben genannte Gemeinde. Es ist ein schönes Zeugniß für ihn und für die Gemeinde, daß er dasselbe Rabbinat ununterbrochen bekleidete, was für einen längeren Zeitraum in Amerika nicht häufig ist. Sein Sohn besitzt den Ruf eines tüchtigen Predigers. Bonn, 21. Juli. (Notizen.) Mit Bezug auf die Notiz über den verstorbenen Josef v. Weilen müssen wir bemerken, daß wir irrthümlich meinten, er sei seiner väterlichen Religion treu geblieben. Dies war nicht der Fall, und wir hätten, wenn wir dies gewußt, unsererseits ihn mit Stillschweigen übergangen. — Man schreibt uns aus Minden v. 5. Juli. Am vergangenen Sonntag begingen die Eheleute S. Friede senior Hierselbst im Kreise ihrer zahlreichen Kinder und Enkel ihre goldene Hochzeit. Obwohl die Feier nur auf den engsten Familienkreis beschränkt werden sollte, wurde dasJubelpaar doch von allen Seiten durch verschiedenartigste Aufmerksamkeit erfreut; die große Beliebtheit, dessen sich die alten Leute wegen ihres braven, redlichen Lebenswandels, ihres Fleißes und ihres so häufig bethätigten Wohlthätigkeitssinnes innerhalb der ganzen Bürgerschaft erfreut, kam an diesem Tage zum rechten Ausdruck. Morgens um 10 Uhr erschien der Prediger der Synagogengemeinde, Herr Liepmannssohn, und der Gemeindevorstand bei den Jubilaren. Nach einer herzlichen Ansprache des Herrn L., in welcher unter Zugrundelegung des Bibelwortes 'n -riiy mn iy der Lebensgang und das treue Wirken des greisen Paares geschildert wurde, überreichte der Prediger die den Jubilaren vom Kaiser verliehene Ehejubiläumsmedaille und verlas das aus dem kaiserlichen Civilkabinett eingegangene Glückwunschschreiben. Auch Herr Oberbürgermeister Blenk brachte dem Jubelpaare persönlich seinen Glückwunsch dar. Möchte es den guten alten Leuten vergönnt sein, noch manches Jahr trauter Gemeinschaft im Kreise ihrer Kinder und Enkel zu erleben. — Aus Wien schreibt man der „Franks. Ztg.": Der Tod räumt unter den österreichischen Dichtern auf. Einen Tag nach dem Hinscheidcn Eduard Mautner's ist in Wien Joseph von Weilen einem tückischen Leiden erlegen, das schon lange, ohne daß er selber es ahnte, das Todesurtheil über ihn gefällt hatte. Die österreichische Literatur verliert in diesem Manne mehr, als die Kritik, die nirgends so schonungslos, so engherzig, so kurzsichtig und gewaltsam ist, wie in Wien, ihm bei Lebzeiten zugestanden: ein schönes, dramatisches Talent, das in der Wahl der Stoffe nicht immer glücklich, aber in Streben und Schaffen jederzeit ehrlich gewesen ist. Versucht man für Weilen's Begabung einen Maßstab zu finden, so wird man den Dichter an die Seite Mosenthal's stellen müssen, nur daß seine Richtung eine ernstere, minder gefällige und der äußere Erfolg seiner Werke weniger nachhaltig war. Im Jahre 1830 in einem Dorfe bei Prag als Sohn jüdischer Eltern geboren, ging Weilen 1848 nach Wien, um dort zu 29