Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
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448 Verhandlungen mit der russischen Regierung abgebrochen sein, da diese die Bedingungen, unter welchen Baron Hirsch zum obigen Zwecke vierzig Millionen sicher stellen wollte, nicht genehmigen wollte. Dagegen wurden von ihm, wie man berichtete, zehn Millionen für Schulen in Galizien bereits sichergestellt und ein Comito zur Ausführung gewählt. Diese Schulen sollen jedoch nicht bloß für die jüdische Bevölkerung bestehen, sondern allen Volksclassen und Confessionen offen sein. — Bemerkenswerth ist, daß, während die Summen der Schenkungen alsbald durch die Zeitungen bekannt wurden, sich alles Andere, was sie betrifft, in Geheimniß hüllt, so daß wir über die weiteren Schritte, über die eigentlichen Tendenzen und Zwecke, über die zu treffenden Einrichtungen re. völlig im Dunkel bleiben. Vor einigen Wochen ging durch eine Anzahl Zeitungen eine Mittheilung des „New-Iork- Herald", daß ein Correspondent dieses Blattes den Baron Hirsch interviewet hätte und daß der Baron als sein eigentliches Ziel das gänzliche Aufgehen der Juden in die christliche Welt bezeichnet habe. Man könnte hierunter nur den Abfall vom Judenthume verstehen. Obschon diese Aussage nicht dementirt worden, und obgleich Baron Hirsch zwar für wohlthätige und Schulzwecke, niemals jedoch für die Errichtung von Synagogen oder irgend welche Cultussachen freigebig gewesen, ja letzteres geradezu verweigerte, so schenken wir doch jenem Interviewer keinen Glauben, wenigstens in dieser schroffen Gestalt. Verhielte es sich wirklich so, dann müßten wir gegen diese Tendenz der Schenkungen des Barons so protestiren, wie es bereits von einigen orthodoxen Juden in Rußland geschehen sein soll. Von der Zeit an, in welcher der jüdische Stamm aus seinem Lande vertrieben und durch die Welt zerstreut ward, haben die Juden niemals einen politischen oder socialen Gesammtzweck, wohl aber ihre Existenz als Individuen innerhalb der gesetzlichen Schranken, die man ihnen stellte, und den Fortbestand ihrer Religion und deren freie Ausübung vertheidigt, dafür gekämpft und gelitten. Nichts Anderes ist ihr Ziel, nachdem sie in einem Theile der Staaten die Gleichberechtigung erhalten haben. Unter dem Schutze dieses großen Principes amalgamiren sie sich mit den Nationen, denen sie jetzt angehören, in den gleichen Rechten und Pflichten gegen Vaterland und Staat, in der Cultur nach allen deren Zweigen, in Sprache, äußerer Erscheinung und Lebensweise, immer aber mit dem Vorbehalt, ihrem Religionsbekenntniß treu bleiben und die freie Religionsübung, ein Jeder nach dem Maße seiner religiösen Ueberzeugung, bewahren zu dürfen. Hierin sieben die Juden in ihrer großen Mehrheit fest und bringen hierfür die nöthigen Opfer. Eine Tendenz, wie sie den Schenkungen des Barons Hirsch insinuirt worden, weisen wir deshalb entschieden zurück. Die Thatsachen bestätigen dies. Die moderne jüdische Schule besteht jetzt über ein Jahrhundert; auch besucht ein sehr großer Theil der jüdischen Jugend die öffentlichen Lehranstalten. Aber die Stellung der Juden zu ihrer Religion ist trotz allem sonstigen Wandel dieselbe geblieben, und wenn auch eine Anzahl Juden aus Motiven, die wir hier nicht näher untersuchen wollen, ihrer väterlichen Religion absagt, so hat dies doch auf die Gesammtheit keinen Einfluß. Bethätigt sich doch dies auch in den Ländern jenseits des Oceans, wohin jüdische Einwanderer kommen, die sich alsbald zu Gemeinden organisiren, Synagogen und Friedhöfe errichten und für Religionsunterricht sorgen. Diese Bemerkungen mögen für heute genügen, indem wir abwarten wollen, ob von irgend einer Seite nähere Aufklärungen gegeben werden. Wie? Soll etwa das Ideal der Menschheit in der Beseitigung aller Individualitäten bestehen, in dem Aufgeben jeder Eigenart im Großen und Kleinen, jedes besonderen Strebens und Schaffens? Wäre es das Heil der Menschheit, in ein Meer von Atomen oder Monaden, oder wie man zu sagen pflegt, in einen großen Brei verwandelt zu werden? Damit würde aller geistigen Cultur der Nerv abgeschnitten und wir würden uns auf den Standpunkt der rohen Naturvölker versetzt sehen, bei welchen nur etwas mehr oder weniger körperliche Kraft und Gewandtheit den Unterschied der Individuen bildet. Oder würde es ein Segen oder ein Fortschritt der Menschheit sein, wenn die Bekenner, Träger und Verkünder des reinen Monotheismus, des, der Vernunft und dem Herzen gleicher Weise entsprechenden Gottesbegriffes verschwänden? Mit einem solchen Abfall, bei einer solchen Gleichgültigkeit gegen alle religiöse Ueberzeugung müßte man eine Zersetzung und Auflösung aller positiven Religionen, also einen vollständigen Sieg des Atheismus, unter welchem Namen er sich auch brüste, voraussetzen. Ties mögen sich diejenigen klar machen, welche als Nivellirer den Bestand jeder individuellen Existenz, namentlich auf dem religiösen Gebiete „mit leichtem Herzen" bekämpfen. Sie haben es jedoch mit einer in der Natur des Menschen tief eingewurzelten Geistesrichtung, mit einem unverwüstlichen Elemente der Menschenseele zu thun und werden hieran scheitern. Nicht die Vernichtung, sondern die Klärung der religiösen Anschauung ist das Ziel der Menschheit! Der Antisemitismus in der Armee. Man schreibt uns aus Pest vom 1. Juli: „Der Antisemitismus, der die verschiedenen Schichten und Classen der Bevölkerung in den letzten Jahren leider inficirt, hat auch in der Armee schon mehrfache Opfer gefordert: mehrere jüdische Soldaten haben, müde der Sekaturen ihrer Vorgesetzten oder ihrer Waffenbrüder, durch Selbstmord geendet.