Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227801--46350-3265909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
447 dieselbe Waffe gegen sich selbst zu gebrauchen.—Die griechische Legende besagt, daß Sokrates „die Philosophie vom Himmel wieder zur Erde gebracht," d. h. durch seine einfache Methode und seine vernünftigen Grundsätze der Herrschaft der Sophistik ein Ende gemacht und ihren Nebel durch das Licht des Verstandes zerstreut habe. Daß Sokrates hierzu einen Anstoß gegeben, räumen wir ein. Aber es mußten ihm geistige Wendungen im Volke zu Hilfe gekommen sein, um einen solchen Erfolg zu erreichen und einem Plato und Aristoteles den Weg zu öffnen. In der That werden die Menschen mit der Zeit der Schönrednerei überdrüssig und für dieselbe abgestumpft und unempfänglich. Nicht minder prallt zuletzt das Parteigezänk wirkungslos ab, und endlich ist der Drang nach Wahrheit und die Achtung vor der Wahrhaftigkeit im Menschen zu groß, als daß das Haschen nach Schein und der Gebrauch der Lüge ihnen nicht verächtlich werden sollte. Zu sehr stellt sich die Hypothesensucht als bloße Fehlgeburten hervorbringend dar, um nicht mit der Zeit ihren Anreiz zu verlieren. Werden nun diese Elemente auch in unserer Periode den Sieg erringen, und Wahrheit und Gerechtigkeit im einfachen Gewände zur Herrschaft gelangen? Wir wissen es nicht, hoffen es jedoch, wenn sich uns auch nur erst wenige Anzeichen bemerklich machen. — Ueberschauen wir die Geschichte des Judenthums, so erzieht sich uns, daß in demselben die Sophistik keinen oder nur geringen Boden gefunden. Vielleicht versteckt sich dieselbe hinter den bisweilen erwähnten „falschen Propheten". Einigen Anflug könnte man in einigen Reden der Freunde Hiob's finden und in Koheleth. Mehr schon zeigt uns der Alexandriner Philo eine Neigung zur Sophistik. Die ganze Halacha ist von derselben gänzlich frei, da sie nur einen concreten Stoff bearbeitet und nach bestimmten logischen Sätzen ihre Folgerungen zieht. Die Agada sieht nicht auf schöne Phrasen, läßt sich aber in der Legende und Fabel die freieste Bewegung, jedoch stets um zur 'Bekräftigung eines sittlichen Gedankens zu kommen. Nur höchst selten tritt bei einem jüdischen Schriftsteller das Verlangen hervor, durch Rede prunk zu glänzen, und der Druck, der so viele Jahrhunderte auf den Juden lag, hinderte sie, auf Schönheit der Rede etwas zu geben. Selbst die Gebete, namentlich die Piutim zeichnen sich durchaus nicht durch Glanz der Sprache aus. Die Kabbala scheut sich allerdings in ihrer Phantasterei nicht vor Uebertreibung und Dichtung, aber ihre Sprache ist verworren und geschmacklos. — In der Gegenwart ist auch hierin ein Wandel eingetreten und auch die Juden stellen ihr Contingent zu den Sophisten. Die Schenkungen des Sarons Moritz von Hirsch, h Im Laufe dieses Jahrhunderts sahen wir Männer theils ihr ganzes Leben mit allen Kräften, die sie besaßen, oder doch bedeutsame Momente desselben dem Wohle ihrer Glaubensgenossen, der Juden, dem Fortbestände und der Hebung derselben widmen. Wir denken hierbei vorzugsweise, absehend von Theologen und Gelehrten, an Sir Moses Montefiore, Albert Cohn und Adolf Cromieux. Sie gehörten verschiedenen religiösen Richtungen an, Montefiore der streng orthodoxen, Albert Cohn der gemäßigten, Cromieux der Reform und zwar der äußersten. Wenn dieser den Satzungen des Judenthums fern stand, so hat er sich doch zu oft begeistert und begeisternd für die Grundlehren des Judenthums ausgesprochen, als daß wir ihn nicht in dieser seiner religiösen Überzeugung anzuerkennen hätten. Wir brauchen an die Thaten des Sir Moses nicht zu erinnern, da sie noch in Aller Erinnerung leben, wie er nach Jerusalem, Damaskus, Kairo, Konstantinopel, Rom, Madrid, Marokko und Petersburg zog, um die Lage seiner gedrückten und verfolgten Glaubensgenossen zu verbessern. Auch Albert Cohn unternahm wiederholt Reisen nach dem Orient, um mit den Mitteln der Pariser Rothschilds in Jerusalem, Alexandrien und Konstantinopel Schulen und am ersteren Orte ein Krankenhaus zu begründen, überall, auch in Algier, Bukarest und Wien Borträge in den verschiedenen Sprachen haltend; auch wirkte er thätig für die religiösen Interessen in Paris. Cromieux endlich erwarb sich die größten Verdienste, er, der berühmte Advocat, zweimal Mitglied der provisorischen Regierung und Justizminister, durch die Beseitigung des Eides more judaico, die Reise nach Damaskus und Kairo zugleich mit Salomon Munk, das Decret, durch welches die eingeborenen Israeliten von Algerien zu Franzosen naturalisirt wurden, und die langjährige Präsidentschaft der ^llianoe isr. univ. Alle diese Männer sind für die heilige Sache, die sie verfochten, mit ihrer Person eingetreten; zu ihnen gesellt sich nun, wie es scheint, Baron Moritz von Hirsch und zwar durch Schenkungen von Capitalien, wie sie in größerem Maße wohl noch niemals stattgefunden. Abgesehen davon, daß er in sehr zahlreichen Fällen von Mißgeschick und Unglück, Feuersbrunst, Ueberschwemmung, Hungersnoth sehr bedeutende Summen zur Unterstützung der schwer betroffenen Glaubensgenossen spendete, bestimmte er eine Million Frank für jüdische Schulen in der Türkei, deckte jährlich das Deficit der Ennee mit mehr als 40,000 Franken und gewährt dieser jetzt einen Jahresbeitrag von 400,000 Franken, wie wir aus der letzten veröffentlichten Bilanz der Alliance ersahen. Aber mehr noch: er bestimmte, wie es heißt, fünfzig Millionen Franken zur Errichtung jüdischer Schulen, besonders auch Handwerksschulen in Galizien und Rußland. Allerdings sollen die 29*