Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
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446 Nebel, ist der Mangel an Wahrheitsliebe und Ueberzeugungstreue. Die Zerfahrenheit der Ansichten und die Mannigfaltigkeit der Interessen haben in unserer Zeit eine große Zersplitterung, die Bildung vielfacher Parteien und einen gewaltigen Parteikampf hervorgebracht. Im Dienste aller dieser Ansichten, Interessen und Parteien steht nun die sophistische Redekunst in mündlicher und schriftlicher Weise. Sie finden alle ihre eifrigen Vertheidiger, die mit schwungreicher Rede und mit einer Menge von Argumenten für sie eintreten. Dabei kommt es auf Wahrhaftigkeit und Neberzeugung wenig an; man bedient sich der Uebertreibung, der Unwahrheit, der Verdächtigung und Anschuldigung ohne Scheu, wenn sie nur den Zwecken zu dienen scheinen; man erweckt alte Vorurtheile, Anschauungen vergangener Tage und stutzt sie in moderner Art auf; es kommt alles auf den Schein an, und wie man durch entzündete Leidenschaften zu blenden vermag. Dies findet auf allen Gebieten statt, und weder Religion, noch Politik, noch Wissenschaft bleibt davon verschont, überall säet man Hypothesen und Scheingründe aus, verallgemeinert irgend eine Einzelheit, eine einzelne Wahrnehmung und zersetzt das Allgemeine in Specialitäten, so daß der Zusammenhang verschwindet. Alles dies kann man täglich beobachten, und sind auch die Persönlichkeiten nicht selten, welche in kurzer Zeit von einem in das andere entgegengesetzte Lager übergehen, und mit dem gleichen Schein der Begeisterung und Entrüstung Diejenigen bekämpfen, welche kurz vorher noch ihre Genossen und Freunde waren. Sind doch auch Zeitblätter bemerklich, welche im Nu mit ihren Ansichten wechseln und heute mit derselben Heftigkeit predigen, wie das Gegentheil manchmal vor wenigen Tagen. — Eines einzelnen Zuges gestatte man uns noch zu erwähnen, der durch diese Redekunst unserer Tage gefördert wird und zu mannigfaltigen Irrungen veranlaßt. Es ist dies die Sucht nach psychologischer Analyse. Im Drama, Lustspiel, Roman und Novelle, in Biographien, Essays und selbst in der Geschichtschreibung verlangt man eingehende Erörterungen der seelischen Vorgänge, des Entwickelungs- und Bildungsganges der Persönlichkeiten, der seelischen Motive, die zu dieser oder jener Katastrophe, zu diesem oder jenem Ereigniß führten. Die Thatsachen, die durch scheinbaren Zufall herbeigeführt wurden, beachtet man kaum und läßt sie nur als Beiwerk gelten; man will nur die seelische Gestaltung der Dinge vor sich haben. Nun ist aber das psychische Leben ein sehr dunkles Gebiet, auf welchem das Unbewußte eine größere Rolle als das Bewußte spielt; die Quellen unserer Empfindungen sind uns meist verborgen, wie auch die Jdeenassociation uns meist unenthüllt und von uns meist unverfolgt bleibt. Ist doch der Mangel an Selbsterkenntnis, die Schwierigkeit der Selbsterkenntniß eine alte Klage, und nichts häufiger als die Täuschung über uns selbst. Um wie viel schwieriger ist es, in die Tiefen einer anderen Seele zu schauen und die Vorgänge zu erkennen, welche sich in ihr noch dazu in vergangenen Tagen zutrugen und abspielten! Liegt es da nicht nahe, daß wir in den allermeisten Fällen hineintragen, was wir an uns und an Anderen beobachtet haben, was wir uns willkürlich ausdenken, oder nach unserem besonderen System finden wollen? Das giebt ja dann treffliche Beweise für die Richtigkeit unseres Systems hinterdrein ab. So geben wir vor, Helles Licht zu verbreiten, wo wir selbst nur im Dunklen tappen. Da ist Jrrthum in Fülle, wo wir willkürlich auseinanderlegen und zusammensetzen. Dies alles wird jedoch durch die reiche und ausgebildete Sprache verdeckt, und je größer die Kunst ist, die wir uns in ihr zu eigen gemacht haben, desto blendender und einnehmender wird unsere Darstellung, die doch meistens statt der Wahrheit Fictionen bietet. — Was dieser Richtung kräftig entgegenzuwirken scheinen möchte, ist ein anderer Charakterzug unserer Zeit, nämlich die Kritik, der kritische Geist, der rege und wach ist. In dem Menschen der Jetztzeit ist der Drang vorhanden, die Dinge nicht so anzunehmen, wie sie sich vorstellen, sondern sie prüfend ins Auge zu fassen. Hiermit wäre es gegeben, der Sophistik den Spielraum abzuschneiden und ihre Wirksamkeit zu beschränken. Diese Kritik, sollte man meinen, die sich an Jedes und Alles macht, müßte die Schönrednerei der Sophisten und Parteigänger alsbald unter ihr Messer nehmen, ihr die geschminkte Haut abziehen, ihre künstlich zusammengefügten Glieder zerlegen und so zeigen, daß nichts dahinter als Schein und Unredlichkeit. Nun, dieses Amt übt sie auch, aber ihr Erfolg ist gering. Denn abgesehen davon, daß die Menge von der Kritik keine Nofiz nimmt und sich dem Sophisten, nicht aber dem Kritiker zuwendet, so stellt sich auch die Kritik in den Dienst der Partei gerade so auf allen Gebieten wie die Sophistik. Auch die Kritik muß von Voraussetzungen ausgehen und findet diese auf Seiten einer Partei. Wir meinen nun nicht, daß die meisten Kritiker gewissenlos zu Werke gehen und sich jene Voraussetzungen aus persönlichen Interessen aufsuchen. Aber auch in dem Kritiker besteht eine vorher gewonnene Ansicht, von welcher er ausgeht und sich leiten läßt; auch er wurzelt in seiner Zeit und schwimmt mit dem Strom oder mit einem Arme des Stromes. Ja, je mehr er von seiner Anschauung überzeugt ist, desto eifriger sucht er sie in den Einzelheiten, in welche er nach seinem Berufe das Ganze zu zerlegen hat, aufzufinden und nachzuweisen. Hierbei kommt ihm seine Feindin, die Sophistik, zu Hilfe, und so kommt es, daß auch die Kritik Parteisache wird, jene Vielheit der Hypothesen zu Stande bringt, welche in der gegenwärtigen Welt überall herumflattern. Auch dies liegt unserer Beobachtung täglich vor. Die eine Partei übt die schärfste Kritik gegen die andere, hütet sich aber wohl,