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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-18 · Heft 29 (18.7.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 29 (18.7.1889)
Date
1889-07-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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WWWM Allgemeine Mi 4M*- Zeitung des Iudmthums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Viertelsährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps«« tu Konn. Expedition: Leipzig, Kospitakjtraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Di. Phiiippson in Bonn direct, in allen übrigen cm die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 18. Juli 1889. Nr. 29. Inhalt. Leitende Artikel: Charakterzüge vom Tage. — Die Schenkungen des Barons Moritz von Hirsch. — Der Antisemitismus in der Armee. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Neubrandenburg. — Oesterreich-Ungarn: Ans Böymen. — Frankreich: Paris. — Rußland: Lorano. — Bulgarien: Sofia. — Großbritannien: London. — Nordamerika: Philadelphia. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Correspondenz. Bonn, 14. Juli. Charakterzüge vom Tage. Wenn vielleicht in späterer Zeit ein Beobachter oder gar ein Geschichtsforscher einen Blick auf die Reihe dieser Artikel werfen sollte, würden sie ihm wohl einige Winke zum Verständniß und zur richtigen Beurtheilung unserer Zeit bieten. Sind dieselben auch nicht erschöpfend, ja nicht einmal bis ins Einzelne ausgeführt, so beruhen sie doch auf dem aufrichtigen Bemühen, die Wahrheit, die vorhandenen Tendenzen und Geistesrichtungen zu erkennen und der Wirklichkeit gemäß darzustellen, auch jede Uebertreibung, jedes Aufträgen allzusatter Farben zu vermeiden. In bestimmter Weise kann man die Gegenwart bei all' ihrer Vielseitigkeit als eine Epoche der Sophistik bezeichnen. Im hellenischen Alterthum und später im römischen gab es eine Periode, wo die Sophisten vorherrschten. Darunter verstand man jene Schönredner und Phrasenmacher, welche den Werth der Rede nicht sowohl in dem Reichthnm und der Tiefe der Gedanken, als vielmehr in der Schönheit der Sprache, in deren Fluß und Schwung und in der künstlichen Zusammensetzung der Rede suchten. Sie waren es, die von sich selbst behaupteten, daß sie Alles vertheidigen und beweisen könnten, daß sie morgen bewiesen, was sie heute verwarfen, heute mit scheinbaren Gründen behaupteten, was sie gestern mit ähnlichen Gründen verneinten. Also auf Wahrheit und Ueberzeugung kam es ihnen gar nicht an, sondern nur wie sie in beredter Weise die Aufgabe lösten, die ihnen gestellt ward, die Grundsätze erörterten, für die sie augenblicklich eintreten sollten. . . . Die Schönheit der Sprache! Sie ist wie ein schönes Gesicht, eine anmuthige Gestalt, ein wohlklingendes Organ eine große Empfehlung, welche die Menschen freundlichst aufnehmen als eine angenehme willkommene Erscheinung, mit der unbewußten Voraussetzung, daß der schönen Form ein gleichwerthiger Inhalt entspreche, ohne also diesen zu prüfen. Und doch hat mehr als ein Alcibiades einen Sokrates, viele Familien, ja den ganzen Staat in Verwirrung und dem Untergange nahe gebracht! — Es kann nun nicht verkannt werden, daß die Jetztzeit ganz ähnliche Züge aufzuweisen hat. Vergleicht man die Sprache der letzten Jahrhunderte mit der gegenwärtig üblichen, so stößt man auf die allgemeine Forderung einer schönen, eleganten, schwungreichen, ergötzenden, möglichst hinreißenden Redeweise. Eine einfache nüchterne Darstellungsweise läßt man kaum noch in strengwissenschaftlichen Werken für einen kleinen Kreis von Fachmännern zu, und findet nicht einmal einen „Leitfaden" ohne schmuckreichen Ausdruck brauchbar. Durch den Fluß und Schwung der Rede wird die Menge hingerissen, ohne die Richtigkeit und Fülle der Gedanken zu beachten. Sahen wir doch in unseren Tagen Männer auf den Schild erheben, welche der Rede sehr mächtig, ohne jedoch ein erhebliches Wissen und eigene Gedanken zu haben. Brachten sie nur ein gewisses Feuer mit, und trugen dann ihre, die Menge schmeichelnden Schlagwörter nachdrücklich vor, so waren sie ihres Erfolges lange gewiß. Was aber das größere

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