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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 442 (sequence 14)
Language
German
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kannte, merkte, daß er den Fall für überaus ernst ausfasse , und es wurde ihm sehr ernst und bange zu Gemüthe. Der Rebbe legte seine Hand auf R. Srul's Schulter und begann: „R. Srul beawonoßeinu — um unserer Sünde» willen — sehr traurig. Das scheint keine einfache Caprice zu sein, das Uebel muß tiefer liegen ... wer weiß . .. vielleicht ist's chas weschulem — Gott beschütze — ein, ein Dibek — Dämon —. Denn es ist doch unbegreiflich, daß eine „jüdische Tochter" so einen Tachschit ausschlage, aber ich muß die Plonirte — die Betreffende — sehen, bringt morgen die Bßile — Jungfrau — her, wer tveiß, vielleicht ivird man zum Schäfer — Widderhorn — greifen müssen, um ihr den Dibek auszutreiben, also wie gesagt R. Srul, kommt morgen mit Eurer Tochter und ich will noch heute aus ihre Intention einCapitelSoer sagen. Inzwischen zieht in Frieden." Mit getheilten Gefühlen harrten in der Herberge die Muhme und Genendel der Rückkunft des R. Srul. Das Mädchen zitterte wie Espenlaub. Was sie da gleich am ersten Tage gesehen und gehört, erfüllte sie mit Entsetzen, daß sie ganz eingeschüchtert in einem Winkel zusammengekauert saß, mit banger Erwartung des da Kommenden harrend. Frau Beile hingegen fühlte sich so recht in ihrem Elemente, hier konnte sie ihre Wundergeschichten gut an den Mann bringen und andächtig lauschte man ihren Erzählungen, mit dem Kopfe zustimmend nickend und die Augen gen Himmel heftend, ob der „Piles Pelues" — Wunder über Wunder — entzückt und gleichzeitig erstaunt. Endlich erschien R. Srul, und der Blick mit dem er seine Tochter fixirte, schien nicht Gutes zu sagen, daß sie zusammenschauerte. Er winkte der Muhme, ihn ins anstoßende Zimmer zu folgen und theilte ihr die Befürchtungen des Rebben mit. Sie schlug ihre Hände entsetzt über ihrem Kopfe zusammen, fuchtelte mit ihren knochigen Armen, wie Gespenster verscheuchend, und „Scheidim, Scheidim" kam es über ihre Lippen. Zu Genendel zurückgekehrt, vermied sie es mit ihr in eine handgreifliche Berührung zu kommen, beobachtete sie fortwährend wie mitleidig, in Wirklichkeit aber mit einer gewissen fanatischen Satisfaktion. Fand sie doch ihren Glauben an „unreine Geister" so glänzend bestätigt und war jetzt in der Lage, mit ihrem Medium in Gestalt Genendels ihre Behauptungen zu demonstriren. Sie war von Rebben entzückt, und obwohl er dies nur als Hypothese aufstellte, was bei ihr selbst bereits Thatsache, wurde doch damit ihrer Denkweise die Krone aufgesetzt. Vor Ungeduld konnte sie den Tag nicht erwarten, den Rebben von Angesicht zu Angesicht zu schauen und aus seinem Munde die Bestätigung zu vernehmen. Sie brachte eine unruhige Nacht zu, ihre aufgeregte Phantasie ließ ihr ganze Schaaren von Gespenstern aufsteigen und es kam ihr vor, daß Genendels Dibek gar zu sprechen beginne. Letztere wälzte sich auf ihrem Lager, von unruhigen Träumen geplagt, daß ihr geängstigstes Gemüth ihr schreckliche Visionen vorspiegelte. Sie merkte, daß Vater und Muhme sie sonderbaren, scheuen Blickes anstarren, und sie wurde an sich selbst irre. Endlich schlägt die für die zweite Audienz festgesetzte Stunde und alle drei begaben sich zum Wundermann. Genendels ging wankenden Schritts wie eine Verurtheilte zum Exekutionsplatze. Ihr Herz war beklommen und eine trübe Ahnung sagte ihr, daß sie traurigen Tagen entgegengehe. Auch erfüllte es sie mit Furcht, dem Gewaltigen, von dem sie zu Hause und in der Herberge soviel Wunderdinge vernommen hatte, so direkt und unmittelbar Rede und Antwort stehen zu müssen, daß ihre fieberhaft aufgeregten Pulse heftig klopften. Wie ein Schleier legte es sich vor ihren Geist und in ihrer Einbildungskraft nahm die Gestalt des Rebben ungeheure und furchtbare Dimensionen an. Ihre Füße versagten ihr den Dienst, ihre Knie knickte» zusammen und von Vater und Muhme gestützt, betrat sie den Audienzsaal. R. Srul schritt gegen die Mitte des Zimmers vor, während seine Begleiterinnen bei der Thür stehen blieben. Der Rebbe nickte leicht mit dem Kopfe und unter seinen halbgeschlossenen Augenlidern fixirte er schielend das Mädchen. Er winkte ihr, näher zu treten, und mit Aufgebot ihrer letzten Kräfte näherte sie sich schüchtern und die Augen niederschlagend dem Tische. Es trat eine ziemliche Pause ein, der Rebbe blätterte wie nachsinnend in einem vor ihm ausgebreiteten Folianten bis er endlich anhub: „Bas Srul — Tochter Sculs — dein Tate — Vater — hat bei mir über dich Beschwerde geführt und mit vollem Rechte. Er will dich an ein feines, jüdisches Kind verheirathen, will keminheg, bejisruel — wie es in Israel Brauch — einem gelehrten Bücher dir zum Manne geben und du weigerst dich noch den dir bestimmten Chusen — Bräutigam — die Hand zu reichen. Es scheint, daß du von der jetzigen goischen Mode angesteckt bist, und daß du vielleicht gar einen Doktor heirathen möchtest. Wisse, daß dein Vater dies nie gestatten wird, und wenn du dich nicht jetzt bereit erklärst, deine Widerspenstigkeit aufzugeben, wirst du die Macht meines Armes fühlen. Genendel, ich gebe dir fünf Minuten Bedenkzeit." Er hielt inne und sie starrte den Zürnenden scheuen Blickes an. Sie bebte am ganzen Körper, ihr Gesicht war leichenblaß und sie mußte sich an den Tisch stützen, um nicht zusammenzubrechen. Die Muhme stand da hoch aufgerichtet, jedes Wort des Rebben mit einem bejahende Kopfnicken begleitend, bereit auf sein Geheiß, das arme Mädchen, wie ein Autodafe, das Opfer zu verschlingen, und R. Srul fixirte seine Tochter, sie mit widersprechenden Gefühlen betrachtend.

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