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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 441 (sequence 13)
Language
German
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t J 5 > ) t I l i i [ l i 441 tigkeit gewinnen und in dem Maße, wie man sie bestürmte, wuchs ihr Abscheu. Sie wußte aber kein Mittel, um für die Dauer sich der ganzen Familie gegenüber behaupten zu können, kannte sie doch den unbeugsamen, rücksichtslosen Willen ihres Vaters, und ihre Hilflosigkeit einsehend, verdüsterte sich ihr Gemüth immer mehr. Sie konnte in der ganzen Stadt auf keinen Bundesgenossen rechnen, sie wußte, daß die allgemeine Stimme sie verdamme, ja daß selbst ihre Jugcndgenossinnen über sie den Stab brechen, sagen doch auch sie allen Idealen Valet und reichen dem ersten besten der ihnen aufoctroyirten „Cavaliere" die Hand. Nur sie, sie kann den ihr selbst unerklärlichen Widerwillen nicht besiegen, sie sieht das Verderben herannahen und schwebt zwischen Himmel und Erde. Was die Reise bringen wird? Was kann der Rebbe helfen? Etwa ihren Jdeengang ändern? Ihren Abscheu wie in einem Zaubermährchen in Zuneigung verwandeln? Sie glaubt und wünscht es gar nicht. Ihr imponirt der Nimbus des Rebben nicht, sie glaubt nicht an seine überirdische Macht und sie hat nur eine unbestimmte Ahnung, daß er beitragen werde, ihre Lage noch zu verschlimmern. Wie auch anders! Er als Rebbe muß ja ihren Widerwillen gegen einen chassidischen Bachur verdammen und aus seinem reichhaltigen Repertoir ihrem Vater Mittel an die Hand geben, ihren Widerstand zu beugen. Welcher Art werden dieselben sein? sie schauderte. Der Zug brauste dahin, der funkensprühenden Locomotive entstiegen dicke Rauchwolken, im Coupe herrschte ein Halbdunkel, die vereinzelten Wächterhäuschen und Telegraphenstangen tanzten nur so vor den Augen und die in der Coupödecke angebrachte Lampe warf ihr unsicheres, flimmerndes Licht auf unsere Reisenden. R. Srul dampfte seine Pfeife, Fräulein Geneudel hatte die Augen halb geschlossen und die Muhme Beile bestritt allein die Kosten der Unterhaltung. Mitternacht war längst vorüber, die übrigen Passagiere schlummerten, auf den Bänken hin und her wackelnd und die Muhme fuhr fort: „Sehen Sie R. Srul, ich fahre sehr ungerue mit der Eisenbahn, denn wie Sie wissen, halte ich nichts von diesen teuflischen Erfindungen und behaupte, daß die Scheidim — böse Geister — dabei im Spiele sind. Da sagen Sie selbst, wie ist es nur möglich, daß diese Wagen so mir nichts, dir nichts, wie besessen dahintreiben, weil vorne ein großer Kamin raucht. Nein, ich lasse mir das nicht ausreden, das geht nicht mit rechten Dingen zu, dahinter steckt „eppe's" — etwas —. Und wie diese Tele — Telegraphendrähte einem vor den Augen tanzen? Nein, ich sage Ihnen, ein frommer Jude sollte sich gar nicht dieser satanischen Fahrgelegenheit bedienen, denn man kann nicht wissen" —. Ein schriller Pfiff unterbrach ihren Redestrom, im Osten ging der feurige Sonnenball auf, die Wipfel der Bäume, die Spitzen der Berge purpurn vergoldend. Das großartige Morgenroth verwandelte die Landschaft in ein bezauberndes Panorama, in den Kronen der Bäume zwitscherten die Vögel ihr Morgengebet, unter den Strahlen des leuchtenden Tagesgestirnes stoben vollends dieSchatteu derNachtaus einander; die ganze Natur schien einen Lobhymnus anzustimmen und unsere Bekannten hatten ihr Reiseziel, die Station — die Finsterniß erreicht. Das zu den Füßen des Olymps sich ausbreitende Städtchen war von fremden Pilgerschaaren überfüllt. Es war sozusagen die Saison hierfür, denn die jüdischen Feiertage standen bevor, und wer nur irgendwie die Reisespesen erschwingen konnte, hatte nichts Eiligeres und Besseres zu thun, als ans Hoflager des chassidischen Häuptlinges zu eilen. Daß das Familienleben, daß die im jüdischen Wesen wurzelnde Familienzusammengehörigkeit darunter leide, darauf sah man nicht; zu Hause mußten Frau und Kinder die Feiertage einsam verbringen, während das Familienoberhaupt an der Tafel des Rebben die Festtage verpraßte. R. Srul verlor keine Zeit und gleich am ersten Tage seiner Ankunft gelang es ihm, sich eine Audienz zu erwirken. Ein splendides Pidjon wanderte in die Privatschatulle des Rebben, die Cabinetskanzlei ward ebenfalls mit einem entsprechenden Douceur bedacht und wie durch eine Zaubermacht öffneten sich vor R. Srul alle Thüren. Er zahlteübrigens einen jährlichen Tribut an die Hofcasse, und mar hier immer ein willkommener Gast. Ebenso wie im Mittelalter der Kaufmann beim Raubritter seine leibliche Sicherheit durch eine jährliche Abgabe erkaufte, wähnt der Chassid durch einen Geldbetrag sich sein Seelenheil sichern zu können. Hat man aber ein besonderes persönliches Anliegen, so muß man selbstredend dafür extra seine Gebühr entrichten und R. Srul war in dieser Beziehung Gentleman. Der Rebbe ließ sich die Sache erzählen, machte ein ernstes Gesicht, zog die Stirne kraus, schloß die Augen, wie den schwierigen Fall ungestört überlegen zu können und blies mächtige Rauchwolken von sich. Er, der Rebbe, war überhaupt kein Freund von vielem Sprechen und seine Antworten bestanden immer nur aus unzusammenhängenden Sätzen, die nach jeder Richtung hin elastisch gedeutet werden konnten und deshalb auch classische Orakelsprüche abgaben. Devot und andächtig stand R. Srul vor seinem Meister, auf ein erlösendes Wort harrend. Der Wundermann bewegte sich unruhig auf seinem Sitze, schüttelte wie in tiefen Gedanken sein Haupt und „hm, hm" kam es über seine Lippen. Er schnitt eine furchtbare Grimasse, erhob sich von seinem Sitze, stellte die Pfeife mit einer unwirschen Geberde auf eine Etagerie und blieb vor R. Srul stehen. Letzterer, der das Mieuenspiel des Rebben so ziemlich

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