Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1889)
- Date
- 1889-07-11
- Page
- Seite 443 (sequence 15)
- Language
- German
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443 Zum Rebben hat er ein blindes Vertraue», von ihm erwartete er Heil und dennoch dauerte ihn jetzt sein Kind. Er sah ein, wie Genendel verzweifelte Anstrengungen machte zu sprechen, wie ihre Gesichtsmuskelr^ krampfhaft zuckten und wie sie kein Wort hervorbringen konnte. Sie wankte, fiel in einen Sessel und ein hervorbrechender Thränenstrom verschaffte ihrem gepreßten Busen Erleichterung. Sie schluchzte konvulsivisch, ihre Thränen stoffen mit unwiderstehlicher Gewalt, daß R. Srul sich verstohlen eine Zähre aus den Augen wischte. Muhme Beile schien ungeduldig zu werden und der Rebbe erhob sich von seinem Sitze. „Ich habe keine Zeit, deine Schrullen anzuhören", meinte er barsch, „die festgesetzte Frist ist bereits verstrichen, also antworte, willst du den Bücher heirathen?" Sie trocknete etwas ihre Thränen, heftete auf ihn ein solch flehenden Blick, daß er einen Stein hätte erweichen können, und stammelt unter Thränen und Schluchzen: „Rebbeleben, ich kann nicht. Warum, weiß ich Ihnen selbst nicht zu erklären, aber hier", und sie zeigte auf ihr Herz, „hier ist eine innere Stimme, die mir nicht gestattet, dem diesbezüglichen Befehle meines Vaters Folge zu leisten. Rebbeleben, erbarmen Sie sich meiner und" — der Satz hlieb ihr in der Kehle stecken, denn der Gewaltige schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Folianten in die Höhe sprangen. „Schickse — Unwürdige — hinweg aus meinen Augen, es ist so, wie ich vermuthete, der Dibek ist in sie gefahren und sie ist von einem bösen Geiste besessen. Man führe sie hinaus und Ihr R. Srul bleibt da. Euch werde ich die Mittel angeben, ihr den Dibek auszutreiben." Die Muhme hätte zwar sehr gerne die Skile — probates Mittel — aus dem Munde des Rebben vernommen, aber sie sah es ein, daß ein mit einem Dibek behaftetes Wesen nicht länger im chassidischen Sanctorium weilen dürfe, und mit dem Kopfe schüttelnd und „Dibek, Dibek" wiederholend, führte sie Genendel aus dem Zimmer. Der Rebbe winkte den zurückgebliebenen R. Srul näher heran und begann: „R. Srul, man muß drastische Mittel anwenden, denn dieser Dibek ist kein gewöhnlicher. Ihr werdet mit eurer Tochter hier bleiben und folgendes genau ausführen. Jeden Morgen, wie nur eure Tochter erwacht, also vor dem Frühstücke, werdet Ihr sie in die kleine Klaus' führen und ein Minjan — zehn Männer — bestellen. Um diese Zeit wird ja bei uns Chassidim das Morgengebet noch nicht verrichtet, und so wird die Klaus leer sein. Das Minjan hat nur täglich Kittel und Tales anzulegen, eine Stunde Soer zu leinen, natürlich mit lauter Stimme und dann haben alle zehn Männer Schofer zu blasen und zwar Tekies, Schewurim und Tries. Da wird ihr in einer Woche der Dibek vertrieben und sie wird dann ihre Einwilligung zur Heirath geben. Sollte aber auch dies nicht wirken, nun so kommt zu mir nach acht Tagen und wir werden weitersehen. Befolgt strikte meine Instruktionen und Genendel wird widerum eine echte bas jisruel werden." In der kleinen Klaus ging der zwerchfellerschütternde Spektakel los. In früher Morgenstunde mußte sich Genendel den Schlaf aus den Augen reiben und sich der geistigen Cur unterziehen. Da saßen sie die zehn Klausner in disharmonischem Stimmengewirr dieSoharkapitel herunterleiernd. Dann folgte das ohrenzerreißende Hornkonzert, und die langgedehnten Töne drangen wie spitze Pfeile in den Busen des armen Mädchens, daß ihr gleich nach der ersten vokalinstrumentalen Vorstellung ganz wüste im Kopf wurde. Dazu die grausigen Toilettendecorationen, die „Todtengewänder" und Taleßim. Sie wähnte das jüngste Gericht zu schauen, in den Ohren sausten ihr den ganzen Tag die Hörnerfanfaren, in ihrer Phantasie spukten Todtenschädel, und ihre Augen begannen wie leblos ins Leere zu stieren. Die Muhme sorgte mit fanatischer Rigorosität, daß die Instruktionen des Rebben mit peinlicher Genauigkeit eingehalten werden. Kein einziger Vers wurde ausgelassen, kein einziger Ton unterdrückt und R. Srul ließ alles gewähren, obwohl ihn die ganze Prozedur innerlich nicht besonders anheimelte. Genendels ließ alles mit sich geschehen, eine Apathie bemächtigte sich ihres ganzen Wesens und sie wußte sich schließlich über das, was mit ihr vorgehe, keine richtige Vorstellung mehr zu machen. Sie leistete mechanisch Gehorsam, ihr Geist verdüsterte sich immer mehr, ihr Denkvermögen wurde ganz umnachtet und nicht ein eingebildeter Dibek, sondern ein wirklich böser Geist in Gestalt eines melancholischen Irrsinns löschte ihre Verstandsfackel aus. Als nach Verlauf der festgesetzten Woche ihr Vater ihre Einwilligung zur Heirath mit dem Bachur abverlangte, nickte sie wie bejahend das Haupt, daß die Muhme vor Freude in die Hände klatschte und R. Srul eilte zum Rebben mit der frohen Kunde, für die Wunderkur seiner Tochter eine Extragabe spendend. Ihr düstere Gemüthsstimmung wurde nicht weiter beobachtet, sondern den Verhältnissen zugeschrieben, und gleich nach ihrem „Jawort" trat unser Dreiblatt die Heimreise an. Wiederum herrschte im Coupä ein Halbdunkel, pfeilschnell sauste der Zug dahin, daß Bäume und Häuser gespensterartig vor den Augen flimmerten. R. Srul und die Muhme nickten schlaftrunken mit ihren Häuptern, nur Genendel saß da mit weit aufgerisseuen Augen, während ihre Lippen sich murmelnd bewegten und ihr Gesicht Entsetzen ausdrückte. Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn, wie um ein Phantom zu verscheuchen'und schreckensbleich mit verzerrten j Gesichtszügen starrte sie durchs offene Fenster in die Nacht hinaus, i Ja, entfuhr ein unnatürlicher Laut ihren Lippe», sie