Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1889)
- Date
- 1889-07-11
- Page
- Seite 440 (sequence 12)
- Language
- German
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440 sich nur mit kabbalistischer Lectüre, welche sie, wie die Chassidim überhaupt, dem Talmud selbst vorzogen. Diese Lectüre gab ihrem Geiste Nahrung und in Verzückung tummelten sie sich in der Mährchenwelt herum. Nur die einzige Tochter Genendel hatte die Volksschule besucht, genoß sogar den Un- | terricht von Hauslehrern, hatte also so ziemlich eine moderne Erziehung genossen. Es ist eben eine psychologisch unerklärliche Eigenthümlichkeit unserer Finsterlinge, daß während sie ihre Herren Söhne ohne jedes profane Wissen erziehen, ja nicht einmal das verpönte deutsche Alphabet ihnen erschließen, sie ihre Töchter in die öffentliche Schule schicken, nach der neuesten Mode kleiden und an ihrem goischen — nichtjüdischen — Aussehen gar keinen Anstoß nehmen, so daß leibliche Brüder und Schwestern sowohl äußerlich wie innerlich den denkbar grellsten Contrast bieten. Und so hatte Fräulein Genendel bereits das siebzehnte Lebensjahr erreicht und o Wunder! war noch nicht in Hymens Hafen eingelaufen. Sie war zwar bereits seit ihrer Kindheit versprochen, ihre und die Eltern des auserkorenen Bachurs — junger Mann — drängten zur Hochzeit, aber Genendel schien keineswegs geneigt, das ihr aufdisputirte „Jüngel" zu heirathen, und der sonst so despotische R. Srul wußte kein Mittel, den Starrsinn seiner Tochter zu beugen. Es war auch wirklich eine himmelschreiende Sache, daß die Tochter des reichen R. Srul in ihrem Alter noch nicht unter der Haube war, die ganze Umgebung schrie darob Zeter, man fürchtete ein böses ansteckendes Beispiel, schob alles auf die goische Erziehung, und R. Srul war in Gefahr, bei seinen Mitbürgern seine Reputation einzubüßen. Denn man muß wissen, daß der für Genendel bestimmte Bräutigam ein wahrer Tachschit — ein Juwel — war, ein Chassid von Ahn und Urahn, von musterhaftem Lebenswandel, der seine Zeit im „Stübel" zubrachte, dabei reich war, das heirathsfähige Alter bereits überschritten hatte, da er bereits einige Wochen über 18 Jahre zählte, also mit Fug und Recht schon verheirathet sein sollte, und da schmollt noch Genendel. Nein, das sah Jeder ein, das ging nicht mit rechten Dingen zu, da mußte Tabula rasa gemacht werden, denn es ist doch nicht denkbar, daß der Tachschit am Sabbath ohne Streimel herumgehe >). Und auf die Vorstellungen der Ihrigen hatte Genendel nur eine stereotype Antwort: „ich mag ihn nicht". Warum? Ein Motiv gab sie nicht an, wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, weil sie, die Denkweise ihres Vaters kennend, wußte, daß er ihre Argumentation nicht gelten lassen und sie dazu als eine „Ketzerin" ansehen würde. . . . R. Srul wollte sich natürlich mit dem „ich mag nicht" seiner Tochter nicht zufrieden geben, glaubte auch, es seiner I) Die rinverheiratheten jungen Leute tragen einen Zobel — Kabjak — und die Ehemänner das eckenreiche Streimel. — väterlichen Autorität schuldig zu sein, ihre Widerspenstigkeit zu brechen, und da er gewöhnt war, in jeder wichtigen Angelegenheit sein Orakel zu Rathe zu ziehen, beschloß er auch jetzt mit Genendel zum Rebben zu fahren, überzeugt, daß dieser in seiner „Weisheit" auf diese oder jene Weise Rath schaffen werde. — Genendel war natürlich von diesem Entschlüsse nicht sehr erbaut, hatte aber nicht die Courage, sich der Reise zu widersetzen. Die Fahrt sollte bald von statten gehen und die Muhme Beile mit von der Partie sein. Die Muhme Beile, ein Weib in den Fünfzigern, spielte überhaupt eine sehr wichtige Rolle und war Jedermanns Factotum. Sie war Wittwe, hatte nie Kinder gehabt, wußte nicht, was das Muttergefühl bedeute und war eine beinahe grausame Rigoristin. In ihrer Jugend soll sie etwas leichtlebig gewesen sein, jetzt aber war sie furchtbar „fromm". Nichts in der Welt wäre im Stande gewesen, sie zu bewegen, daß sie nur eine Zeile ihrer übrigens mechanischen Gebete weniger sage, ihr Pensum mußte abgeleiert werden, dann begann sie die Thaten ihrer Mitmenschen unbarmherzig zn kritisiren und ließ an Nieniandem ein gutes Haar. Ihr Zelotismus überbot noch den der eifrigste» Chassidim, jede Neuerung war ihr in der Seele zuwider und der geringfügigste Verstoß gegen das Hergebrachte war in ihren Augen eine Todsünde. Auf junge Mädchen war sie im Allgemeinen und auf Genendel insbesondere schlecht zu sprechen; sie betrachtete es als ihre Lebensaufgabe, die weibliche Jugend mit Argusaugen zu bewachen und ihr Thun und Lassen zu controliren. Sie war im höchsten Grade abergläubisch, in ihrem exaltirten Gehirne spukten fortwährend Gespenstergeschichten und die „Scheidim" — Gespenster — boten den Hauptstoff ihres Gesprächsthemas. Vor dem „guten Juden" dem Rebben, hatte sie einen heillosen Respect, und auf Geheiß solch eines Patrons wäre sie im Stande gewesen, Gift zu nehmen. Ihr Fanatismus kannte keine Grenzen, und sie wäre fähig, diesem Moloch ihre eigenen Kinder — wenn sie welche hätte — zu opfern. In Gesellschaft des Vaters und unter dem Schutze dieser „frommen" Megäre trat Genendel ihre gezwungene Wallfahrt an. Das Mädchen war seit einiger Zeit schwermüthig, denn zu Hause wurde ihr hart zugesetzt und sie sah für sich keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Eine innere unbezwingbare Stimme gebot ihr, sich diesem Heirathsprojecte mit aller Energie zu widersetzen, denn das „Jüngel", welches sie übrigens noch nie Gelegenheit gehabt hatte zu sprechen, flößte ihr einen unaussprechlichen Widerwillen ein. Ein für sie undefinirbores Etwas dämmerte in ihrem Busen, sie konnte die Eindrücke aus der Schule nicht mit ihrer Umgebung in Einklang bringen, konnte für den Bachur, der von ihr innerlich und äußerlich diametral abstach keine, wenn auch nur Gleichgil-