Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1889)
- Date
- 1889-07-11
- Page
- Seite 439 (sequence 11)
- Language
- German
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439 man sieht ihm ab, wie er spuckt und sich räuspert, was für Grimassen er schneidet und wie er die Rauchwolken aus seiner Pfeifenröhre bläst. Ja, die kleinliche Nachahmung geht so weit, daß manche seiner Anhänger dieselbe Tabaksorte wie er raucht, um ihm wenigstens äußerlich sich zu nähern. Und doch giebt es unter den Chassidim sehr viele intelligente Elemente, die sonst vernünftige, erfahrene Leute sind, nur in dieser Beziehung betäuben sie ihren Verstand und wie Opiumraucher wollen sie die Wirklichkeit vergessen und in den Regionen der Schwärmerei sich bewegen. Sie haben einen schwärmerischen Hang für Kabbala und Mysticismus und ihr burschikoses Temperament findet den Buchstaben des Gesetzes zu trocken. In ihren Gebräuchen und Ceremonien, welche von einem Hauche der Exaltation durchweht sind, beachten sie auch nicht sehr rigoros die rituellen Vorschriften, führen auch keine asketische Lebensweise, und obwohl sie Bachus dem Namen nach nicht kennen, sind sie doch seine Verehrer. Nach außen bilden sie eine geschlossene, solidarische Phalanx, im Innern herrscht beinahe ein republikanischer Geist, nur das Oberhaupt ist mit einer — weil göttlichen Ursprunges — diktatorischen Macht ausgestaltet. Freilich ist die Organisation nur im Principe eine einheitliche, sonst aber herrscht eine Parteizersplitterung. Die Wunderrabbis bieten sich Concurrenz und deren diverse Partisane liegen sich oft unter einander in den Haaren. Jeder verkündet den Ruhm seines geistigen Oberhauptes, über andere die Achseln zuckend, aber den „Ungläubigen" gegenüber wird das Banner des Gesammt-Chassidismus als Collectivkörper hoch gehalten. Im „Stübel" befinden sie sich in ihrem Elemente; da sind sie ungestört, ganz ungestört, können ihrer überspannten Phantasie die Zügel schießen lassen und mit den legendären Erzählungen über ihren Patron sich delectiren. Jede Klaus trägt auch den Namen solch eines chassidischen Apostels und in jeder galizischen Stadt findet man mehrere solcher Clublocale. Am Sabbath geht es hier am lebhaftesten zu, und wie der Abend seine Schatten über die Erde zu breiten beginnt und das Schalosch Seudot — die dritte Mahlzeit — abgehalten wird, da erreicht die Lustbaikeit ihren Höhepunkt. Der Methbecher kreist in der Runde, wüster Gesang ertönt und gruselnde Anekdoten verleihen dem Ganzen ihre Würze. In dem weitläufigen „Stübel" herrscht ein Halbdunkel, die Gläser klirren, die halbheiseren Stimmen erklingen matt und man erzählt sich die Wunderthaten des Rabbis. Die Geister sind erregt, man sieht Visionen, in der Luft scheint es zu spuken, man wähnt Geister zu schauen. Alles wird dem Ein- und Ausflusse des Wundermannes zugeschrieben, denn die Prostakis können doch solch eines Göttergenusses nicht theilhaftig werden. Man geht auseinander, in dem Entschlüsse bestärkt, so schnell als möglich seinen Patron von Angesicht zu Angesicht zu schauen und sich an seinem Lichte zu erwärmen. Schalosch peamim baschanah — Dreimal im Jahre, — an den Festtagen finden die Wallfahrten so zu sagen traditionell und saisonmäßig statt, aber ein echter und rechter Chassid legt seinen Stolz darein, außer diesen usuellen Pilgerfahrten, auch während des Jahres sich seinem Schutzpatrone zu nähern, und je öfter dies geschieht, desto größeres Ansehen genießt man bei den Gesinnungsgenossen, wie der nach Mekka pilgernde Mohamedaner bei den strenggläubigen Moslims. — Unser gesegnetes Galizien besitzt mehrere solcher Mekka's, auch muß man nicht Wochen lang auf denk Rücken eines Kamels unter den sengenden Sonnenstrahlen die Wüste durchwandern, sondern im Schoße des Dampfrosses gemächlich sitzend, kann man des Fortschrittes unseres Jahrhunderts sich bedienend, in die Höhle des Mittelalters gelangen, um neugestärkt mit den Waffen des Aberglaubens gegen die Aufklärung anzukämpfen .... Reb Srul zählte zu den enragirtesten Chassidim und jedes Wort des Rebben hatte für ihn eine bindende Kraft. Er war auch „am Hofe" gerne gesehen und das nicht etwa seiner schönen Augen halber, sondern wegen seines Geldes und Einflusses. R. Srul war ein reicher Kaufmann, führte ein Holzexportgeschäft im großen Maßstabe, und obwohl er seine Transporte nach allen Gegenden der Windrose verfrachtete, so hielt er es unter seiner Würde, selbst eine Geschäftsreise zu unternehmen, um nur nicht chuz laarez — ins Ausland — gehen zu müssen, denn Galizien war bei ihm das „gelobte Land" eil miniature. Für ihn war die galizische Ebene das Eldorado eines frommen Juden, eine Vorhalle des Paradieses, und nur die polnischen Juden, sagte er, sind wahre Juden. Wie der Römer jeden Fremden als Barbaren betrachtete und der Orientale noch heute jeden Europäer als einen Franken bezeichnet, so war bei R. Srul alles Nichtpolnische mit „deutsch" d. h. mit trefa identisch. Unter Polnisch verstand er den laugen Kaftan, die Peoth und die traditionelle Pelzmütze am Sabbath „Streimel" genannt. Dieses Costüm bildete bei ihm das Symbol eines wahren Juden und der blinde Glaube an irgend einen Rebben — auf die Person kam es nicht an — den Inbegriff des jüdischen Geistes. In seiner Phantasie spukten rebbische Wunderthaten und der Methbecher sorgte dafür, daß seine Einbildungskraft nicht auf das trockene Niveau eines Prostaks heruntersinke. Zu Hause galt nur sein Wille, und Frau und Kinder leisteten ihm blinden Gehorsam. Seine Söhne versprachen die würdigen Nachkommen ihres Vaters zu werden und wenn möglich ihn in Zelotismus noch zu überbieten. Dem entsprechend, wurden sie erzogen. Sie verstanden keine Cultursprache, kauderwälschten im „heiligen" Jargon und befaßten 24*