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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 438 (sequence 10)
Language
German
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438 Jeuii Krakau, im Juli. Ein Opfer des Fanatismus. Skizze aus dem Osten von S. Horwitz. Die große Ebene im Nordosten Europas ist in Dunkelheit gehüllt und wallende Nebel verschleiern jede geistige Fernsicht. Obscurantismus und Fanatismus feiern ihre Orgien, Zelotismus und. Aberglaube verunstalten die Reinheit der Religion. Die Priester der Finsterniß sorgen dafür, daß kein Lichtstrahl den Horizont erhelle und die ihrem Olympe entsteigenden Dünste und Wolken würden hinreichen, ganz Europa mit Blindheit zu schlagen. Da thronen sie, die Wunderrabbis, in ihren Residenzen, jeder ein Despot in seinem Paschalik, meilenweit im Umkreise den Tribut einhebend und als Relief ihrer Würde einen zahlreichen Schmarotzer- Hofstaat fütternd. Und in großen Schaaren ziehen sie herbei die Bethörten und Verblendeten, um in das „verklärte" Antlitz ihres Abgottes zu blicken, in seiner Nähe zu weilen und in seinem Glorienschein sich zu wärmen, auf daß ein Funke seiner Inspiration auch ihnen sich mittheile. Ein Pidjon — Obulus — erschließt die Pforten des heiligen Sitzes und jeder Pilger legt eine Ehre darein, daß seine Gabe seinen Verhältnissen entsprechend reichlich ausfalle. — In jeder Lebens^ läge, in Leid und Freud wird der Rath, die Fürbitte des Wundermannes in Anspruch genommen, seine Vermittlung bei der himmlischen Instanz angerufen. Der Rabbi ist „ein Mädchen für Alles", er besorgt die leiblichen und geistigen Angelegenheiten seiner Clienten, ertheilt Rath in Geschäftssachen, verspricht Hilfe in Krankheitsfällen und entscheidet über Familienangelegenheiten. Dieser Biedermann hat einen sehr ausgebreiteten Wirkungskreis und so Alles schlägt in seine Branche ein. Er kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und durchdringt mit „göttlicher Hilfe" den Schleier der Zukunft. Sein Segensspruch vermag eine herrschende Dürre zu bannen, die Regenschleußen zu erschließen und gegen entsprechendes Honorar besitzt er auch die magische Kraft, eine sterile Menschennatur zu ändern und zu — befruchten. Und aus weiter Ferne kommen die kinderlosen Ehepaare herangezogen und ziehen von dannen, an Gemüth und Tasche erleichtert. Der Mundermann hat für menschliche Schwäche ein scharfes Auge, weiß sich jedem zu occommodiren und dem Zeitgeiste Rechnung tragend ist er auch erbötig, seine Mirakel gegen — Ratenzahlungen zu erlassen. Da er aber von der Erfolglosigkeit überzeugt ist, so ist von geschäftsmänni-; leton. schem Standpunkte auch natürlich, daß er sich eine fette Anzahlung geben läßt. Und weit und breit werden seine Wunderthaten erzählt, die Krüppel, die er geheilt, seine Prophezeiungen, welche in Erfüllung gegangen sind und Alles lauscht mit weit aufgerissenen Mäulern. Seine Anhängerschaar nimmt täglich an Zahl zu, sein Säckel füllt sich immer mehr und es würde uns nicht Wunder nehmen, wenn er jetzt von seiner „Mission" gar überzeugt wäre. Aus welchen Schichten sein Kundenkreis sich rekrutirt? Aus allen. Vom chassidischen Schusterlein bis zum Banquier, alle stellen sie zu den Wallfahrten ein Contingent und überall ist der verderbliche Einfluß des Rebben dominirend. Die Stimme des Velstandes muß verstummen, alle Vernunftgründe werden zum Schweigen gebracht und der Popanz einer krankhaften Phantasie grassirt epidemisch, immer weitere Kreise in ihren Bann ziehend. Leben wir wirklich in „Halbasien"? Ist nichts im Stande, den Geist des Mittelalters zu besiegen? Sollen denn die Hellsehenden sich von Blinden Hofmeistern lassen? Ach, und doch sind die Chassidim, diese Ausgeburt eines religiösen Wahnes, dieser Krebsschaden der polnischen Judenschaft in der Majorität. Wer nicht mit ihnen mitthut, wird als ein Ketzer, als Abtrünniger verschrieen oder verächtlich ein Prostak *), ein simpler Spießbürger, der nicht fähig ist, sich für eine hehre Idee zu begeistern, geschimpft. Ein Prostak! Mit was für Ueberlegenheit spricht der Chassid von dem „Philister", wie tief wähnt er den letzteren unter sich, und mit der Geringschätzung eines spanischen Hidalgos schaut er auf ihn herunter. Wenn er am Sabbath mit seinen von der Mikwa —rituellem Bassin — noch triefenden Peoth — Ohrlocken — die Pelzmütze schief aufs Haupt gestülpt, den Atlasüberwurf mit einer Nonchalance über die Schultern geworfen, in seinen Pantoffeln und hohen Strümpfen sich in die Klaus begiebt, so wähnt er sich der Herr der Schöpfung und die Quintessenz i» Israel. Er betrachtet sich als unverfälschter Träger des Jndenthums, als dessen geistiger Patricier, als „Ritter vom Geiste" und was außerhalb des „Stübels" sich bewegt, als vulgären Troß. Bei ihm beginnt der Mensch zwar nicht beim Baron, aber was mehr sagen will, beim Chassid, und der Rebbe ist die Krone des Gesellschoftsgebäudes. Er dient Allen und l Jedem als nachahmungswürdiges Muster und seine Lebensweise dient als sicherer Schlüssel, der die Pforten des Paradieses erschließt. Darum bestrebt sich Jeder in seine Fußstapfen zu trete», ihm im Großen und Kleinen nachzuäffen, l) Polnischer Provenienz.

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