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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 437 (sequence 9)
Language
German
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437 Art darstellt; die eine als allein von Genußsucht beherrschte, und dieser völlig ergebene, die andere in der Schule des Positivismus groß gezogene. Führen wir seine Worte an, mit welchem er die letztere Art schildert. „Dieser delikate Nihilist, wie schrecklich ist es ihm zu begegnen und wie häufig ist dies der Fall! Im Alter von 25 Jahren hat er alle Ideen durchgemacht. Sein frühzeitig erwachter kritischer Geist hat die letzten Resultate der subtilsten Philosophien unseres Zeitalters verstanden. Sprich ihm nicht von Gottlosigkeit, von Materialismus. Er weiß, daß das Wort Materie keinen precisen Sinn habe, und er ist andererseits zu intelligent, um nicht zuzugeben, daß alle Religionen berechtigt sein konnten, zu ihrer Zeit. Nur Hot er niemals einer geglaubt und wird niemals einer glauben, er wird überhaupt niemals an etwas glauben, was es auch sei, wenn nicht das vergnügliche Spiel seines Geistes, den er in ein Werkzeug eleganter Bosheit umgewandelt hat. Das Gute und das Böse, die Schönheit und die Häßlichkeit, die Laster und die Tugenden erscheinen ihm als Gegenstände einfacher Curiosität. Die ganze menschliche Seele ist für ihn ein Mechanismus, dessen Betrieb ihn als Erfahrungsgegenstand interessirt. Für ihn ist nichts wahr, nichts falsch, nichts sittlich, nichts unsittlich. Er ist ein raffinirter Egoist, dessen ganzer Ehrgeiz darin besteht, sein Ich anzubeten und mit neuen Aufregungen zu versehen. Das religiöse Leben der Menschheit ist ihm nur ein Vorwand zu solchen Aufregungen, ebenso das intellektuelle, ebenso das Gefühlsleben. Seine Verderbtheit ist eine anders vertiefte, als die der Genußmenschen und er verhüllt nur eine schreckliche Dürre, eine eisige Wildheit!" — Der Verfasser fügt hinzu, daß auch er, daß auch seine Genossen ia Gefahr gestanden, in diesen Abgrund zu verfallen, hingerissen durch die Beredsamkeit ihrer Lehrer, und daß der Zweck seiner Schrift sei, diejenigen Jünglinge, welche dieser gefährlichen Lehre noch nicht nahe gekommen, davor zu warnen und zu behüten. Wenn nun auch in Frankreich dieser Positivismus sich mehr als bei anderen Nationen zu einem festen, populären Systeme ausgebildet hat, so sind doch leider! auch anderswo gleiche Ansichten verbreitet und bringen in der Jugend eine gleiche llnsittlichkeit und Gewissenlosigkeit hervor Wenn nicht viele Jünglinge dennoch aus der Erziehung und dem religiösen Unterricht einen Fond sittlicher Motive in ihren Seelen, trotz der Syllogismen ihrer Theorie aufbewahrt hätten, die dann'selbst unbet^lßt ihre Handlungen bestimmen — wir würden noch viel traurige Folgen erfahren! Aus den angeführten Worten der Vorrede würde man sich ein falsches Bild von dieser Schrift machen, wenn man glaubte, daß hier eine nüchterne, pedantische Darstellung der positivistischen Lehre gegeben sei. Der Verfasser versteht cs, in geschicktester Weise, das Abstracte jedem Leser verständlich und durch seine köstliche Sprache anziehend zu machen, und durch seine psychologische Entwickelung uns für seinen Gegenstand einzunehmen. Es ist ihn gelungen, eine philosophische Doctrin, so gut wie vollständig darzustellen, ohne allzusehr in ihre Einzelheiten einzugehen, sie dagegen durch edle Sentimentalität und die Bilder aus der Wirklichkeit zu beleben. Die Einwände, die man dieser Dichtung namentlich von der gegnerischen Seite gemacht hat, sind nur in ihrem beiläufigsten Theile gerechtfertigt, nämlich daß die eingewebte Geschichte einige schwache Stellen habe, und daß der Verfasser einige Redensarten aus Kant und Hegel, auch Schopenhauer angebracht habe, welche nicht aus eigener Kenntniß dieser deutschen Philosophen geflossen seien. Hingegen ist es unserer Meinung nach falsch, wenn die Angegriffenen behaupten, er habe auch den Positrvismus unrichtig dargestellt. Vielmehr hat Bourget den Lehrinhalt, den Gedankengang und die Beweisführung klar und richtig dem Leser vorgeführt, natürlich nur in ihren Hauptzügen. Niemanden bleibt es verborgen, wie jene Lehre auch alle geistigen Prozesse auf eine mechanische Operation aus der primitiven Zelle entstehen und sich abspielen läßt. In allen philosophischen Systemen gibt es aber zwei Consequenzen. Die eine,besteht in der Folgerichtigkeit der Schlüsse aus den Voraussetzungen (Prämissen), und in jeder anerkannten Philosophie wird diese richtige Consequenz nicht fehlen. Aber die andere, noch wichtigere Consequenz liegt in der Richtigkeit der Voraussetzungen, in der Wahrheit der Prämissen und der, diesen zu Grunde liegenden Beobachtungen. Es ist klar, daß an dem Mangel dieser Eonsequenz das ganze System scheitern muß — und hieran scheiterten bis jetzt alle philosophischen Schulen, und ihre Anschauungen und Folgerungen gingen deshalb immer wieder vorüber. Dasselbe ist mit dem Positivismus der Fall, und dies leuchtet auch aus der Darstellung unseres Verfassers hervor. Man kann es begreifen, daß die Jugend, noch dazu in früh- oder unreifem Alter, sich von den blendenden Schlüssen der Lehrer dieser Schule fangen läßt, indem sie den vermessenen Behauptungen, den doch nur scheinbar begründeten Insinuationen, auf welche jene sich stützen, unbedingten Glauben schenkt. Sicherlich wird die vorliegende Schrift einige heilsame Wirkung übe», besonders da sie das größere Publikum auf die Gefahren aufmerksam macht, welche diese jetzt in Frankreich so beliebte Lehre der Gesellschaft wie den Einzelnen und ihren Familien bereitet. Allerdings ist sie eben ein Stoß nur auf die gegnerische Phalanx, die sie etwas zu erschüttern, nicht aber niederzuwerfen vermag. Wir wissen es ja längst, daß die beste Controle und Kritik der Philosophie in der Philosophie, der Wissenschaft in der Wissenschaft liegt, so daß diese selbst die Jrrthümer und Schäden aufdecken und das ganze falsche System beseitigen; das Gift wird erkannt und als Heilmittel herbeigebracht. 28

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