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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 436 (sequence 8)
Language
German
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436 das polizeiliche Verbot der Antisemiteuversammlung aufhob und die Abhaltung des Antisemitencongresses in Bochum gestattete. Selbstverständlich hat dies die Entlassung des Herrn v. Rosen nicht verursacht — aber gekommen ist sie doch und zwar recht schnell darauf. Bruchsal, 2. Juli. (Privatmitth.) Wir haben bereits wiederholt berichtet, daß sich in Folge eines Aufrufes aus Bruchsal und einer Versammlung im Mai 1888, die aus allen Theilen des Landes beschickt war, ein „Landesverein zur Erziehung israel. Waisen im Großherzogthum Baden" gebildet hat, der soeben seinen ersten Jahresbericht ousgegeben hat. Für den kurzen Zeitraum ist der Erfolg ein sehr günstiger, indem der Verein bereits einen Fond von 33,000 M. und Jahresbeiträge im Belauf von 10,000 M. erhalten hat. Da statutenmäßig die Hälfte der letzteren zum Fond geschlagen werden muß, so beginnt der Verein für die andere Hälfte seine Thätigkeit mit 10 Waisenkindern. Dieser schöne Anfang, der ein Zeugniß abgiebt für den Anklang, welchen der Gedanke bei unseren Glaubensgenossen in Baden gefunden hat, verheißt uns eine gute Zukunft, und wir wünschen deshalb, daß dem Vereine immer mehr Mitglieder beitrcten mögen, um das große Bedürfniß in ausgedehnterem Maße befriedigen zu können. Jndeß darf nicht vergessen werden, daß bereits seit 30 Jahren in Mannheim ein israelitischer Waisenverein besteht, der 40 Waisen erzieht, und zwar aus allen Theilen des Großherzogthums. Doch gehören eben diesem Vereine nur Mannheimer an, und es galt, auch die Glaubensgenossen aller Theile des Großherzogthums zu diesem segensreichen Werke heranzuziehen. Oesterreich-Ungarn. Kladno, 23. Juni. (Privatmitth.) Unter den hier ausgebrochenen Excessen hatten auch die hiesigen Juden zu leiden. Mehrere israelitische Familien haben sich in Folge der gegen die Juden seitens der Excedenten ausgestoßenen Drohungen nach Weghybka geflüchtet. Italien. Rom, im Juni. Die städtischen Behörden haben beschlossen, auf Kosten der Stadt eine Büste Samuel Alatri's anfertigen zu lassen und im großen Saale des römischen Municipiums auf dem Capitol aufzustellen. Frankreich. Paris, 2. Juli. Die franz. Arch. isv. haben einen wunden Fleck berührt. Sie bemerkten bei der Aufzählung der jüdischen Künstler und Künstlerinnen, welche im diesmaligen Salon ausgestellt haben, daß sich unter ihnen überaus selten einer sindet, der einen Stoff aus der Bibel oder aus dem jüdischen Leben zum Gegenstand nehme. Hiergegen erhebt in einer Zuschrift an die Redaction der Arob. isr. einer der bedeutendsten jüdischen Maler zu Paris seine Stimme, indem er den Vorwurf von den Künstlern auf die jüdischen Kunstmecäne wälzt. Der Künstler kann nicht bloß für sein Atelier arbeiten, er muß sich nach Absatz und nach Aufträgen Umsehen; er ist also dem Geschmack seines Publikums unterworfen. Da sind nun jene Finanziers und Reichen, die durchaus kein Gemälde mit jüdischem Stoffe haben wollen, und in deren Gallerien ein solches Bild nicht zu finden ist. Der Maler läßt es an Beispielen dieser Art nicht fehlen. Das Motiv dieser Leute ist durchsichtig. Sie haben von ihrem Judenthume nur noch höchstens das Spenden einiger Almosen, wenn die Hülfsbedürftigkeit ihnen gerade zu nahe tritt. Dasselbe trifft ja auch die Literatur. In ihren Gallerien und Salons soll nichts an ihren jüdischen Ursprung erinnern. Die Thoren! Als ob die Welt diesen nicht doch kennte und selbst ihre devotesten Schmeichler ihn vergäßen! Bonn, 2. Juli. (Litterarische Notizen.) Wir haben wiederholt ausgesprochen, daß die Bekenner der positiven Religionen, ebenso wie die Freunde des gesunden Menschenverstandes den Kampf gegen den gegenwärtig immer mehr vordringenden Nihilismus, unter welchem Namen er auch auftrete, nicht scheuen dürfen, und wir halten es deshalb geboten, auf eine ausgezeichnete Schrift von Paul Bourget aufmerksam zu machen, „Le Disciple" (Paris Lemairre 1889). In Frankreich heißt das nihilistische Philosophem „Positivismus", der nicht einmal Naturalismus genannt werden kann, weil er nicht die Existenz der Materie j zugiebt. Der Zweck der oben genannten Schrift ist nun, die I äußerst verderblichen Folgen zu schildern, welche diese Denk- Dichtung, für ihre Schüler, für die ganze Jugend hat, da : sie alle Moral leugnet, alle Handlungen der Menschen theils | aus Vererbung, theils als nothwendig aus dem Vorhergeheni den fließend erachtet, hiermit jedem Begriff von Gut und | Schlecht, von Recht und Unrecht und somit jede Verantwortlichkeit aufhebt. Zu diesem Zwecke gibt der Verfasser eine Darstellung dieser Philosophie in eben so klarer wie herrlicher Sprache und personifizirt sie in einem wie ein Anai choret zurückgezogen lebenden Philosophen, der durch seine Schriften den tiefgehendsten Eindruck auf die Jugend übt, und | verknüpft damit die Geschichte eines Schülers desselben, der intellektuell hochbegabt, vermöge dieser Jmmoralität von Stufe zu! Stufe sinkt und in wachsender Gewissenlosigkeit bis zum l Mörder des von ihm verführten Mädchens und von dem! Bruder desselben erschossen wird. Bourget hat hier natürlich nicht vor, Individuen zu zeichnen, sondern die Meister und i Schüler in ihrer Gattung. Dies bezeugt er in seiner Vor-! rede, die ein Meisterwerk für sich ist. Er charakterisirt hier die jetzige französische Jugend, die sich als von zweifacher

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