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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
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435 heit Italiens wacker kämpften, im Begriffe, dem Papst eine Denkschrift über ihre traurige Lage zu überreichen, als am 20. September 1870 das junge Italien die Porta Pia erbrach und damit auch für immer der Knechtschaft des römischen Judenthums ein Ende machte. Die Juden Roms jubelten dem General Cadorna wie einem Messias entgegen, als dieser an der Spitze der Reisigen Italiens in die ewige Stadt einzog. Schon am 23. September drückte eine Deputation der römischen Judenschaft, an deren Spitze sich Samuele Alatri befand, dem General Cadorna ihre Ergebenheit für die neue Ordnung der Dinge und für den König von Italien aus. Und bald darauf war es Alatri vergönnt, Viktor Emanuel persönlich im Palazzo Pitti zu Florenz im Namen der römischen Juden als König von Italien zu begrüßen. Als er als Präsident der „Universitä israslitioa äi Roma“ (Römische Kultusgemeinde) an die Spitze der neuorganisirten Glaubensgenossenschaft in Rom trat, da war sein ganzes Streben darauf gerichtet, die Judengemeinde Roms in modernem Geiste zu leiten. Alatri, der gute Genius der römischen Juden, spielte auch im Gemeinderath auf dem Capitol und in der Kammer in Montecitorio, wo er zwei Legislaturperioden hindurch saß, eine bedeutende Rolle, ja in allen Finanzfragen galt er als eine Capacität. Auch die Clerikalen achteten ihn hoch und setzten ihn sogar anläßlich der letzten Wahlen für den Gemeinderath auf ihre Candidatenliste. Alatri war ein Conservativer im schönsten Sinne des Wortes. Pius IX. hatte eines Tages, als ihm die Liste der neugewählten Gemeinderäthe zu Gesichte kam, scherzweise bemerkt: „II xiü eattolico fra eostoro tz Alatri“ (Der Katholischeste unter ihnen ist Alatri). Auch als er schon die Spitze der Ehrenleiter erklommen hatte, blieb Alatri trotz seines Reichthums seinen einfachen Gewohnheiten treu, und treu hielt er auch zu dem Gotte Israels. Er fehlte nie am Sabbath in jener ärmlichen Synagoge Roms, die der siebenarmige Leuchter und die Harfe des Psalmisten schmückt. Er hat es nicht mehr erlebt, jene Luxussynagoge vollendet dastehen zu sehen, die sich bald an Stelle des ärmlichen Tempels mit den korinthischen Pfeilern erheben wird, der Jahrhunderte lang von den Klagen einer geknechteten Gemeinde widerhallte. Wenn aber das Ghetto, diese furchtbare Höhle, in der mehrere Tausend Menschen zu schmachten verurtheilt waren, weil sie sich nicht dazu entschließen konnten, ihrem Gotte zu entsagen, heute nicht mehr besteht, so war es Samuele Alatri, der wie kein Anderer seiner römischen Glaubensgenossen gekämpft hat, die Juden seiner Vaterstadt zu befreien. Er starb im Jahre des großen Jubiläums der Menschenrechte; ein Kämpfer für Menschenrecht ist Samuele Alatri sein ganzes Leben hindurch gewesen." Deutschland. Berlin, 27. Juni. Ueber 100 Familien aus Russisch- Polen, die im Ganzen wohl aus 400 Personen bestehen mochten, erregten gestern auf Bahnhof Charlottenburg nicht geringes Aufsehen. Nach einer Localcorrespondenz waren es ausgewiesene Israeliten, die von einem Agenten, dem sie anvertraut waren, in Breslau im Stiche gelassen wurden. Derselbe ist dort unter Veruntreuung der zur Ueberführung nach Südamerika bestimmten Gelder zurückgeblieben. Die Familien hatten noch Fahrkarten bis Berlin. Einige Personen, die noch Mittel besaßen, fuhren gestern Abend um 10 Uhr weiter, zunächst nach Hamburg. Der anderen nothleidenden Familien nahmen sich einige menschenfreundliche Personen an; man ließ mehrere Fässer Milch, eine Menge Brod und Bier aus Berlin kommen und unter die Leute vertheilen. Auch sonst wurde vielfach für die Unglücklichen gesorgt. Man hofft, daß dieselben schon dieser Tage in die Lage gesetzt werden, ihre Reise fortsetzcn zu können. — Vor kurzem erschien hier eine Broschüre, die sich den Anschein eines officiösen Ursprunges zu geben versucht, sonst aber ohne Bedeutung ist. Der Titel lautet: „Hofprediger Stöcker und der Hof". Im Grunde ist in ihr weniger Stöcker als Graf Waldersee getroffen. Es wird darin die Stellung nicht nur des Kanzlers, sondern auch des Kaisers zum Antisemitismus erörtert. Man dürfe annehmen, „daß der Kaiser als Prinz dem Hofprediger Stöcker einmal näher gestanden habe, wie er ihm als Geistlichen gleich seiner erlauchten Gemahlin noch nahe stehe." Indessen habe der Kaiser schon als Prinz gesagt: „Ich bin kein Antisemit"; es sei auch „eine rein selbstverständliche Sache, daß ein Hohenzoller, ein politisch denkender Monarch, gar nicht anders sprechen kann." Berlin, 28. Juni. (Pcivatmitth.) Der Zufall spielt oft eine sehr charakteristische Rolle, und verknüpft Dinge, die an sich nicht als Ursache und Wirkung angesehen werden können. In diesen Tagen erhielt der Arnsberger Regierungspräsident von Rosen seine Entlassung, derselbe, der in Witten

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