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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 434 (sequence 6)
Language
German
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434 Juden, sich außerhalb der Ghettomauern niederzulassen. An dem Tage, als Pius der Gütige jene sogenannten Verbrecher, die als Opfer der politische» Maximen Gregor's XVI. tu die Kerker des Kirchenstaates eingesperrt worden waren, zum Zeichen der Amnestie aus den Gefängnissen entließ, da ließ der Mächtige des Vatikans auch einen Sonnenstrahl seiner Huld in das von Nacht und Jammer erfüllte Ghetto fallen, er ließ an die armen Juden mehrere Hundert Laibe Brod und 300 Scudi vertheilen. Die Juden, seit lange gewöhnt, die Prügelknaben des Papstthums zu sein, freuten sich sehr ob solcher Huld, und in ihrer überschwänglichen Dankbarkeit gingen sie so weit, ein Bild Pio Nonos im Ghetto cirkuliren zu lassen, das mit der Aufschrift geschmückt war: Volvo in punir, in pevdonar un Dio, questa ö la vera immagine di Pio.“ (Milde im Bestrafen, im Verzeihen ein Gott, das ist das wahre Bild Pius IX.) Der Sklave, der lange in Ketten geschmachtet, verliert ja leicht de» Maßslab des Menschlichen und an dem ersten Tage seiner Freiheit hält er die ihm widerfahrene Menschlichkeit für Großmuth. Das Jahr der Thronbesteigung Pius' IX. war aber gleichwohl ein Schmerzensjahr für die Dulder des Ghettos. Bei der Tiber-Ucberschwemmung im Winter 1846 ergossen sich nämlich die schlammigen Fluthen des Stromes, der den ganzen Lehm Umbriens mit sich zn führen schien, über das Ghetto, und viele Häuser des Judenquartiers standen bis zum ersten Stockwerke unter Wasser. Die Wehklagen der armen Juden durchzitterten die weihrauchgeschwängerte Luft der heiligen Roma. In Pius' IX. Brust regte sich ein menschliches Gefühl. Sonst schlossen sich die Thore des Ghettos allabendlich, sobald Nacht über Rom kam und das Judenviertel, schon bei Tag ein Gefängniß, war es in der Nacht in des Wortes wahrster Bedeutung — während der Ueberschwemmung aber gestattete der Papst den Juden außerhalb des Ghettos zu wohnen. Pius IX. ward den Kindern Israels ein Erlöser. Als er im Jahre 1847 verschiedene Reformen unter dem Drucke seiner Laienminister einführte, da gestattete er den Juden Roms, auch allerlei Gewerbe und Handwerke zu treiben. Was für die Christen Roms Carneval, das war gelvöhnlich für die Juden Quaresima. Wenn sich sonst im Jänner die Karnevalslust der römischen Bevölkerung auf dem Korso austobte, dann brach Trauer ein in die morschen Hütten Israels im Rione San Angelo. Einer alten Ueberliefernng zufolge hatte sich nämlich am ersten Tage des Carnevals eine Deputation der Judengemeinde auf dem Capitol einzufinden und indem sie einen Tribut von 800 Scudi den Gewalthabern des Papstthums kniend überreichte, bat sie gleichzeitig den Vertreter Sr. Heiligkeit, diese möchte geruhen, die Judenschaft auch fürderhin im Schatten von Skt. Peter zu dulden. Der Jude war in Rom im Namen des Statthalters Christi nur von heute auf morgen geduldet. Pius IV. milderte nun die Härte der altererbten Ceremonie, in der sich die ganze Tragik des römischen Judenthums spiegelte, wenn er auch nicht den Tribut abschaffte. Die Juden Roms feierten denn den Tag der Thronbesteigung Pius' IX. im Jahre 1847 wie ein Festtag. Noch heute kann man in Jmola, der einstigen Bischofsresidenz Pius' IX., ein kostbares Album sehen, das ihm damals die römische Judenschaft zum Danke für sein Befreiungswerk überreichte. Rabbi Fasano hatte ein Gedicht zu demselben gesteuert und das Album enthält auch den Psalm 72 in drei Sprachen, der hebräischen, der lateinischen und der italienischen. Samuele Alatri war es, der Massimo d'Azeglio, dem berühmten italienischen Staatsmann, die nöthigen Daten lieferte, als sich dieser in seiner in Florenz erschienenen Schrift: „L’etnaneipazione degli israeliti“ der Juden warm annahm. Und Alatri hatte nicht nur gute Beziehungen zu d'Azeglio, sondern auch zu Farini, dem Nachfolger Cavour's als Ministerpräsident und früheren Diktator von Modena. Auch Farini hatte es von Cavour gelernt, sich der von einem finstern Zeitgeiste bedrückten Juden anzunehmen. So wie das Jahr 1848 in den anderen Ländern Europas einen großen Strich über das Wort „Ghetto" machte, so verteidigten auch die edlen Männer Italiens in jener Frühlingsepoche der modernen Geschichte die Sache der Juden. Und so erließ denn auch Pius IX. im Jahre 1848 auf Veranlassung seines Polizeiministers Galetti ein Dekret, zufolge dessen in der ersten „Sedernacht" des Passahfestes durch einen Hammerschlag das Zeichen der Demolirung des Ghettos gegeben werden sollte. Pius' IX. liberale Regierungszeit war aber nur ein kurzes Intermezzo; nachdem der Papst aus der Verbannung von Gatzta zurückgekebrt war, da trat er die nationalen und liberalen Ansprüche der römischen Patrioten mit Füßen und auch die Juden kehrten wieder in die alte Knechtschaft zurück. Eine frohe Episode in ihrem Dasein bildete der kurze Bestand der römischen Republik. Die Triumvirn Mazzini, Armellini und der noch jetzt in Bologna lebende Saffi waren Vertheidiger jeglicher Freiheit und demnach auch solche der Gleichberechtigung der Juden. Damals kam auch Alatri in den römischen Gemeinderath und er arbeitete nicht wenig an der Herstellung einer tüchtigen städtischen Administration. Alatri war einer der Gründer der Banca Eomana, und noch bis in die letzten Tage seines Lebens im Dienste dieses großen Finanzinstituts thätig. Als im Jahre 1865 eine Crise über die Finanzen Roms hereinzubrechen drohte, da wendete Alatri's kluges Walten das Aeußerste ab von dem so sehr gefährdeten Verkehrsleben der päpstlichen Hauptstadt. Eben waren die römischen Juden, deren Zustand sich schon darum sehr verschlimmert hatte, weil sie für die Ein-

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