Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1889)
- Date
- 1889-07-11
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
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433 Rom, im Juni. Die römischen Juden und Zaume! Älatri. Wir haben in einem früheren Jahrgang dieser Zeitung einmal diejenigen großen politischen Ereignisse und heroischen Persönlichkeiten übersichtlich zusammengestellt, welche auf die Geschicke der Juden, ohne mit diesen in unmittelbarer Verbindung zu stehen, einen mächtigen Einfluß geübt haben. Niemals aber ist dies wohl stärker und in einem plötzlichen Wandel der Verhältnisse so fühlbar geworden, wie für die römischen Juden die Einnahme Roms, durch die italienischen Truppen im Jahre 1870. Deshalb liegt es nahe, die Details dieses Ereignisses genauer zu fixiren. Wir haben eine ausführliche römische Correspondenz über den vor Kurzem verstorbenen, viel betrauerten Samuel Alatri gebracht. Nun finden wir im „Pester Lloyd" einen sehr interessanten Artikel: Samuel Alatri, der zwar weniger über diesen Mann enthält, der mit jener Wandlung eng verknüpft war, als es in unserer Correspondenz der Fall war; dagegen über das Ercigniß selbst, besonders was ihm vorangegangen, mancherlei Aufschluß bringt. Wir gestatten uns, ihn hier wiederzugeben. „Von einem Hause in der Bia Nazionale in Rom bewegte sich an einem der letzten Maitage in heißer Nachmittagsstunde ein langer schlvarzer Leichenzug an der Trojanssäule vorbei über das Forum Romanum nach der Via de' Cerchi und von da aus nach dem „Oimstero ebraico", dem jüdischen Friedhofe. Die Straßen, die die Trauerprozession passirte, starrten von Menschen. Alle guten Römer und alle diejenigen, die Rom einigermaßen kennen, wußten, daß der Leichenwagen, den ein Berg von Kränzen erdrückte, nicht allein einen jüdischen Greis, sondern ein Jahrhundert römische Ghettogeschichte, römischer Ghettotragik auf den Campo santo hinausführe. Den tobten Greis — es war der im 85. Lebensjahre dahingeschiedene Samuele Alatri — begleiteten nicht nur alle seine römischen Glaubensgenossen nach dem Friedhofe, sondern auch Stadt und Staat; man sah den Bürgermeister Roms, man sah den Finanzminister im Gefolge des Leichenwagens. Wer war Samuele Alatri? Seine persönliche Lebensgeschichte wäre schnell erzählt: denn Don Samuele war der schlichteste nnd anspruchsloseste, Mensch von der Welt, und wenn er auch stets öffentlich wirkte, so war er doch so wenig ehrgeizig, daß er nicht selten sein Licht auf Andere überstrahlen ließ, selber aber im Dunkeln blieb. Und doch ist seine Geschichte nicht so kurz, denn er war der eigentlichste Vertreter des römischen Judenthums, das in ihm seinen einstigen Fürsprech beim Papst, seinen Tröster und seinen Erlöser betrauert. Geboren zu Rom, im Jahre 1805, hat er die Regierung von sechs Päpsten durchgemacht. Ein Jüngling noch, sah er die Tyrannis, der die römischen Ghettobewohner unter Leo XII., diesem päpstlichen Finsterling aus Umbrien, verfielen. Im XVIII. Jahrhundert hatten die Päpste an bestimmten Tagen des Jahres christliche Bekehrungspredigten in der Kirche Sant' Angela in Pescaria für die Juden eingerichtet. Ein Dominikaner sprach da gewöhnlich am Sabbath im Anschlüsse an jenen alttestamentlichen Text, der gerade in der Synagoge verlesen worden war. Diese barbarische Einrichtung, die das neunzehnte Jahrhundert aufzuheben im Begriffe war, wurde von Leo XII. erneuert, und dann dauerte sie fort unter Pius VIII. und Gregor XVI. Samuele Alatri warf sich denn schon im Jahre 1828, da er erst im 23. Lebensjahre stand, zum Vorkämpfer des schwer bedrängten römischen Judenthums auf. In der That ließ sich sogar der Kurzsichtigste unter den Päpsten unseres Jahrhunderts, sogar ein Leo XII., zu Zugeständnissen an das Judenthum herbei: verlieh den römischen Juden das Recht, Häuser zu kaufen, während sie früher nur das sogenannte „Jus Chasaka", oder wie man es gelvöhnlicher nannte „Jus Gazaga", d. h. das Recht, Wohnungen zu miethen, hatten. Wenn wir heute sehen, wie in der ganzen civilisirten Welt die traurigen Schranken gefallen sind, die einst allerwärts das Judenthunr umschlossen, so glauben wir fast eine Schauermähr aus den Zeiten des Mittelalters zu hören, sobald wir uns in den Zustand versenken, in dem die Judenschaft Roms sich noch am Anfang unseres Jahrhunderts befand. Samuele Alatri widmete sich ganz und gar der Emancipation seiner Stammesgenossen und suchte das drückende Loos, das auf den Juden des Kirchenstaates lastete, nach Kräften zu mildern. So wie es ihm unter Leo XII. vergönnt war, bei dem Papste für sie einzutreten, so bemühte er sich auch für sie bei Gregor XVI., diesem Camaldulensermönch, der so wenig Sinn für die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft hatte, daß man nicht mit Unrecht sagen darf, er und sein Staatssekretär Lambruschini haben dem Kirchenstaat den eigentlichsten Todesstoß versetzt. Als Pius .IX. den Stuhl Petri bestieg, da jubelten nicht nur alle nationalgesinnten Italiener, sondern auch die Juden Roms auf. Der frühere Bischof von Jmola war nicht nur im Gerüche gestanden, nationalen Gesinnungen zu i huldigen, sondern er galt auch allgemein als eine menschenfreundliche Persönlichkeit. Mit einer Deputation römischer , Juden begab sich Alatri, bald nachdem der romagnvlische j Bischof Graf Mastai-Ferretti aus dem im Quiriual im Jahre! 1846 abgehaltenen Conklave als Papst Pius IX. hervorge-! gangen war, zu dem neuen Träger der Tiara, um diesen j um die Beschützung seiner Glaubensgenossen anzuflehen. Der! neue Papst ordnete denn an, auch die armen Kinder Israels! möchten durch die Geldmittel einiger wohlthätiger römischer Stif-! tungen unterstützt werden; dann gestattete er einigen angesehenen,