Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1889)
- Date
- 1889-07-11
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerechten und Frommen ein Paradies (py p), für die Ungerechten und Sünder einen Strafort (orris) vor, Erinnerungen an die ersten Kapitel des ersten Buches Moses und die verrufene Oertlichkeit bei Jerusalem. Weiter aber ging die dichtende Phantasie im Judenthume nicht. Wie sehr aber der Unsterblichkeitsglaube ein integrirendes Element der religiösen Lehre wurde, ersieht man daraus, daß er sowohl in den 13 Glaubensartikeln des Maimonides, wie in den drei des Albo eine Stelle einnimmt. Es war natürlich, daß er auch in den Trauerceremonien, namentlich in den Gebeten trauergottesdienstlicher Handlungen nachdrücklich hervortrat. Ja dies wurde über das ganze Leben ausgedehnt, und eine der schönsten und einstußreichsten ceremoniellen Einrichtungen ist die „Jahrzeit", die die Kinder zur Feier des Sterbetages der Eltern, insbesondere die Söhne zum Sagen des Kaddisch verpstichtet. Der fromme Volksglaube verband damit die Meinung, daß es den verstorbenen Eltern zum Seelenheil gereiche, wenn Kaddisch um sie gesagt werde. Gewiß ist dies ein volles Zeugniß für den Unsterblichkeitsglauben des jüdischen Volkes, und sicherlich ein rührender Anblick, wenn wir hinfällige Greise zur Synagoge eilen sehen, um Kaddisch für ihre Eltern zu sagen, die vielleicht ein halbes Jahrhundert schon unter dem Rasen schlummern. Aber auch für die Gemeinde richtete die Synagoge an bestimmten Tagen eine Gedächtnißfeier für die Seelen der Verstorbenen (niBtw ein, und das moderne Judenthum hat es verstanden, diese Seelenfeier am Versöhnungstage zu einer sehr weihevollen und eindrucksreichen Ceremonie zu machen. Auch nach einer andern Seite hin vertiefte sich der Volksglaube: Man war der Ueberzeugung, daß die verstorbenen Eltern, insbesondere tvenn sie dein Geiste der Kinder als fromme, tugendreiche Menschen erschienen, Fürbitter (ur pPo) für ihre Kinder am Throne des Allbarmherzigen seien. Die Liebe einer Mutter könne auch im Jenseits das Leid und die Schmerzen ihrer Kinder nur tief Mitempfinden, und es flößte diese Ansicht dem Leidenden eine gewisse Zuversicht auf Hilfe und Besserung seiner Lage ein. Die jüdische Volksseele war also dahin gekommen, einen gewissen Zusammenhang zwischen den Seelen der Verstorbenen und ihren Angehörigen auf Erden anzunehmen. Da nun alles Dies innerhalb der Individuen blieb, nicht aber irgend eine Priesterliche Vermittelung sich eindrängte, der Sohn z. B. seinen Kaddisch selbst sagen mußte, so kann man die sittlichende Wirkung dieses Glaubens nicht verkennen. Das verklärte Bild der Eltern trat den Kindern immer von Neuem vor die Seele und mußte auf ihre moralische Haltung eine segensreiche Wirkung üben. Dagegen blieb seiner innersten Natur nach das Judenthum von dem Wunderglauben an die Gebeine sogenannter Heiligen, von der Verehrung ihrer Gräber und den Wallfahrten zu ihnen frei, wenn auch vom Letzteren einige Beispiele bei den asiatischen Juden vorkommt, die sich hierzu von dem sie umgebenden Islam haben verleiten lassen. Diese kurze Skizze, die noch durch manche Züge erweitert werden kann, erweist, in welcher Breite und Tiefe der Unsterblichkeitsglaube die jüdische Volksseele eingenommen hat und religiös und sittlich befruchtet. Allerdings hat sich seit etwa einem halben Jahrhundert auch hierin Einiges geändert. Zur Zeit unserer Jugend wurde nur höchst selten Jemand unter uns gefunden, der auch nur einen Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele hegte, und er wurde als unverständig und unverständlich gehalten. Aber durch die Verbreitung jener materialistischen, von vielen Naturforschern gelehrten Theorie, nach welcher alle unsere Geisteskräfte, unsere ganze Gedanken- und Empfindungswelt an Gehirn- und Nervenfasern nicht allein gebunden, sondern auch von ihnen hervorgerufen sein und mit ihnen verschwinden sollen, wurde auch in jüdischen Individuen der Unsterblichkeitsglaube sehr gelockert. Ja, einige neigen sich wieder zur sadduzäischen Ansicht mit demselben irrthümlichen Argument, das wir oben angeführt. Wir vielmehr halten an der Selbständigkeit des menschlichen Geistes, an seiner Eigenexistenz fest, die für die sinnliche Welt vermittelnder Organe des Gehirns und des Nervensystems naturgemäß bedarf, ohne des eigenen innern Lebens zu entbehren. Auch die heilige Schrift kennt die Wechselwirkung, in welcher Seele und Leib miteinander stehen, und drückt sich dies z. B. in dem Verbot des Blutgenusses mit prägnanten Worten aus. Jene Beobachtungen, auf welche sich gedachte Naturforscher stützen, verdanken sie der Vivisection, vermochten sie nur erst sehr Mangel- und lückenhaft aufzustellen und lediglich durch einseitige und hypothetische Combinationen zu ihren verwegenen Schlußfolgerungen zusammenzuschweißen. Wir hegen keine Besorgniß, daß der seit Jahrtausenden tradirte, dem jüdischen Glaubensschatz angehörige Unsterblichkeitsglaube aus den Seelen der Bekenner unserer Religion weichen, daß diese sich um einen solchen Heilsglauben, noch dazu ohne irgend einen Ersatz für den fragenden Geist und für das trostbedürftige Herz betrügen lassen werden. Dennoch haben wir unsere Lehrthätigkeit gegen jene atheistische Leugnung der Unsterblichkeit eifrig zu richten. Wir sagen „atheistische", denn früher oder später führt diese Leugnung zum vollen Atheisinus — wir aber halten fest an dem, von uns ausführlich begründeten Satze: „So wahr Gott ist, so wahr ist die menschliche Seele unsterblich!"