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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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431 kapläne und die niedere Geistlichkeit sich nach solchen gelegentlichen Aeußerungen hoher kirchlicher Würdenträger gar nicht richten, sondern noch weiter Sturm und Unwetter treiben. Noch mehr. Man fragt sich natürlich, in wie weit drückte der Nuntius die Gesinnung des Papstes und der römischen Curie überhaupt aus? war er dazu beauftragt, oder handelte er aus eigenem Ermessen? . . . Eine telegraphische Depesche besagt soeben, „daß die Rede Galimberti's im Vatikan nicht den besten Eindruck gemacht habe, nicht als ob man die antisemitische Bewegung billige, aber mehrere Wendungen seien der Art, daß es besser sei, wenn ein hoher Würdenträger der Kirche sie nicht gebrauche." Wir hätten abzuwarten, ob diese Meldung auch von anderer Seite bestätigt wird. Jedenfalls ist sie geeignet, der Hetzprefse und den katholischen Antisemiten den Muth nicht zu brechen, sondern daß sie über die Aeußerungen des Nuntius zu ihrer wüsten Tagesordnung übergehe. Nun, sei es so, können wir es doch nicht ändern. Aber demungeachtet ist jedes Wort des Friedens, wenn es durch den Tageslärm ertönt, nicht ohne Wirkung und übt seinen Einfluß auf Diejenigen, welche sich von fanatischem Eifer frei gehalten. Durch jedes solcher Worte wird das Bewußtsein des Rechts und der Wahrheit immer wieder geweckt. Deshalb müssen wir dem Nuntius jedenfalls Dank wissen. Traditionen des Iu-rnthums. VI. Wir treten heute jener erhabenen und erhebenden Tradition näher, welche tief in der jüdischen Volksseele Wurzel geschlagen, und sich auch dem gegenwärtigen Geschlechte nachdrücklich überliefert hat: dem tradirten Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Tie Geschichte dieses Glaubenssatzes innerhalb des Judenthums, von dessen Beginn bis zu Mendelssohn, haben wir in einer besondern Abhandlung im zweiten Bande unserer ausführlichen Religionslehre dargestellt und hinsichtlich der Beweisführung für diesen Glaubenssatz mögen wir auf dasselbe Werk Seite 79 ff. und auf die 6 Vorträge verweisen, welche wir als Reden zur Todtenfeier am Jom Kippur dem dritten Theile unseres Siloah vorangeschickt haben. Wir wiesen nach, daß durch alle Bücher der h. Schrift Andeutungen und Aussprüche über die Unsterblichkeit der Seele sich vorfinden, daß überall die Voraussetzung derselben als Volksglauben zu erkennen ist, daß aber Moses ebenso wie die Propheten kein Dogma darüber formulirten, weil bei allen antiken Völkern dieser Unsterblichkeitsglaube von den Priestern zur Knechtung und Aussaugung des Volkes gemißbraucht wurde, und so in der Geschichte der Menschheit überhaupt die Unsterblichkeitslehre, so tröstend! und erleuchtend sie an sich ist, eine trübe Seite füllt. Ja, am Gängelband dieser Lehre machten die Priester die Menschen zu ihren Sklaven. Dies sollte in Israel nicht sein. Einen Beweis für diese Tendenz bieten die scharfen Verbote, welche das mosaische Gesetz wiederholt gegen die heidnischen Trauergebräuche bis in deren Details enthält, ja daß sogar die Beschäftigung mit dem Todten eine zeitweise levitische Unreinheit mit sich führte und den Priestern mit Ausnahme ihrer nächsten Verwandten ganz und gar verboten ward. Es liegt hierin ein entschiedener Gegensatz, namentlich gegen das egyptische Unwesen, der uns eben auch Aufschluß giebt über den Wegfall eines Unsterblichkeitsdogma, was aber keinenfalls eine Negation desselben bedeutet. Am Schluffe des Kanons tritt uns denn auch eine dogmatische Formel entgegen, der Spruch Koheleth's: „Der Staub kehrt zur Erde zurück, die er gewesen, der Geist aber kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben." So knüpft sich dieser, wir möchten sagen, Schluß der heiligen Schrift an deren Beginn, an die Schöpfungsgeschichte an, welche den Dualismus von Seele und Leib, die durch die von Gott gegebene Organisation zu einer wirkungsvollen Einheit sich verbinden, eine Einheit, die erst durch den Tod wieder aufgehoben wird. Die Fortdauer des Geistes und die Auflösung des Körpers in seine Elemente wird hier zweifellos ausgesprochen, ohne von jenem Fortbestand der Seele eine bestimmte Vorstellung, ein Bild oder Gleichniß zu geben, die in anderen Religionen von so verhängnißvoller Wirkung waren. Mit dem Eintritt der traditionellen Auslegung trat auch die Unsterblichkeitslehre im Judenthume als ein entschiedenes Element des confessionellen Dogmas auf. Man unterschied zwischen dem diesseitigen und zukünftigen Leben («n nn Man verglich das diesseitige Leben mit einer Vorhalle zu einem Palaste, man habe sich in der Vorhalle so zu betragen, daß man würdig sei, in dem Palast ausgenommen zu werden. Man stellte den Satz auf: „Jeder Israelit hat Antheil am zukünftigen Leben", welchem bald hinzugefügt ward: „Die Gerechten aller Völker haben Antheil am zukünftigen Leben." Anfangs wurde der Unsterblichkeitsglaube ein Streitpunkt, indem die Anhänger der Tradition fest daran hielten, während die Sadduzäer, das waren die Reichen und Vornehmen, die Gegner jener, dieselbe leugneten, weil sie eben in der Thora nicht als formulirtes Dogma erscheine. Ueber diese Secte ging das Judenthum hinweg, und um so fester verbreitete sich der Unsterblichkeitsglaube im gesammten Bolksgeiste. Hing doch mit diesem die Lehre von der Gerechtigkeit Gottes, von der ausgleichenden Vergeltung in Lohn und Strafe auss Engste zusammen, so daß der Kreis der religiös - sittlichen Vorstellungen ohne jenen unvollständig geblieben wäre. Um so weniger konnte es bei jenen abstracten Worten Kohelet's bleiben, und die dichtende Volksseele stellte sich bald für die 28"

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