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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-11 · Heft 28 (11.7.1889) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 28 (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 sprächen der Kirche Widerstrebenden befaßt. Dahin können wir ihm nicht folgen. Für das Judenthum sind nur die wirklichen Gottesleugner Atheisten. Ein Kampf, wie gegen den Klerus und gegen die klerikalen Rechtsansprüche, besteht innerhalb des Judenthums nicht. Es giebt eifrige und lockere Anhänger ihrer Religion unter den Juden, aber diese haben keine Veranlassung, gegen eine Hierarchie, deren Vorrechte und Ansprüche zu streiten, da es Derartiges bei uns nicht giebt und aus dem gegebenen historischen Boden nicht geben kann. Die dem Judenthum gewährte Freiheit, das Fehlen aller weltlichen Macht in ihm sichert einem Jeden die freie Uebung und das freie Bekenntniß seiner Ueberzeugung. Wohl giebt es gegenwärtig auch unter den Juden Atheisten, Leute, die theils durch die wissenschaftliche Strömung, theils durch das weltliche Leben von dem Glauben ihrer Väter abgekommen und sich zu der ihnen bequemen Gottesleugnung bekennen. Im Ganzen hegen wir die Meinung, daß in der Mehrzahl dieserLeutezwei Seelen leben, von denen die eine derjetzt laut gepredigten materialistischen Doctrin sich zugewandt, während sich in der anderen, bewußt oder unbewußt, ein großer Rest der ihr in der Jugend eingepstanzten religiösen und sittlichen Lehren erhalten hat, welcher von Zeit zu Zeit in ihr wieder aussteigt und wirkt, so daß sie sich von der Religion, in der sie geboren sind, doch nicht ganz entfernen kann und in Freud und Leid sich ihrer Institutionen bedient. Jndeß dies berechtigt uns nicht zu verkennen, daß der Atheismus, wie es in seiner Natur liegt, auch gegen das Judenthum Front macht und es in zahlreichen Schriften angreift und aus den Geistern seiner Bekenner zu verdrängen sucht. Ja, da das Judenthum den andern positiven Religionen das Fundament geliefert hat, so richtet er seine schärfsten Waffen gegen dasselbe, da er weiß, daß er hiermit zugleich dem Christenthum und dem Islam Wunden beigebracht hätte. Dabei fällt es ins Gewicht, daß die Atheisten stets mit großer Entschiedenheit auftreten, ihre Behauptungen als unumstöß lich darstellen und sich auf naturwissenschaftliche Beobachtungen stützen, die sie zu Hypothesen sehr fraglicher Natur mißbrauchen. Hierdurch imponiren sie den von dem herrschenden Unglauben Angefressenen. Wir können also dem Nuntius zugeben, daß der Atheismus auch ein Feind des Judeuthums ist, und daß die Bekämpfung desselben ein gemeinsames Interesse der positiven Religionen ist, immer vorausgesetzt, daß es sich für uns nur um den wirklichen Atheismus handelt, und um nichts Anderes. Wenn der Nuntius von einer Vereinigung jener zu diesem Zwecke spricht, so ist dies von einem katholischen Würdenträger sehr anzuerkennen, da eine Vereinigung mit Juden, Protestanten und etwa auch Mohamedanern dem römischen Stuhle gewiß stets fern lag und entschieden zurückgewiesen wurde. Eine solche „Vereinigung" kann natürlich nicht in concreten Abmachungen bestehen, sondern hätte zwei Momente: zuerst, daß jede Religion und Confession von sich aus kräftig gegen den Atheismus zn Felde ziehe, und zweitens, daß sie untereinander Frieden halten und sich nicht gegenseitig bekämpfen, wodurch sie sich nur schwächen und den Gegnern willkommene Angriffspunkte bieten. Mit beiden Momenten können wir uns nur entschieden in Uebereinstimmung erklären. — Ferner sagt der Nuntius, daß der Atheismus die sittliche Ordnung der Gesellschaft untergrabe. Auch diesem mögen wir nicht widerstreiten. Der systematische und denkende Kopf unter den Atheisten, den Freidenkern und Materialisten kann sich wohl eine Doctrin zusammenstellen, in welcher Sittlichkeit und gesellschaftliche Ordnung noch Platz finden, ohne daß wir hier untersuchen wollen, wie weit dabei die logische Consequenz bewahrt bleibt, wie viel vielmehr jener den positiven Religionen und dogmatischen Philosophemen hierzu entlehnt. Aber verwirrend und zerstörend in erschreckendem Maße wirkt der Atheismus auf die Masse, auf die geistesträge und ein tieferes Denken nicht gewöhnte Masse. Wo diese von der göttlichen Vorsehung und Vergeltung die Ueberzeugung verloren hat, wird sie haltlos, wie ein Schiff ohne Compaß und Steuer; wirft man in sie das Wort Proudhon's „Eigenthum ist Diebstahl", so zündet dies in den Seelen der Besitzlosen und wird zur verheerenden Flamme; erklärt man die Ehe für ein unerträgliches Joch und feiert „die freie Liebe", so findet es in den verwilderten Gemüthern weiten Wiederhall. Alles dies und noch Anderes ist nicht bloß den Lehren der positiven Religion, sondern auch den Fundamenten der gesellschaftlichen Ordnung schnurstraks entgegen und untergräbt dieselbe. Es ist der Weg zur Anarchie, zur Auslösung der Gesellschaft, zur Sittenlosigkeit. Wir können uns also — wenn auch mit einigem Vorbehalt — zu den Worten des päpstlichen Nuntius bekennen, und wünschen sehnlichst, daß sie eben nicht bloß eine diplomatische Auslassung seien, sondern aus dem Herzen der römisch-katholischen Kirche kämen und auf der ganzen Front derselben zur Wirklichkeit würden. Wie gern möchten wir die Friedenshand fassen, wenn sie uns nicht zu bloßem Schein geboten wird. Haben wir doch dergleichen Versicherungen schon öfter von einem und dem andern hohen Prälaten vernommen, aber bald war es wieder verhallt und das Gegentheil drang nach wie vor auf uns ein. Und ist es jetzt anders? Gerade in der letzten Zeit „schäumt", wie unser Wiener Correspondent sich ausorückt, das „ultramontane Vaterland" an der Donau und die „Germania" an der Spree von den bösartigsten Artikeln gegen die Juden» und welchen Nachhall mag dies Vorgehen der Hauptorgane dieser Partei in ihren sehr zahlreichen kleinern Blättern, die uns nicht zu Gesichte kommen, und welche das Gift subcutan (unter der Haut) verbreiten, finden! Man weiß längst, daß die Hetz-

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