Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1889)
- Date
- 1889-07-04
- Page
- Seite 426 (sequence 14)
- Language
- German
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426 der ihm antwortete: „Nein, nein, das würde die Bevölkerung erschrecken." Uebrigens dieselbe Antwort gab er Herrn Magnin, dem Präsidenten des landwirthschaftlichen Vereins des Kreises Metz, der ihm Anerbietungen derselben Art machte: „Nehmen Sie sich wohl in Acht, das hieße die Bevölkerung beunruhigen. Die Lage ist nicht so schlimm, wie Sie glauben. Wir sind mit der Bertheidigung des Platzes beauftragt, wir ergreifen die nöthigen Maßregeln." (Veröffentlichung des Munizipalrathes von Metz, Seite 237.) Und er that nichts! Das war der Mann, dem unsere Vertheidigung anvertraut war! Kurze Zeit nach der deutschen Occupation wurden die beideir Schwager, die Herren Dupont und Dreyfus, Besitzer der Hammerwerke vor Ars an der Mosel, einige Kilometer von Metz gelegen, eines schönen Morgens durch ein Detachement von Kürassiren von ihrem Wohnsitz ins Gefängniß geführt. — Vor dem Kriege hatten sie auf Rechnung der französischen Regierung Projectile fabrizirt, von denen ihnen einige übrig blieben, die sie in die Erde eingruben, um zu vermeiden, daß sie in die Hände der Feinde fielen. Von einem deutschen Arbeiter denuncirt, der bei ihnen gearbeitet hatte, blieben sie sechs Wochen unter Schloß und Riegel und sahen sich jeder zu 30000 Francs Geldstrafe verurtheilt. Das Gefängniß öffnete sich noch für einen Angeklagten in der letzten Episode. Als im Laufe des Februar das Gerücht von der Abtretung unserer östlichen Provinzen an Deutschland eine Festigkeit annahm, der man nicht mehr das Ohr verschließen konnte, cirkulirte in der Stadt Saargemind eine Petition an die französische Regierung, um gegen diese Gebietsabtretung zu protestiren, eine Petition, die bald von der deutschen Polizei, die dem Verfasser nachforschte, mit Beschlag belegt wurde. Es war Herr Isidore Wolff, Advokat am Gerichtshof von Saargemind. Man nahm ihn fest. Zuerst in seinem Hause internirt, dann in das Militärgefängniß von Metz übergesührt, wurde er vor das Kriegsgericht gestellt, unter der Anklage des Hochverraths gegen Deutschland und der Beleidigung gegen seinen Herrscher, weil in der Petition sich die ganz harmlose Phrase befindet: „Wenn ein von seinen Erfolgen trunkener Eroberer wollte" rc. Die Anklage sah in diesen wenigen Worten die Beschuldigung des Lasters der Trunkenheit, und nichts Geringeres als die Todesstrafe kann ein solches Verbrechen sühnen! — H. Wolff wurde von der Beschuldigung dieses Verbrechens frei gesprochen, weil er erweisen konnte, daß er seine Petition am Tage vor der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien geschrieben und er damals noch im Vollbesitz der Rechte eines französischen Bürgers war. Woran hängt zuweilen ein Menschenleben! Tin Memento Mori! Welch trübseligen Eindruck macht es, den Verfall der jüdischen Gemeinden auf dem Lande, besonders in den kleineren Städtchen des nördlichen Baierns zu beobachten. „Centralisation" ist das Losungswort unserer Zeit, und man kann es den jüdischen Bewohnern der kleinen Flecken und Städtchen nicht verübeln, wenn sie sich dahin wenden, wo günstigere Erwerbs? und Verkehrsverhältnisse sich bieten, wo sie, vor allem, Gelegenheit finden, ihre Kinder bessere Unterrichtsanstalten besuchen zu lassen, — wenn sie sich den großen und größeren Städten zuwenden. Die kleinen jüdischen Gemeinden aber, in denen früher so reiches, frisches Leben pulsirte, die sind förmlich auf den Aussterbeetat gesetzt. Jüngst führte mich mein Weg wieder einmal nach der Stätte, wo ich meine Jugend verlebt, nach dem lieben kleinen Städtchen, an das mich tausend liebliche und wehmüthige Erinnerungen ketten, nach dem theueren, unvergeßlichen Hause, in dem mich ein weiser, ernster und doch so milder Vater unterrichtet und eine liebende Mutter ans Herz gedrückt hatte. Mir wird die Brust immer so voll, als wollte sie zerspringen, wenn ich mich der heiligen Stätte nähere, aber ach — dort jubelt meinem Kommen Niemand mehr entgegen; das alte baufällige Haus sieht mich so gleichgiltig an, als wäre ich der erste beste Frenlde und aus den Fenstern grüßen mich höfliche — fremde Gesichter! So wandere ich durch die Straßen weiter, blicke wie im Traume nach diesem und jenem Fenster, ob mir nicht ein gewisses altes liebes Gesicht den Willkommengruß nickt; — ach! ich dachte ja nicht daran: sie sind fortgezogen oder gestorben..— Nun kommt mir doch ein alter, lieber Freund zu Gesicht: „Wie geht's Euch denn hier?" frage ich und schüttle ihm die Hände. „Ach! Es ist bei uns nicht mehr schön!" lautet die trübselige Antwort. „Die besseren jüdischen Familien sind alle fort, nur einige Metzger und Viehhändler, die ihr Geschäft ans Land fesselt, sind geblieben! Das Städtchen ist im Allgemeinen in letzter Zeit heruntergekommen und verarmt, und hierdurch ist auch das Zusammenleben mit unseren christlichen Mitbürgern großenteils unangenehm geworden! Und seit vollends unser Rabbiner gestorben, ist alle Pracht von uns genommen!" Er hatte Recht, der Erzähler! Seit der Rabbiner gestorben, war aller Schmuck von der Gemeinde genommen; — mit seinem Tode hatte sich auch das dort befindliche Bezirksrabbinat aufgelöst, und mit seinem Tode war ein wahrhaft edler Charakter dahingegangen. Noch sehe ich die würdige Gestalt vor mir, mit den langen silberweißen Haaren, mit dem Gesichte voll Liebe und Güte! Er war es, der in seiner stillen Gelehrtenstube dem Professor Delitzsch die Kenntnisse der heil. Schrift und des Talmuds beigebracht hatte, jenem wackeren Vertheidiger des Judenthums gegen den wuth-