Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1889)
- Date
- 1889-07-04
- Page
- Seite 427 (sequence 15)
- Language
- German
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427 schnaubenden Rohling. Der alte bescheidene Rabbiner hat nie deshalb eine Anerkennung für sich beansprucht — er war mir immer das Sinnbild der Demuth, ein wahrhafter Priester des Herrn! Als wir vor anderthalb Jahren an seinem Grabe standen, da rief ihm ein junger protestantischer Theologe ins Grab nach: „Als Mensch und als Christ muß ich es bezeugen, er war ein Frommer nach dem Herzen unseres Gottes!" Er war es auch gewesen, der der Gemeinde einen herrlichen Gottesdienst gegeben hatte; er zeigte, daß es auch ohne Orgel möglich sei, einen ästhetisch-schönen Gottesdienst zu feiern, er hatte, musikalisch hoch gebildet, einen mnsterhasten Chorgesang herangebildet und das Amt eines Cantors in vollendetster Weise selbst ausgeübt. Wie weit zurück liegt das Alles! — Wie rauschen mir noch die herrlichen begeisternden Chöre in den Ohren, wenn ich mich zurückträume, wie haben mich die süßen Melodien auf allen Fahrten meines Lebens begleitet, tröstend und beruhigend, stärkend und begeisternd, und doch ist mir's jetzt, als hörte mein ahnendes Ohr Gesänge aus einem längst in Trümmer gesunkenen Heiligthum — aus dem Tempel Salomons!" Ich betrete die alte Synagoge! Frostiger Hauch aus dem tiefgelegten Boden und dumpfer Moder von alten Gebetbüchern und Folianten weht mir entgegen. Die Wände sind rissig und geschwärzt, die Spinnen weben ungestört in allen Ecken; eine Scheibe ist an dem farbigen Rundfenster in der Mitte gesprungen, — man hat sie durch eine farblose ersetzt; wer hat noch Zeit sich hier um Schönheit zu kümmern? Wer weiß wie lange überhaupt noch für die springenden Scheiben neue eingesetzt werden? Ich schreite durch die Halle und meine Schritte dröhnen laut von den Wänden zurück, denn die Akustik des Hauses ist eine vorzügliche, ich trete an den Chor und schlage eines der herrenlos umherliegenden Chorbücher auf; mein Blick fällt auf einen wohlbekannten Jigdal, — ich glaube er war von Sulzer, — eine liebliche, jauchzende, schluchzende Melodie, und ich fange unwillkürlich an, die ersten Tacte zu singen — aber es klingt hier jetzt so hohl, so schaurig; mir ist's als wenn mir Gespenster Antwort gäben — und ich verstumme! Ueber den Synagogenhof führte mich jetzt mein Weg nach dem Friedhofe! Aus düsterem Gewölk trat plötzlich die Sonne, als ich den ersten Blick über das alte vielhundertjährige Gräberfeld schweifen ließ! Hier liegen sie Alle, die hier gelebt und gelitten, gekämpft und gestrebt, gelacht und geweint hatten! Ein hohes Glück hatte ihnen ihr Gott verliehen: Sie waren in diesem Städtchen von allen Judenverfolgungen verschont geblieben; es war von jeher eine intelligente, geistig-entwickelte Gemeinde gewesen und sie hatten in Frieden mit ihren christlichen Mitbürgern gelebt. Ich mustere zum Gott weiß wie vielten Male die Reihen der uralten Steine. Wilde Rosen und Brombeerstauden ranken und blühen über die Todesstätten und alle möglichen Wiesenblumen duften zwischen den Steinen. Auf einem uralten, umgestürzten Monument liegt ein Kätzchen und streckt sich in der Sonne. Bei meinem Herannahen springt es in langen Sätzen davon und sucht sich ein anderes Lager. Run hinüber zur anderen Seite, wo Die ruhen, die erst in letzteren Jahren und Jahrzehnten von hinnen geschief den sind! Vor einem Steine, der schon die Spuren fimf-! zehnjähriger Verwitterung zeigt, halte ich, und vergieße Thräj «eit der Andacht und der Liebe am Grabe des edelsten, beste» |9Sater8, der einem Sterblichen bcschieden war. Ich schließe die Augen und träume mich zurück in jene holde Zeit, da er noch unter uns geweilt hat, und die mächtige Reihe hoher Pappeln, die die Friedhofsmauer bekränzen, rauschen mir so geheimnißvoll zu, eine Erzählung von der Ewigkeit, von der süßen Ruhe an diesem Ort, von irdischer Vergänglichkeit und von seligem Erwachen bei all' den Lieben, die der Tod hier versammelt! Der Himmel hatte sich wieder verdunkelt. Ein hastiger Wind sauste durch die Pappeln und am First der nahen Synagoge drehte sich ein losgerissener Fensterladen ächzend in den Angeln! Ich trat wieder durch das schwarze Thor in den Synagogenhof — es war inzwischen dunkel geworden. Ein Nachtvogel kam mit klagendem Schrei vom Friedhof her geflogen. Ob es nicht der Todescngel war, der über Haus und Hof seine Kreise zog?! Adolf Lichten st ä d t e r. i vermischtes. „Juden überall!" i Wir lasen jüngst in der Zeitschrift „Vom Fels zum j Meer" eine ausführliche Schilderung einer Besteigung des! (ober der) Hekla, des bekannten Vulkans auf der Insel Island von 1555 Meter Höhe. Auf der höchsten Spitze desselben steht ein von einem Reisenden aufgchäufter Steiumann. Unser Reisender fand in den Spalten dieses Steinmannes eine Visitenkarte hineingesteckt mit der Aufschrift „Georges Cohn". Also, ruft jener aus, ein französischer Jude! Juden überall!" Daß sich diese Leute darüber noch verwundern, daß die modernen Juden auch an Forschungsreisen und wenn auch nur als Touristen theilnehmen, ist selbst verwunderlich, da doch Beweise hierfür schon genügend vorliegen. Wir dächten, dies wenigstens könnten sie den Juden gönnen.