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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 425 (sequence 13)
Language
German
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425 Heim in unsere Mitte, und nichts war so seltsam und betrübend, wie der Anblick unserer Synagoge seit dieser Zeit. Sie war wie zu den großen Festtagen überfüllt und zeigte den Anblick der fremdartigsten Versammlung, die man sich nur denken kann. Eine Bestimmung unseres Vorstandes, welche alle diese Einwanderer, die während der Festtage unseren Tempel besuchen wollen, nöthigt, ihre Plätze zu bezahlen, wurde verschiedenartig beurtheilt und doch mußten diejenigen, welche dem Gottesdienste beiwohnen wollten, sich ihr unterwerfen. Eine sehr dringende Frage war. die der Beköstigung, und für viele war sie um so schwieriger zu lösen, als unsere religiösen Vorschriften eine große Rolle dabei spielten. Seit Anfang September erreichte das Schlachtfleisch, dessen üblicher Preis schon um das doppelte erhöht war, in schnellen Sprüngen den Preis von 8 Francs das Kilo, und gegen Ende desselben Monats war es fast nicht aufzutreiben; ein Huhn kostete 15 Francs, ein Ei 75 Centimes, ein Liter Milch 2 Francs und alles Uebrige dem entsprechend. Salz war zur Mythe geworden. Die Militärverwaltung gab die Pferde der Armee zum Verzehren her (sie hatten mehr als 30000 und es war nur ungenügend Futter für sie da) und stellte einen so niedrigen Preis, 10, 20 und 50 Centimes für das Kilo, daß alle Klassen der Bevökerung sich von Fleisch nähren konnten. Die Civilbehörde vertheilte übrigens an die Armee solches umsonst. Aber man frägt sich, wie es unsere unglücklichen Glaubensgenossen machten, welche nicht den großen Luxus des Rindfleisches bezahlen konnten, deren Entbehrungen wirklich groß gewesen sein müssen und deren religiöse Skrupel betreffs des Pferdefleisches von Niemandem beschwichtigt werden konnten. Das ist eine sehr ernste Frage, welche ich nur berühren will und die ich dem Erwägen unserer geistigen Führer, welche für unsere Seelen sorgen müssen, überlasse. — Gott gebe, daß wir nie wieder in eine ähnliche Lage kommen mögen! Aber wer weiß, was die Zukuuft uns noch vorbehält und ob dieses schreckliche Problem sich noch einmal vor uns stellen wird? Es kam der Augenblick, wo die Steinkohle immer seltener wurde — 100 Kilo kosteten 15 Francs, ein Licht 8 bis 10 Francs —, man war genöthigt, die Gasfabrikation zu beschränken und die Verordnung zu erlassen, daß die Privatleute nicht länger als 7 Stunden Abends brennen durften. Das Sukkothfest am Sonntag den 9. Oktober- Abends begann sehr traurig. Die Synagoge war nicht erleuchtet und in dieser Quasi-Dunkelheit wurde der Gottesdienst abgehalten. — Dies war aber nicht die einzige Entbehrung, die den Festtagen auferlegt wurde: man konnte keine Esrogim von außerhalb kommen lassen. Das Simchat- TorahFest verlor seinen üblichen Charakter. Man fühlte das Herannahen großer Katastrophen. Am Freitag den 28. Oktober erfuhr man, daß die Kapitulation am Tage vorher unterzeichnet worden. Eine große Aufregung entstand und lärmende, tumultuarische Kundgebungen fanden statt. In den Rue de TArsenai, in welcher die Synagoge liegt, fand der Durchzug der Truppen statt, die zum Arsenal zogen, um ihre Waffen, ihre Kanonen, ihre Fahnen abzugeben. Es war ein unbeschreiblicher Lärm, der am Morgen begann und selbst mit dem Abende noch nicht aufhörte und der den Gottesdienst am Freitag Abend unmöglich machte. Die Synagoge blieb verschlossen und der Gottesdienst fand nicht statt. Die Liste der israelitischen Aerzte, welche die Verwundeten pflegten, ziehe ich aus dem Buche des Herrn Dr. Grellois, welcher die allgemeine Liste der Aerzte giebt, welche in den Hospitälern und Ambulanzen angestellt waren, aber nicht die der Aerzte in den Regimentern. Es sind die Herren L. May, Bamberger und Baer, requirirte praktische Aerzte; Arenssohn, Libermann, Em. Levy, Spire, Spillmann, Strauß und Vidal, Militärärzte; Goldscheider und Cerf, Militär- Apotheker. — Ich hätte auch gerne die Liste der dekorirten Soldaten gegeben, aber die Veröffentlichungen hierüber sind sehr unvollständig und zuletzt veröffentlichte man sie gar nicht mehr. Meines Wissens wurden zum Offizier der Ehrenlegion ernannt: Herr Hitschler, Ingenieur-Offizier, und zu Rittern: die Artillerie-Capitaine Eduard Lippmann (aus Verdun) und Edgar Wolf (aus Saargemind), beide heute Oberste, Jacques Meyer (aus Colmar), Capitain im 44. Infanterie-Regiment, Benjamin Meyer, Gardelieutenant, und L. May, Civilarzt des israelitischen Hospitals, aber es können noch andere Ernennungen stattgefunden haben. Herr Baer, einberufener Arzt, wurde im Oktober 1871 dekorirt, da er den Ambulanzen von Metz zugetheilt gewesen. Die Beendigung der Belagerung hat die Reihe der Ereignisse noch nicht geschlossen, an denen unsere Glaubensgenossen betheiligt waren. — Nach der Uebergabe befand sich Herr Eduard Mayer, Redakteur des Judependant, auf dem Bahnhof, als der General Coffinieres, Ex-Commandant von Metz, als Gefangener nach Deutschland abreiste, und sagte zu ihm: Nun, General, schon seit lange habe ich Ihnen gesagt, daß wir dahin kommen würden. Der General Coffinieres, der sich durch diese Worte beleidigt glaubte, denuncirte Herrn Mayer bei den anwesenden preußischen Offizieren und veranlagte seine Gefangennahme. Nach einigen Tagen Gefängniß wurde er ohne jede weitere Formalität freigelassen. — Es ist derselbe General Coffinieres, dem unser Glaubensgenosse Herr R . . . ., Getreidehändler, vorschlug, weil er nach dem Rückzug von Spichern voraussah, daß wir bald die Preußen auf dem Rücken haben würden, Alles, was an Getreide in der Umgegend aufzutreiben sei, aufzukaufen und in die Stadt zu bringen — eine in jenem Augenblicke leicht auszuführende Operation — derselbe General,

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