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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 423 (sequence 11)
Language
German
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423 Tausende von Juden, Männer, Frauen, Greise, die aus dem Scheiterhaufen, durch das Schwert oder im Kerker hingemordet wurden? Wir können für diese nichts weiter thun, als sie in ehrendem Gedächtniß zu halten und ihr Andenken im Geiste zu verherrlichen. — Wie aus den öffentlichen Blättern bekannt ist, hat sich ein Zwiespalt zwischen der Deputirtenkammer und dem Senat über die Frage erhoben, ob die theologischen Seminaristen zum Militärdienst herangezogen werden sollen oder nicht? Die erstere hat wiederholt bejahend votirt, der Senat will diese zukünftigen Geistlichen frei erhalten. So wird die Entscheidung wohl bis nach den nächsten Wahlen warten müssen. — Die Generalversammlung des israelitischen Wohlthätigkeits-Comites von Paris vom 15. Mai hat jetzt ihren Jahresbericht veröffentlicht, aus welchen wir folgende interessante Zahlen ziehen. Von ausländischen Armen wurden 648 Individuen theils in ihr Vaterland zurückgeschickt, theils nach England und Amerika befördert. An der Vertheilung von täglichen Unterstützungen waren 7738 Individuen betheiligt. Die regelmäßig Unterstützten beliefen sich auf 189 Kinder und 333 Schwache oder Greise. Für 51 Familien wurde der Miethzins bezahlt. Die Armenküche hat 134,677 Portionen vertheilt. Kleidungen gewährte man an 753 Individuen. Außerdem erhielten 2195 Schulkinder Kleidung, 200,000 Portionen Essen wurden an arme Schulkinder gespendet. Mazzoth erhielten 1368 Familien und 446 Junggesellen. Die von ihren Eltern verlassenen Kinder bedurften eines Aufwandes von 284,000 Frcs., die gedeckt wurden. Endlich wurden für arme Familien die vorkommenden Beschneidungen besorgt. Alle diese in stetem Wachsthum begriffenen Ausgaben hinterließen nur ein Deficit von 3000 Francs, das gewiß zu decken nicht schwer sein wird. Wer diese kurzen Angaben überschaut und erwägt, wie viele Spenden und wie viele persönliche Hingebung zur Ausübung einer so ausgedehnten Wohlthätigkeit gehören, der darf den Juden unserer Zeit ein so wichtiges religiös-sittliches Moment, das zugleich zur Erhaltung der Religion überhaupt soviel beiträgt, nicht absprechen. Rußland. Bonn, 23. Juni. In den letzten Wochen sind wieder häufige Nachrichten eingelaufen von großen Bränden in den Städten und Ortschaften, wodurch zahllose Häuser, Kirchen, Synagogen, Rathhäuser rc. in Asche gelegt worden. Man wird von derartigen traurigen Ereignissen, durch welche Tausende obdach- und vermögenslos werden, nicht mehr überrascht, man ist daran gewöhnt, da es Jahr für Jahr im schneidigen Winter wie im heißen Sommer vorkommt. In den Städten des ehemaligen Polens wohnen, und zwar meist zahlreiche Juden, und diese werden deshalb von jenen Unglücksfällen am meisten betroffen. Da ergehen dann auch immer wieder Aufrufe um Unterstützungen, der großen Noth in etwas abzuhelfen, und sie finden in der Regel Widerhall in menschenfreundlichen Herzen. Da kommt man aber auf die Frage: Woher entstehen denn diese heftigen Feuersbrünste? Warum erreichen sie gleich eine solche Ausdehnung? kann dem nicht abgeholfen werden? Eine Antwort finden wir im dritten Bande einer vor Kurzem erschienenen Schrift: ,,Der Nachbar im Osten" von vr. Arthur Fränkel (Hannover, Helwing 1889) S. 20. „Papyrus und Streichhölzer sind die unzertrennlichen Begleiter jedes Russen. Alt und Jung, Hoch und Niedrig, Männlein und Weiblein rauchen in Rußland Papyros. Aber wie leichtsinnig geht man damit um! Da fährt ein Fuhrmann mit einem Möbelwagen. Sorglos raucht er seine Papyros; die glimmende Asche fällt ins Stroh, welches zwischen die Möbel gestopft ist; nach einiger Zeit schlägt aus dem Wagen eine starke Flamme empor, der Fuhrmann springt entsetzt vom Wagen, und bald daraus sind die Möbel nur ein Häufchen Asche. Friede und Ruhe schwebt über der Provinzialstadt, niemand denkt an etwas Schlimmes. Aber ein Kaufmannslehrling wirft in einem Speicher achtlos seine brennende Papyrus weg und geht fort. Bald steigt eine mächtige Rauchsäule aus dem Speicher empor und nach kurzer Zeit sind Hunderte von Häusern verbrannt. In einer Stadt wirft ein Mensch ein brennendes Zündhölzchen auf den Boden des Zimmers und geht aus; das trockene Holz fängt Feuer und ein Theil der Stadt wird zum Aschenhaufen. Kein Mensch weiß dann, wie das Feuer entstanden ist. Trotz dieser vielen großen Brände wird der Russe doch nicht vorsichtiger. Da die Häuser meistens aus Holz gebaut sind, so genügt im Sommer, wenn das Holz von der Hitze ausgetrocknet ist, ein brennendes Streichholz oder eine Papyros, um einen Brand zu entfachen. Wie kommt es denn, daß die Brände solch ungeheure Ausdehnung annehmen, wird mancher erstaunt fragen. Ganz natürlich: in den russischen Provinzialstädten giebt es keine Feuerwehren, da die Bewohner zu träge und zu leichtsinnig sind, sich zu freiwilligen Feuerwehren zu vereinigen. Betrunkene, welche die brennenden Papyros fallen lassen oder damit zu Boden stürzen, verursachen ebenfalls oft Brandunglück. Diese Brände bilden etwas so regelmäßig Wiederkehrendes, daß sie gewissermaßen zur Charakteristik einer russischen Kleinstadt gehören. Der Schaden, der dadurch angerichtet wird, ist ungeheuer, er beläuft sich jährlich auf viele Millionen Rubel. „Aber was soll man dabei machen?" sagt der 27*

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