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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 422 (sequence 10)
Language
German
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422 Zeit mindestens eingeschüchtert wurden. Wie es scheint, fängt auch den vernünftigen Leuten an, ein Licht aufzugehen, und sie wenden sich von diesem niederträchtigen Treiben ab. Es wird übrigens noch eine harte und schwere Arbeit kosten, bis diese Pest gewichen sein wird. Wien, im Juni. (Privatmitth.) Schulstatistik. Im ablaufenden Schuljahre 1888/89 lehrten in 21 Volksschulen für Knaben und in 22 für Mädchen, worunter je 11 Privatschnlen waren, 25 Lehrer die israelitische Religion in 117 Classen für Knaben und in 107 Classen für Mädchen. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen betrug: I. Bezirk 415 Knaben, 417 Mädchen; II. Bezirk 2300 Knaben, 2453 Mädchen; III. Bezirk 310 Knaben, 366 Mädchen; IV. und V. Bezirk 187 Knaben, 161 Mädchen; VI. Bezirk 153 Knaben, 100 Mädchen; VII. Bezirk 218 Knaben, 230 Mädchen, VIII. Bezirk 103 Knaben, 128 Mädchen, IX. Bezirk 361 Knaben, 349 Mädchen; X. Bezirk 122 Knaben, 138 Mädchen, zusammen 4169 Knaben, 4342 Mädchen. In 12 Bürgerschulen für Knaben und in 15 für Mädchen, worunter je 5 Privatschulen waren, lehrten 12 Lehrer in 29 Classen für Knaben und in 45 für Mädchen. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen war: I. Bezirk 138 Knaben, 308 Mädchen; II. Bezirk 472 Knaben, 804 Mädchen; III. Bezirk 62 Knaben, 104 Mädchen; IV. und V. Bezirk 54 Knaben, 105 Mädchen; VI. und VII. Bezirk 93 Knaben, 182 Mädchen; VIII. Bezirk 53 Knaben, 31 Mädchen; IX. Bezirk 47 Knaben, 258 Mädchen; X. Bezirk 26 Knaben, 31 Mädchen, in Summa 945 Knaben, 1823 Mädchen. In 19 Mittelschulen, darunter eine Privatschule, wirkten 9 Lehrer in 80 Classen. Die Zahl der Gymnasialschüler betrug 1053, jene der Realgymnasien 472 und die der Realschüler 619, zusammen 2144 Schüler. In der hebräischen Sprach- und Bibelschule wirkten 2 Lehrer in 3 Classen. Die Zahl der Schüler betrug 126. Pest, 23. Juni. (Privatmitth.) In der diesjährigen österreichisch-ungarischen Delegation befinden sich zwei Juden: Wahrmann und Luzzatto. Wahrmann wurde in den Heeres- Ausschuß gewählt und von diesem in den Rechnungs-Ausschuß entsendet, der ihn wiederum zum Präsidenten wählte. Luzzatto ist Mitglied des Budget-Ausschusses. Czernowitz, 16. Juni. Vor einigen Tagen hat hier der Einjährig-Freiwillige 8tr>ä. msä. Siegfried Eisenstein seinem Leben durch einen Schuß freiwillig ein Ende gemacht, was hier allgemeines Aufsehen hervorrief. Die Ursache dieses Selbstmordes, welche erst heute bekannt wird, hat das Aufsehen noch gesteigert. Die hiesigen Blätter veröffentlichen nämlich einen von dem Verblichenen an seinen in Sniatyn wohnhaften Vater gerichteten Brief, in welchem es u. A. heißt: „Lieutenant Bogdanowicz, ein Landsmann von mir, preßte mir förmlich die Seele aus dem Leibe. Er versprach mir an demselben Tage, an welchem ich einrückte, mich ohne Grund derart zu behandeln, daß ich auf allen Vieren kriechend nach Hause beurlaubt werde. Heute befahl er mir, Commißschuhe anzuziehen, ich that dies und meine Füße sind wund. Während des Commandos „Nieder" tractirte er mich mit Säbelhieben, und all dies, weil ich Jude und Einjährig-Freiwilliger bin, als könnte ich etwas dafür. Ich bin Aufklärung schuldig, damit nicht der Glaube verbreitet werde, als ob ich diese That in einem Anfall von Wahnsinn ausgeführt hätte. Ich bin dessen sicher, daß ich mich einer Subordinationsverletzung schuldig gemacht hätte, wenn ich noch länger Säbelhiebe empfangen müßte, und meine daher, es ist Euch lieber, mich todt zu wissen, als in Fesseln schmachtend. Adieu, lieber Vater, adieu, liebe Mutter, ich scheide ungern aus dem Leben. Euer Euch ewig liebender Sohn." An dem Leichenbegängnisse, welches mit militärischen Ehrenbezeugungen vor sich ging, bctheiligten sich die Universitätsstudenten sehr zahlreich. Der Selbstmord des jungen Mannes hatte in der Familie noch ein anderes erschütterndes Ereigniß zur Folge: die Mutter des Unglücklichen verfiel in Wahnsinn, als sie die Trauerbotschaft vernahm. Frankreich. Paris, 24. Juni. (Privatmitth.) Man hat von Rom aus viel Lärm um die Errichtung der Bildsäule des Giordano Bruno gemacht. In der That war dieser Italiener als Denker und unerschrockener Herold seiner Ueberzeugung eine bedeutende Erscheinung. Dabei hatte es den Charakter einer nachdrücklichen Demonstration, im Angesichte des Vaticans dem auf Befehl des letzteren verbrannten Ketzers eine Bildsäule zu errichten und deren Enthüllung in großartigem Stile zu feiern. Hier in Paris ist jüngst Aehnliches, doch ohne großes Gepränge geschehen. Dem in Paris 1546 mitsammt seinen Büchern als Ketzer verbrannten Dodet wurde eine vorzüglich gelungene erzene Kolossalstatue gesetzt. Derselbe hatte lateinisch und französisch geschriebene Werke, Commentare zu lateinischen Schriftstellern und viele Streitschriften veröffentlicht, die mehr negativ als positiv gegen die katholische Kirche gerichtet waren. Deshalb wurde er mit seinen Büchern zum Scheiterhaufen verdammt. Dieser Vorgang ist auch Schuld, daß die Schriften Dodet's äußerst selten sind und nicht die Zeit gehabt, sich außerhalb Frankreichs zu verbreiten. Die Jetztzeit scheint sich also jener Märtyrer zu erinnern und sie rehabilitiren zu wollen, welche als Opfer ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung von dem kirchlichen Zelotismus zum schrecklichen Tode gebracht wurden, nachdem sie Kerker und Folter überstanden. Wer aber zählt und rehabilitirt die zahllosen Opfer des Glaubens, die in gleicher Weise hingemordet worden? Wer zählt und rehabilitirt die

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