Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 421

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 421 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227799--46322-3265879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

421 so gelten höhnisch die Zwischenrufe aus der Mitte des v. A. B. Berlin, 24. Juni. An den Vorstand der jüdischen Gemeinde hat der mit dem Central - Wahlcomite für die Repräsentantenwahlen in Verbindung stehende Ausschuß der 75er Commission das Ersuchen gerichtet, bei dem königlichen Polizeipräsidium die Genehmigung dazu einzuholen, daß in Anbetracht der jetzigen Größe Berlins die Wahlen nicht mehr Ivie bisher in einem Wohllocale, sondern in deren fünf stattsinden sollen. Der Vorstand hat diesem Ersuchen Folge gegeben, und unterm 12. v. M. ist die Zustimmung des königl. Polizeipräsidiums zu dieser zeitgemäßen Veränderung erfolgt. Die nächsten Wahlen erfolgen gegen Ende dieses Jahres. — Die Berliner Gemeinde hätte vor einiger Zeit auch hundertjährige Jubelfeste feiern können. Denn vor hundert Jahren bestand die 1778 von Jtzig und Friedländer gestiftete jüdische Freischule und die 1786 errichtete Dina-Nauen'sche Erziehungsanstalt. Diese Anstalten waren Elementarschulen, deren Vorsteher vor ihren Cvllegen von den Parochialschulen den Vorzug hatten, daß ihnen eine bestimmte Einnahme gesichert war. Breslau, 24. Juni. (Privatmitth.) Am 9. und 10. Juni fand hier die 11. Jahresversammlung des Vereins jüd. Lehrer in Schlesien und Posen unter dem Vorsitz des vr. Samuelson statt. Der Verein zählt jetzt 135 Mitglieder; doch zur Versammlung waren nur 34 erschienen, was kein Zeichen besonderen Eifers ist, und IO Gäste. Der Vorsitzende schloß sogar die erste Sitzung wegen der geringen Anzahl der Besucher, und eröffnete sie erst am folgenden Tage wieder. (Wir sind der Versammlung für den Beschluß dankbar, an jede größere jüdische Zeitschrift eine Abschrift ihres Protocolls zu gleicher Zeit zu schicken. Wir werden gewiß das Protocoll vollständig wiedergeben, wenn die Verhandlungen allgemein interessirende Themata auf ihrem Gebiete betreffen. Dies war aber nach unserer Meinung diesmal nicht der Fall, und wir begnügen uns mit dem Referat unseres Correspondenten. Redact.) Die auf der Tagesordnung zuerst stehende Discussion über die Frage der Verwendung des historischen Stoffes im Religionsunterrichte mußte abgesetzt werden, weil Herr Jacobson, der in der vorigen Versammlung einen Vortrag darüber gehalten, nicht anwesend war. Herr Rabbiner vr. Rosenthal hielt einen Vortrag über die Schulsatzungen aus dem Mittelalter, welche Ur. Güdemann in seiner Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich und Deutschland aus einem Manuscript S. 92 und 204 mitgetheilt hat. Der Vortragende machte viele textkcitische Bemerkungen, die jedoch nur verständlich sind, wenn man die betreffenden Stellen der Schrift Güdemanns vor sich hat. Zuletzt suchte er zu erweisen, daß die Ansicht Güdemaun's, Isaak von Corbeil sei der Verfasser dieser Satzung, ein Jrrthum sei, vielmehr verdankten sie ihren Ursprung den Synoden des R. Tam. Die Satzungen sind im Geiste des Ausschlusses alles profanen Wissens, der Ausschließlichkeit des biblischen und talmudischen Unterrichts ab gefaßt; sonst recht vernünftig, namentlich in'der Beschrcin kung der Schülerzahl, die einem Lehrer anvertraut werden sollten, schwerlich aber durchführbar. — Nach geschehener Rechnungsablage kommt die Frage zur Discussion, ob Mitglieder, die mehrmals ihre Beiträge nicht gezahlt haben, gestrichen werden sollen? wobei die Toleranz den Sieg davon trägt. Nach der Neuwahl des Vorstandes verhandelt man noch über den Modus der Veröffentlichung des Protocolls, da man -im vorigen Jahre dasselbe nur dem „Jsr. Wochenblatt" zugesandt hatte, die übrigen Zeitschriften sich aber weigerten, diesem Blatte dasselbe nachzndrucken. Das Resultat haben wir schon berichtet. Für angetragene Veränderung des Statuts wurde eine Commission gewählt. — Gewiß wäre es Schade, wenn durch fortgesetzte Mangelhaftigkeit der Betheiligung diese Jahresversammlung und dadurch der Verein selbst litten. Allerdings wäre es zu diesem Zwecke nothwendig, eine reichhaltige Tagesordnung vorzubereiten. Nürnberg, 20. Juni. Der Centralbibelvcrein hielt in dieser Woche hier seine Jahresfeier ab. Der Verein hat in den 65 Jahren seines Bestehens 426000 heilige Schriften verbreitet. In neuester Zeit hat er begonnen, auch unter den Juden heilige Schriften zu verbreiten. Die Einnahme» bezifferten sich im vorigen Jahre auf 65OO Mark. Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. Juni. Die Excesse zu Steyr tragen keinen antisemitischen Charakter; von den geplünderten Kaufleuten ist nur einer Jude; dieser verkauft an Arbeiter Kleider auf Ratenzahlung; die Arbeiter zerrissen ihm die Bücher, um dadurch sich ihren Verpflichtungen zu entledigen. Heute bis IO Uhr Nachts ist in Wien von einer Wiederholung der Excesse nichts bekannt. Wien, 20. Juni. (Privatmitth.) Die Worte, welche der päpstliche Nuntius zu dem Vorsteher der jüd. Gemeinde in Fünskirchen gesprochen, haben eine große Befriedigung hervorgerufen. Wünscht doch Niemand den interconfessionellen Frieden mehr herbei, als wir Juden. Abgesehen von einigen, unsererseits gemißbilligten Auslassungen einiger verirrten jüdischen Literaten haben wir Inden stets Alles gethan, um diesen Frieden zu erhalten. Wie ganz anders ist aber die Sprache des hiesigen clericalen Journals: „dos Vaterland". Dasselbe schäumt jetzt förmlich vor Wuth gegen Juden und Judenthum. Vielleicht mag der Grund der sein, weil die Antisemiten in der letzten 2?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.