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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 420 (sequence 8)
Language
German
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420 rufen entstand, als der Wundarzt und Reichstagsabgeordnete aus dem deutschen Osten, Herr Türk, der jüngste Götze der antisemitischen Bewegung in der Reichshauptstadl der Sünde, Dr. Schmeykals Erwähnung that. In einem Lieblingscouplet des Wiener Komikers Matras lautete der Refrain: „Ein bißel aufwischen, ein bißel auffrischen, das war gar nicht schlecht." So sucht man denn auch in Berlin die stockende antisemitische Bewegung „ein bißel aufzufrischen", und ihr neuer Apostel ist Herr Türk aus Oesterreich oder, wie man in den Kreisen des nationalen Antisemitismus sagt, aus dem „deutschen Osten". Eine moderne Kassandra zieht Herr Türk von Stadttheil zu Stadttheil und weint und wehklagt über die Verjudung Oesterreichs, als furchtbar warnendes Beispiel für Deutschland. Herr Türk wehklagt wirklich. Er mag die grimmigsten Phrasen, ein Marat der Judenbewegung, Vorbringen, sanft und im elegischen Tonfall verklingt seine Rede in weicher österreichischer Mundart, etwa als hätte ein Meßner für die arme Seele eines Dahingeschiedenen ein Vaterunser gebetet. Wenn Herr Türk auf der Rednertribüne steht, die Beine auseinandergespreizt, so gar nicht deutsch und stramm, und wenn auf seinem Gesicht, das von einem röthtich braunen Bollbart und einem melancholisch über der Oberlippe hängenden Schnurrbart murkirt ist, ein schwermüthiger Zug erscheint, da kann man die Bosheit des deutsch-liberalen Abgeordneten im Wiener Reichsrath verstehen, der Herrn Türk das Schlimmste anthat, der seine reine arische Abstammung in Zweifel zu ziehen wagte. (Dem Namen nach kann Herr Türk der Abkömmling eines Mohamedaners sein; wir Juden verzichten gern auf seine Stammesgenossenschaft. Redact.) Da noch die antisemitische Bewegung in Berlin von mehr Radau begleitet war, als heute, kam es ja wohl auch vor, daß waschechte Antisemiten in den bösesten Verdacht geriethen, und in einer Antisemitenkneipe wurden zwei braunlockige Jünglinge schließlich von den eigenen Gesinnungsgenossen feierlich durchgeprügelt. Heute haben sich die Antisemitenkneipen vermindert, nirgends mehr ist der gastliche Spruch: „Juden 'raus" angebracht, kaum begegnet man mehr einem Zeitungsträger auf den Straßen, der den Kasten mit der bekannten Dührmg'schen Aufschrift „Deutschlands Entjüdelung" umgeschnallt hat und die verlockendsten weißen Wände haben Ruhe vor den Witzen auf Kohn und Levy. Darum nicht erschlaffen, nicht erschlaffen, ruft Herr Türk, schüttelt, als wollte er die Versammlung beschwören, seine Rechte, wirft den Kopf zurück und spricht von seinem Manuesmuth und der Bedeutung dieses nationalen Muthes. „Und doch bin ich nur ein einfacher Mann und kein Gelehrter. Kein Gelehrter, meine Herren." „Bravo, bravo," braust es um ihn her, „wir auch nicht," hallt es kräftigend wieder. Der Gesichtsausdruck des Herrn Türk aber straft seine doppelt abgegebene Versicherung nicht Lügen. Es ist überhaupt erstaunlich, wie zwischen Beifall und Entrüstung tosend eine solche Berliner Antisemitenversammlung verläuft. Ich habe unter Slaven und Deutschen Versammlungen erlebt zu Zeiten, in denen jeder Nerv der Anwesenden von nationaler Erregung zuckte, ich habe die Kampfplätze ausgesucht, auf denen wirthschaftliche Jnteressenfragen mit der schärfsten Erbitterung ausgefochten werden, aber nirgends fand ich, daß ein Redner ein mehr dankbares und ungeberdiges Publikum zugleich vor sich hätte, als die Berliner Antisemiten es sind. Minutenlanger Beifall, Johlen, Stampfen mit den Füßen, es wiederholt sich bei jeder oberflächlichen Anregung, und laute Zwiegespräche anderseits unterbrechen den Redner. Liegt das an dem jugendlichen Charakter derer, welche die Versammlungslokale der Antisemiten füllen, der Studenten und jungen Kaufleuie und der Söhne von Handwerksmeistern? Herr Türk, der so mannesmuthig die Bundestreue seines Vaterlandes gegenüber dem deutschen Reich im Wiener Reichsrath anzweifelte, scheut aber keinen Spektakel mehr. Er predigt in der deutschen Reichshauptstadt gegenüber dem christlich-sozialen, den ausschließlich nationalen Antisemitismus, der Pfeil sitzt, und eine Schlacht zwischen den Anhängern Böckels und Stöckers beginnt. „Ehrenstöcker, Ehrenstöcker" dröhnt es aus dem Chorus, als Herr Türk davor warnt, Geistlichen, gleichviel ob evangelischer oder katholischer Konfession, an die Spitze der antisemitischen Bewegung zu stellen, und auf die ironischen Zurufe „Ehrenstöcker" erwidert man von der Gegenpartei mit gleich starker Lungenkraft: „Quatschköppe, Quatschköppe!" Unter diesen zarten Begrüßungen wogt der Kampf eine geraume Weile hin und her. Bei Buggenhagen siegten die Anhänger Böckels und Türks. Wundarzt Türk preist seinen Freund und Führer, Herrn Georg Schönerer, abermals eine stürmische Unterbrechung: „Für uns bleibt er der Ritter Georg!" Herr Türk singt jetzt eine Hymne auf die Verdienste des Herrn von Schönerer in dem Kampfe gegen die jüdischen Professoren an der Wiener Universität, „Professoren, meine Herren, jüdische Gelehrte giebt es bekanntlich nicht!" Erneuter tosender Beifall. „Nur Herrn v. Schönerer ist es zu verdanken, daß die gesammte deutsche akademische Jugend in Oesterreich ausnahmslos zu unseren Fahnen steht," sagt Herr Türk weiter, man erhebt sich von den Sitzen, man jauchzt, man schreit. „Daß es bei uns so wäre!" Die Beifallsraserei hat ihren Höhepunkt erreicht. Daß auch die Verdienste des „neuen Luther", des Herrn Stöcker, von den nur nationalen Antisemiten in dem lärmenden Trubel der Versammlungen so rücksichtslos preisgegeben werden, daß neue Apostel die alten verlästern, das ist der Humor in den heutigen Zusammenkünften des D. A. B., des Deutschen Antisemiten-Bundes. „Ehrenstöcker, Ehrenstöcker!"

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