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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-07-04 · Heft 27 (4.7.1889) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 27 (4.7.1889)
Date
1889-07-04
Page
Seite 419 (sequence 7)
Language
German
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419 allen Ständen und Klassen begangene Giordauo-Bruno-Feier in sich aufnehmen. Als ein, nicht nur „das Land, wo die Citronen blühen", sondern alle von civilisirten Völkern bewohnten Zonen und Regionen mächtig durchbrausender Protest gegen die Unduldsamkeit der Kirche in Vergangenheit und Gegenwart war es eine, in dieser Weise kaum je dagewesene, herzerhebende öffentliche Kundgebung, welche jedes liberale und humane Gemüth mit um so größerem Behagen und Wohlgefallen erfüllen mußte, je mehr es den bitteren Groll und die glühende Wnth der Clericalen und Obscuranten entflammte. An diesen letzteren hat sich hierbei die, wenn auch oft spät eintretende, doch nimmer ausbleibende Nemesis in der Weltgeschichte in so drastischer Manier bethätigt, daß die von ihr Betroffenen vor Scham und Verdruß völlig niedergeschmettert dastehen und den in ihren Augen vermeintlich verübten Frevel zähneknirschend mit ansehen. — Ein aus einem streng gläubigen, kraft ernster Geistesarbeit zu einem ketzerischen umgewandelter Mönch, von jenen durch alle Lande gehetzt, endlich in schwere Gefangenschaft gesetzt und im Angesicht des Vaticans dem Feuertode überantwortet, steigt nach drei Jahrhunderten gewissermaßen aus der Asche empor, stellt sich seinen und seinesgleichen heut noch wie damals gleich grimmigen Hassern in der Haltung eines Triumphators gegenüber und ruft ihnen zu: meinen Leib konntet ihr tödten, doch mein Geist ließ sich von euch nicht überwältigen, und vor euren eigenen Augen werde ich für alle Zeiten und Geschlechter als Denkmal eurer Schmach hier stehen und gegen euch zeugen. Es ist ein eclatantes Strafgericht der Vorsehung für alle die Hunderttausende von, der Intoleranz und dem Fanatismus grausam dargebrachten, unschuldigen Opfern mannigfacher Religion und Confession, und als solche Sühne jener in majorem Dei gloriam verübten, unzähligen Gräuel kann der die Knechtung und Knebelung des Geistes (noch mehr als des Lerbes) tief Verabscheuende dies erhebende Schauspiel nur mit Jubel und Entzücken betrachten. — Doch die Kehrseite? Allen Respect vor Bruno's Gelehrsamkeit, Lehrtalent und Gedankentiefe, vor seiner Energie und Consequenz im Festhalten an seiner Ueberzeugung bis zum Tode, vor dem er sich durch Widerruf seiner Theorien retten konnte, aber nicht mochte; aber sind die letzteren auch durchweg unangreifbar und unverfänglich? Die Transsubstantiation, die Parität Mariä und dgl. Dogmen der Kirche mochte er immerhin bestreiten und verwerfen; ohne sie kann die Welt, kann das Ehristenthum ebensowohl bestehen, wie ohne die neueren Dogmen von der Unfehlbarkeit und unbefleckten Empfängniß. Daß er aber die Einheit von Gott und Welt, sowie von Seele und Leib verkündete, also nicht nur den willkürlichen Glaubenssätzen des Katholicismus und Jesuitismus, sondern auch den Grundprincipien jeder positiven monotheistischen Religion: eines persönlichen, über der Welt erhabenen und sie mit Weisheit und Güte regierenden Schöpfers und Meisters entgegentrat, sonach dem Pantheismus Spinozas und dessen heutiger Anhänger den Weg ebnete, damit kann sich der liberalste Gottgläubige auch selbstverständlich nicht befreunden, so wenig, als er vor einem Jahrhundert vor der auf den Thron erhobenen, nach wenigen Jahren aber schon wieder von demselben herabgestoßenen „Göttin der Vernunft" sich beugen konnte. Der Pantheismus will zwar das Dasein Gottes nicht direct leugnen, indem er ihn aber als nur i n der Welt unbewußt und mit Naturnothwendigkeit wirkende Kraft anerkennt, negirt er ihn doch indirect, hebt die gesammte religiöse und moralische Beziehung des Menschen zu Gott und vioe versa dessen weise, gerechte und gütige Weltleitung auf und stellt sich demnach dem Atheismus als würdiger Zwillingsbruder fast ebenbürtig zur Seite. In diesem Betracht können wir denn der Apotheose des nolensischen Märtyrers nicht beipflichten, so sehr wir auch seine Charaktergröße im Kampfe mit dem irraisonnabeln Dogmatismus der Kirche anerkennen und preisen, und der größte Theil der sein Andenken Feiernden und Verherrlichenden thut es, denke ich, zu ihrer Ehre, auch bloß in letzterem moderirten, nicht in ersterem radicalen Sinne. Und diese werden sich auch von den Heißspornen unserer Tage, welche aller positiven Religion den Krieg erklären und den Pan- oder gar Atheismus an ihre Stelle setzen möchten, ihre bessere Ueberzeugung nicht rauben lassen und das Standbild Bruno's wohl als ein warnendes Mene-Tekel gegen alle Unduldsamkeit, jedoch nicht als gegen das innerste Heiligthum der Religion gerichtet ansehen. Nur so gefaßt, wird diesem Blutzeugen sein wahrer Werth zuerkannt. Dr. M. Stern. Berlin, 20. Juni. Eine Korrespondenz der „Franks. Ztg." giebt ein recht drastisches Bild von einer antisemitischen Volksversammlung in Berlin. Man ersieht aus derselben, welches gegenwärtig das Publlkum solcher Versammlungen in Berlin ist, namentlich kleine Jungen und Studenten, und in welcher Weise sie abgehalten werden. Es scheint, die Leutchen machen sich einen „Jux" damit. „Der hat wohl den Lüttetüh!" Mit einer wahren Stentorstimme wurde diese Berliner Redensart als Zwischenruf in der antisemi tischen Volksversammlung in Buggenhagens Kaisersaal am Dienstag Abend vorgebracht. „Er hat den Lüttetüh", das ist gleichbedeutend mit den Redensarten: Er hat den Vogel oder er ist brustkrank im Kopfe. Der Manu, dem der Entrüstungsruf galt, ist der Führer der Deutschen in Böhmen, Dr. Schmeykal. Dieser „Judenknecht" schlimmster Art beging nämlich das Verbrechen, in einer offiziellen Anrede von deutschen Mitbürgern jüdischer Konfession zu sprechen. Er hat also ganz offenbar den lüttetüh. Ein Sturm von Pfui-

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