Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1889)
- Date
- 1889-07-04
- Page
- Seite 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227799--46315-3265872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
414 jährliche Spenden nach dem Sitze desselben gesandt, und man empfing von dort Anordnungen und Rathschläge. Späterhin trat ein lebhafter Verkehr zwischen den Rabbinern ein, namentlich wurde in jedem zweifelhaften Falle das Gutachten oder die Entscheidung eines für seine Zeit in besonderem Rufe der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit stehenden Rabbiners eingefordert. Die Art und Weise, wie jeder wandernde Jude, wohin er auch kam, aufs Gastlichste ausgenommen, bewirthet und beschenkt ward, und dies als eine heilige Pflicht angesehen wurde, die Opfer, welche bisweilen die Juden ganzer Landschaften zur Befreiung jüdischer Gefangenen — die natürlich ihr Gefängniß nicht etwa durch Verbrechen verschuldet hatten — gebracht wurden, was gewiß noch öfter geschehen wäre, da die Befreiung von Gefangenen als ein Pflichtgebot vorgeschrieben war, wenn die Juden nicht dahinter gekommen wären, daß um des Lösegeldes willen die Raubanfälle sich mehrten, sie also hiermit nur das förderten, wem sie entgegentreten wollten, alles dies giebt gewiß Zeuguiß für die Solidarität, welche die Juden viele Jahrhunderte hindurch anerkannten und übten. — Betrachten wir diese Solidarität etwas näher, so zeigt sie sich uns als eine zweifache, als eine passive und eine aetive. Die erstere erweist sich in der Gemeinsamkeit des Geschickes, im gemeinsamen Ertragen von Leid und Freud, von Gewinn und Verlust, aber auf den bestimmten Kreis beschränkt, in welchem diese Solidarität besteht; die aetive hingegen ruft ein gemeinsames Handeln hervor, eine gemeinsame Thätigkeit zur Abhilfe von Gefahren und Leiden, von Nöthen und Bedürfnissen, zur Besserung vorhandener Zustände, zur Erreichung sittllcher Zwecke. Erwägen wir, wie weit beide Arten bei den Bekennern des Judenthums in Kraft bestehen und sich in Thaten umsetzen, so müssen wir vor Allem die religiösen Beziehungen, d. h. was Cultus und Religionsunterricht betrifft, ausscheiden, da sich dies in einer religiösen Genossenschaft von selbst versteht, und gerade hierin bei den Juden eine sehr schwache Solidarität vorhanden ist. Eine jede Gemeinde sorgt hierin nur für sich und ihre Mitglieder, und erst in der neuesten Zeit hat sich dies gebessert, indem man Lehranstalten für Heranbildung jüdischer Theologen und Lehrer gegründet hat und erhält; die etwaige Unterstützung kleiner armer Gemeinden diuch die größeren und reicheren findet nicht statt. Also gerade auf diesem Gebiete ist bei uns die Solidarität so gut wie gar nicht da, was sich unsere Gegner wohl merken müßten. Nichts war aber natürlicher, als daß die passive Solidarität bei den Juden eine ungemeine Stärke erlangen mußte, da eben allen Juden das gleiche Schicksal der Ausschließung, Beschränkung, der Unsicherheit von Eigenthum und Leben, der Mißhandlung, der Berjagung, der Verfolgung und des, Martyriums jeglicher Art bereitet wurde. So im gesammten Mittelalter, selbst in der neueren Zeit und zur Schande unseres Jahrhunderts auch in der gegenwärtigen. Alle Anschuldigungen, alle Fehler, selbst die, welche wirklich an Einzelnen hafteten, wurden auf die Gesammtheit, auf Alle übertragen; Mißstimmung und Hohn, der hieraus entsprang, Hintansetzung und Zurückweisung mußten Alle gleichmäßig tragen. Selbstverständlich fand dies auch bei freudigen Gelegenheiten statt, und jede Verbesserung ihrer Lage und endlich die Gleichberechtigung zog da, wo sie eintrat, alle Juden in ihren Kreis. Unter solchen, über anderthalb Jahrtausende hindurch bestehenden Bedingungen, konnte sich nur ein sehr starkes Gefühl der Solidarität ausbilden, und es ist wahrlich nicht zu verwundern, daß noch heute jedes jüdische Herz erzittert oder sich entrüstet, wenn eine ungerechte Behandlung, eine Verfolgung von Stammes- und Glaubensgenossen eintritt und berichtet wird, daß man in der fernsten Gegend den wärmsten Antheil an dem Geschicke nimmt, das Glaubensgenossen in weit entlegenem Lande bereitet wird. Vergleichen wir dies mit der Bewegung, welche durch einen Steinwurf ins Meer hervorgebracht wird und von welcher ein Forscher behauptet, daß die Kreise bis an die ferne Küste des Oceans laufen, so trifft dies mit unserer Lage in zweifacher Beziehung zu, denn wir können es uns nicht verhehlen, daß eine Mißhandlung von Juden mehr oder minder eine uns ungünstige Wirkung bis . in ferne Gegenden übt. Und wenn in all' solchen Fällen auch eine aetive Solidarität sich geltend macht, den mißhandelten und verfolgten Brüdern Erleichterung zu verschaffen, Unterstützungen zu gewähren, ihr Schicksal zu lindern sucht, ist dies nicht natürlich, würde es nicht in anderen Kreisen auch geschehen, und diese, wenn es nicht geschähe, verächtlich machen? Fürwahr, alle diese thatkräftige Solidarität ist dem Juden von Außen her, wenn nicht aufgezwungen, doch groß gezogen und gestärkt worden, so daß sie zu einer festgewurzelten Tradition sich heranbildete. Und wird nicht in der Gegenwart recht nachdrücklich dafür gesorgt, daß dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, dieses Bewußtsein gemeinsamer Interessen nicht erlösche, ja nicht einmal sich abschwäche? — Jndeß ist die thätige Solidarität nicht auf Zeiten der Gefahr und Noth beschränkt, vielmehr prägt sie sich in viel stärkerem Maaße nach einer anderen Seite aus, nämlich allen gemeinsamen Bedürfnissen nach Hülfe und Unterstützung zu genügen. Die Armenpflege an sich in ihrer vielfachen Verzweigung, insonders die Krankenpflege, die Erziehung der Waisen, die Sorge für Blinde und Taubstumme, die Altersversorgung u. s. w. erhebt die dringendsten Ansprüche, und wir sehen gerade in unserer Zeit von Seiten unserer Glaubensgenossen für alle diese wohlthätigen Erfordernisse die möglichsten Anstrengungen machen, die vielfachsten Opfer bringen und in diesem schönen Streben unablässig fortfchreiten. In neuester Zeit hebt sich der Blick noch weiter: Man will den vielfach verkümmerten