Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1889)
- Date
- 1889-07-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iu-mthums. Ein unMtciischks Organ für alles jüdische Interesse, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter 'Streifband 3.50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Kann. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, dm 4. Juli 1889. Nr. 27. Inhalt. Leitende Artikel: Traditionen des Judenthums. V. — Ein Privilegium. — Die jüdische Handwerkerschule in Krakau. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Nürnberg. - Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Czernowitz. — Frank' reich: Paris. — Rußland: Bonn. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Erinnerungen aus der Belagerung von Metz 1870. (Schluß.) — Ein Nsniento Mori! — Vermischtes. Bonn, 30. Juni. Traditionen des Äudrnthurns. v. In Sanhedrin 27, 2 findet sich der Ausspruch a':ny r,D m „Mesammt sind Bürgen Einer für den Änderen." Dieser Spruch prägt eine Tradition aus, die im Judenthnme herrschend war und, wenn auch mvdifteirt, noch jetzt herrschend ist, wir meinen die Solidarität der Juden. Allerdings ist eine solche an jener talmudischen Stelle nnr nach einer gewissen Seite hin gemeint; denn es handelt sich daselbst um die Verantwortlichkeit der Eltern für die Vergehen der Kinder und die der Kinder für die Vergehen der Eltern, da hierin die Verordnung des Gesetzes, daß Eltern und Kinder für ihre Vergehen gegenseitig nicht zur Rechenschaft und Bestrafung gezogen werden dürfen, und der Ausspruch in den Zehn Worten, daß die Sünden der Väter an den Kindern geahndet werden, in Widerspruch zu stehen scheinen. Dennoch wurde jenes talmudische Wort zur Bezeichnung der Solidarität der Juden unter einander, welche als eine viel bewährte Tradition auch in die Neuzeit hineinreicht. So lange der jüdische Stamm in seinem Lande als selbständige Nation seßhaft war, wenn auch in der späteren Periode unter fremder Oberherrschaft, kann man im Grunde von einer Solidarität nicht sprechen: es war eben das Nationalgesühl, das in jedem Volksstamme naturgemäß obwaltet, obschon es bei den Israeliten lange Zeit mehr Anhänglichkeit an den Stamm als an die Nation war. Etwas anders gestaltet sich schon die Sache, wenn z. B. in dem Gesetze über den Versöhnungstag die Nation als Gesammtmasse der Individuen für alle von diesen geschehenen Sünden und Missethaten versöhnt werden soll, wie es 3. Mos. 16 heißt: „So versöhne er das Heiligthum wegen der Unreinheiten der Söhne Israels und wegen ihrer Missethaten in all' ihren Verschuldungen," und wie es weiterhin heißt, daß alle Israeliten von ihren Sünden rein werden sollen — was eine allgemeine Solidarität voraussetzt; oder örtlich, wenn ein Ermordeter in der Nähe einer Stadt.Msunden ward und der Thäter nicht ans Licht gebracht werMW konnte, worauf die Bewohner der Stadt verpflichtet waren, eine besondere Ceremonie vorzunehmen, um ihre Unschuld an dem Verbrechen zu bezeuge». Anders aber verhielt sich die Sache, als der jüdische Stamm aus seinem Mutterlande gerissen und über alle Länder in kleine Gruppen zerstreut ward. Hier ließ es sich voranssetzen, daß die Juden alles Gefühl der Zusammengehörigkeit, alle Gemeinsamkeit der Interessen — denn dies bedeutet Solidarität — verlieren würden, und jeder nur, oder mindestens jede an einem Orte entstandene Gemeinde, lediglich für den eigenen Bestand und die eigenen Bedürfnisse ein Auge haben würde. Dies fand aber nicht statt: man kümmerte sich gar sehr um das Schicksal der anderen Juden, man brachte, falls nöthig, mehr oder minder große Opfer, und blieb, so weit es nach den damaligen Verhältnissen möglich, in einem gewissen engeren oder loseren Zusammenhang. Bis zum Erlöschen des Patriarchats wurden 27