Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227798--46306-3265862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
406 niirten Grundsätze, zu welchen sich Stöcker, wahrscheinlich aus gewissen Rücksichten, niemals bekannt hat. Die Partei der Kreuzztg. hat von ihrem Entstehen an die Beseitigung der Gleichberechtigung der Juden angestrebt — wir brauchen nur an Wagner und v. Gerlach zu erinnern. Ueberrascht das Vorgehen der Kreuzztg. nicht im Geringsten, so kann man auf das Verhalten desjenigen Theiles der conservativen Partei gespannt sein, welcher sich nicht völlig der Kreuzztg. anschließt, und der durch die „conserv. Corr." vertreten wird, die sich schon im Voraus gegen den Bochumer Antisemitentag entschieden erklärt hat. Hinsichtlich der nächsten Reichslagswahlen wird dies nicht gleichgültig sein. Berlin, 19. Juni. (Privatmitth.) Das hiesige Reichenheimsche Waisenhaus hat in dem soeben ausgegebenen Jahresbericht für 1888 seine finanzielle Gebahrung und eine kurze Chronik der Anstalt mitgetheilt. Bekanntlich bestehen die Einnahmen der Anstalt zum Theil aus Zinsen der Fonds, zum anderen aus dem Zuschuß der jüdischen Gemeinde. Aus jenem flössen Mk. 22419, aus diesem Mk. 26109, Das Große Friederichs-Waisenhaus zahlte Mk. 1935 für einige Waisen, deren Versorgung der Stadt anheimfiel. Die Summe der Einnahmen betrug Mk. 50493, welche bis auf Mk. 88 verausgabt wurden. Da durchschnittlich Tl1^ Zöglinge in der Anstalt waren, kam auf den Kopf Mk. 701. Mit Befriedigung heben wir aus der Chronik der Anstalt den Passus hervor, „der Handfertigkeits-Unterricht, welchen einige Knaben in den Sommerserien des vorigen Jahres im Falk-Realgymnasium erhielten, hat sich so bewährt, daß ein solcher Unterricht von Michaelis 1888 ab in der Anstalt selbst als eine dauernde Einrichtung eingeführt wurde. Eine größere Anzahl Knaben wird zweimal wöchentlich in den Abendstunden von dem Gemeindeschullehrer Herrn Hahn in der Anfertigung verschiedener Holzarbeiten unterwiesen." Selbstverständlich werden auch die Mädchen in Handarbeiten unterrichtet. Berlin, 19. Juni. (Privatmitth.) Das hiesige (orthodoxe) Rabbinerseminar hat für die Jahre 5647 und 5648 seinen Jahresbericht ausgegeben, welcher diese Anstalt nach jeder Seite hin als im Wachsthum begriffen darstellt. Sie wurde in den beiden verflossenen Jahren von 54 Hörern besucht, von welchen 13 ausgeschieden sind. Von diesen Hörern waren nur acht Nichtdeutsche, nämlich Ungarn. Wer sich erinnert, daß noch vor etwa zwei Jahrzehnten sich kaum zwei oder drei Deutsche als Hörer im Seminar zu Breslau befanden, den muß es sehr erfreuen, daß gegenwärtig die große Mehrzahl der Hörer in Breslau, sowie an den beiden Berliner Anstalten aus Deutschland gebürtig sind. Der Sinn und Eifer für die jüd. Theologie hat sich also auch in unserem Vaterlande wieder gehoben, was andererseits durch die wieder anwachsende Zahl von Rabbinatsstellen und der auskömmlichen Dotirung derselben gefördert wird. Hierbei wollen wir die Bemerkung nicht unterlassen, daß bei der vorherrschenden magyarischen Strömung in unfern ungarischen Glaubensgenossen schwerlich ein Deutscher als Rabbiner oder Lehrer bei einer jüd. Gemeinde Ungarns Anstellung findet. Da es nun kommen kann, daß die deutschen Gemeinden auch keine Ausländer austellen mögen, so ist es ein glücklicher Umstand, daß sich die Zahl der deutschen Rabbiner und Lehrer-Candidaten zusehends mehrt. Allerdings muß man hierbei beachten, daß höchst selten ein Deutscher ungarisch zu sprechen versteht, was jetzt in Ungarn unbedingt nothwendig ist, während die ungarischen Candidaten allesammt deutsch sprechen. Uebrigens wird wohl auch die Zeit kommen, wo der gegenwärtige Nationalitätensturm sich wieder gelegt hat und der friedliche Austausch wieder ermöglicht wird. — Der „Berliner Börsen-Courier" enthält folgenden Artikel: „In der Berliner Filiale des Münchener Vaterland, welche Germania firmirt, war kürzlich in einem Artikel über die österreichische Judenfrage gesagt worden: „Vor einiger Zeit wurde ein jüdischer Journalist Mandl, Mitarbeiter des Neuen Wiener Tageblatt, wegen Injurien gesucht. Bei der Verhandlung wurde auch seine Strafliste verlesen, welche nahe ein volles Hundert aufwies." Das Neue Wiener Tagblatt schreibt nun, daß es einen Mitarbeiter jenes Namens nie gehabt, und daß es unwahr sei, es habe überhaupt ein Mitarbeiter des Neuen Wiener Tagblattes jemals eine solche Strafverhandlung gehabt, unwahr auch, daß eine Strafliste verlesen wurde, welche nahezu ein volles Hundert aufwies. Die Germania muß wohl oder übel von dieser Richtigstellung Notiz nehmen, doch fügt sie hinzu, daß in der Sache dadurch nichts geändert werde. Es werde lediglich dementirt, daß das Neue Wiener Tagblatt einen solchen Mitarbeiter gehabt; daß aber überhaupt ein jüdischer Journalist Namens Mandl derart zur gerichtlichen Cognition gekommen, sei nicht bestritten worden und bei der Zuverlässigkeit des wiener Gewährsmannes der Germania auch nicht zu bezweifeln. Hier hat man ein reines Paradigma der specifischen Art, wie die Germania Verleumdungen verbreitet und aufrecht erhält. Der nicht existirende Mandl kann natürlich nicht bestreiten, was ihm nachgelogen worden, und aus dieser Unmöglichkeit deducirt die Germania, daß ihre Behauptungen unbestreitbare seien. In Wahrheit liegen die Dinge so, daß das Einzige, was die Germania in controlirbarer Weise gesagt hat, von Wort zu Wort als erlogen nachgewiesen ist." Bonn, 17. Juni. Aus dem Berichte über die Verhandlungen der hiesigen Stadtverordneten in der Sitzung vom 14. Juni heben wir heraus: „Punkt 3 der Tagesordnung betraf „Bewilligung eines Zuschusses zu den Kosten des jüdischen Religionsunterrichts am Realprogymnasium".